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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-06-01 · 11 (1.6.1936) · p. Seite 243

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
11 (1.6.1936)
Date
1936-06-01
Page
Seite 243 (sequence 1)
Language
German
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Das Wort ..Autorität", das wir zur Kennzeichnung eines jüdischen Phänomens heranziehen, ist nur ein unzulänglicher. Ausdruck für das, was hier beschrieben werden soll. Das Wort ist hergenommen von der lateinischen auctoritas. Dort bezeichnet es das Ansehen, die Würde, die der auctor, der Urheber einer Leistung, zu beanspruchen hat. Die Urheberschaft, die auctoritas, sie ist es, die zugleich die Ehrerweisung, die auctoritas im abgeleiteten Sinne, fordern darf. Das kulturgeschichtliche Milieu, in dem diese Begriffsverknüpfung von Leistung und Ehre beheimatet ist, wird uns deutlich, wenn wir etwa die Untersuchungen Werner Jaegers (in seinem Werk „Paideia — Die Formung des griechischen Menschen") über den Sinn des erzieherischen Ethos im griechischen Kulturkreis, den wir hier auch als typisch für die Deutung der römischen auctoritas ansehen dürfen, betrachten. Die Formung des harmonischen, des hochgemuten Menschen ist griechisches Bildungsziel. Seinem eigenen Wesensbilde folgen im Sinne des „Werde der Du bist" die ideale Wertvorzeichnung, die das Ich der Persönlichkeit zur letztenVollendung seiner Möglichkeiten treibt, im Stoff des Daseins verwirklichen, das ist der Sinn und der Gefühlsakzent jener Kallokagathie und Megalopsychie. Daß in der Haltung des frühzeitlichen adligen Ethos die heroisch-kriegerischenTugenden als die maßgeblichen betrachtet werden, berührt nicht die Sinnhaftigkeit der Tendenz auf Durchgestaltung der Persönlichkeit, die eben eine ganz bestimmte Wertstruktur verwirklicht. Für unsere Betrachtung wichtig ist aber die Einsicht, daß der Mensch der inneren Geschlossenheit, also zunächst der heroische Held, von seiner sozialen Umwelt erwartet, daß sie ihm die Ehre spende, die ihm gebührt. Man denke daran, daß das Thema der Ilias sich um die Rache des in seiner Ehre gekränkten Achilleus bewegt. Niemals hat, versichert uns Jaeger, der Träger eines Verdienstes im Altertum sich gescheut, die gebührende Ehre für sich in Anspruch zu nehmen. Ehrverzicht als Tugend der Demut ist dem klassischen Altertum fremd. Dieser Sachverhalt hängt aufs engste mit der Struktur der ethischen Erziehung zusammen. Die griechische Ethik der Frühzeit ist Vorbildethik. Der Erzieher erzieht nicht im Hinblick auf einen Sittenkodex, der abstrakte ethische Grundsätze enthielte, die er seinen Zöglingen worthaft einprägen könnte. Alle Erziehung geschieht vielmehr im Hinblick auf konkrete menschliche Vorbilder. Das Paradeigma isteine Grundkategorie des griechischen Denkens. Der epische Gesang, Pindars Gebrauch der mythischen Beispiele, die nicht als bloß stilistische Erscheinung zu werten sind, weisen darauf hin. Selbst Piatos Denken, das die griechische Ethik aus einem urtümlichen Standesethos bereits auf die Höhe universaler Gültigkeit emporgehoben hat, ist seiner innersten Struktur nach paradeigmatisch. Wenn Plato seine Idee als ein „Paradeiema, welches im Seienden gegründet ist", bezeichnet, so zeigt sich deutlich, daß hier die gleiche Denkform waltet wie im Vorbildgedanken der alten Arete-Ethik. Wir können diese Art von Autorität, die sich im vollendeten Sein des zum Vorbild erhobenen konkreten Menschenbildes verkörpert, am besten als B i 1 d a u t o r i t ä t bezeichnen. Es ist in der Tat das Bild als solches, das in sich ruhend und den Stempel der Vollendung tragend, eine mächtige erzieherische Wirkung ausübt. Franz Rosenzweig hat in seinem „Stern der Erlösung" den Helden der griechischen Tragödie auch nicht anders bestimmt als durch das Motiv der Geschlossenheit, des in sich Gerundetseins, das dort allerdings in seinem Fürsichsein den Trotz gegen die Welt gebiert. Es ist jedenfalls so, daß sich hier der auctor durchaus selbstherrlich seiner imponierenden Geschlossenheit bewußt ist und, um den Zauber des Bildes wissend, ein natürliches Recht spürt, die Antwortreaktion der Ehre zu verlangen. Ein religiös gesteigertes Analogon dieser Bildautorität wird im orientalischen Kulturkreis sichtbar. Der ägyptische König bezieht seine Autorität aus seiner Gottessohnschaft. Das verleiht ihm eine ihm substantiell zukommende Würde. Er wird zum Träger einer charismatischen Substanz, 7; Jüdischer Kulturbund in Bayern Ortsgruppe München 2., 3. nnd 4. Juni: Konzert Münchener Künstler im Museumsaal. 9. Juni: Klavierabend Bruno Eisner (Berlin) in der Synagoge Herzog-Max-Strasse.

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