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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-05-15 · 10 (15.5.1936) · p. Seite 220

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
10 (15.5.1936)
Date
1936-05-15
Page
Seite 220 (sequence 2)
Language
German
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220 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 auch der Glanz des Sohar, der nun in aufklärerischer Umwertung zu jenem „Lügenbuch" wird, das das reine Licht des echten Judentums verfinstert haben soll. Die reformatorische Polemik wird auch hier zum Hebel der historischen Kritik, die freilich, so gesund ihre Methoden und so wahr viele ihrer Thesen sind, in der Durchführung nach einigen wegweisenden Anfängen nur allzu schwächlich und unsicher geblieben ist. Die historische Kritik wird aber, um mit Jean Paul zu sprechen, die kurze Unsterblichkeit jenes „echten" Judentums überleben, dessen Geschichtsbild und Wertordnung, die uns wenig mehr zu sagen haben, sie entsprang. Von der Polemik abgelöst und um ein genaueres sachliches Eindringen in ihren Gegenstand bemüht, wird sie auch in den neuen (und zum Teil sehr alten) Zusammenängen, in denen wir die Welt des Judentums und seine Geschichte zu sehen beginnen, sich behaupten. 2. Literarischer Charakter. Das Buch Sohar ist seiner äußeren literarischen Physiognomie nach keineswegs ein einheitlich konzipiertes und aufgebautes Schriftwerk und noch weniger kann es etwa als ein systematischer Vortrag der Weltansicht der Kabbala angesehen werden, wie wir deren manche aus der Epoche seiner Entstehung und vor allem aus späteren Zeiten besitzen. Es ist vielmehr in dem in den Drucken vorliegenden Zustand eine Sammlung von Abhandlungen und Schriften, die in ihrer äußeren Gestalt reichlich verschieden voneinander sind: die meisten Stücke erscheinen als Bibelerläuterungen, kurze Aussprüche, längere Vorträge oder auch oft kunstvoll komponierte Berichte über ganze Vortragsfolgen, in denen Rabbi Schimon ben Jochaj, ein berühmter Lehrer des 2. Jahrhunderts und dessen Freunde und Schüler die Worte der Schrift nach ihrem geheimen Sinn, übrigens fast durchweg in aramäischer Sprache, deuten. Andere Stücke, freilich wenige, sind in der Form anonymer, rein sachlicher Darlegungen gehalten, ohne daß irgendeine Szenerie von Landschaft und Personen, auf deren teilweise recht dramatische Ausmalung die anderen Stücke viel verwenden, hier erkennbar würde. Manchmal ist der Vortrag von rätselhafter Kürze, oft aber werden die Gedanken in homiletischer Breite und Art und architektonisch wirkendem Aufbau sehr ausführlich dargelegt. Viele Stücke sind in einem eigentümlich enthusiastischen und feierlichen „hohen" Stil geschrieben, ja sie treten gradezu als Fragmente von Inspirationen und Niederschriften geheimer Offenbarung auf, wobei die Grenze zum Gespreizten und Bombastischen für das Gefühl des unbefangenen Lesers mitunter überschritten wird; oft ist der Vortrag, in nur leicht gehobenem Ton, prägnant und sachlich, aber in einem bestimmten Teil begegnet man einer auf die Spitze getriebenen Assoziationssucht, die bis zur Gedankenflucht auszuarten scheint. Auch äußerlich sind viele Teile durch besondere Titel als mehr oder weniger selbständige Schriften voneinander abgehoben, und keineswegs ohne guten Grund. Der Hauptteil des Sohar, nach den Tora-Abschnitten geordnet, gibt sich als ein alter Midrasch und ahmt in vielen Einzelheiten die Form der alten Midraschwerke aus den ersten Jahrhunderten nach. Im wesentlichen freilich sprengt er völlig diese Form: zu Gunsten der ganz anderen der mittelalterlichen Predigt. So weitgespannte, nach bestimmtem Plan gebaute Kompositionen, wie sie sich im Sohar über 15, 20, ja selbst 40 Seiten hinziehen, sind dem alten Midrasch völlig fremd. Hier waltet ein anderes Kompositionsprinzip. Ähnlich steht es mit den Teilen, die Midrasch ha-ne' elam („geheimer Midrasch") und Sitre Tora („Geheimnisse der Tora") heißen, die über eine ganze Anzahl von Torastücken, besonders aus dem ersten Buch, Parallelkompositionen zu dem „Hauptteil" bieten. Der „geheime Midrasch" spricht zwar viel von Schimon ben Jochaj und seinem Kreis, vermeidet aber eigentlich mystische und theosophische Gedankengänge fast ganz, und gibt in seinen wichtigsten Stücken vielmehr radikale Allegoresen der Vätergeschichten auf das Schicksal der Seele vor und nach dem Tode — Allegoresen, die ihren engen Zusammenhang mit der philosophischen Homiletik des 13. Jahrhunderts sehr deutlich kundtun. Die „Geheimnisse der Tora" hingegen, die im wesentlichen unter Verzicht auf Midraschform und Namenbeiwerk verfaßt sind, stellen den Übergang von der philosophisch-eschatologischen Allegorie zur eigentlichen mystischen Exegese dar. Die Idra rabba („große Versammlung") beschreibt in ausgezeichnetem Aufbau die mystische „Gestalt" der Gottheit im Symbol des Urmenschen, denselben Vorwurf behandelt Schimon ben Jochaj nochmal in dem Monolog vor seinem Tode, dessen sehr bewegter Schilderung die „kleine Versammlung" oder Idra sutta gewidmet ist. Anonyme „Mischnajot" und „Toseftot" tragen, als Einleitung zu anderen längeren Stücken gemeint, dunkle Inspirationen über Welt und Seele vor. Im „treuen Hirten", Raja Mehemna, unterhalten sich Mosche und Rabbi Schimon über die geheimen Gründe der Gebote. Die Tikkunhn geben noch einmal eine sehr ausführliche Erklärung zum ersten Toraabschnitt, und so gibt es hier noch mehr als zehn andere große und kleine Stücke, die als abgeschlossene Einheiten uns sichtbar sind. So ist es denn kein Wunder, daß die Frage der Einheitlichkeit des Sohar sehr unsichere Beantwortungen gefunden hat. Die vorstehende Abhandlung ist dem Buch von Scholem „Die Geheimnisse der Schöpfung — Ein Kapitel aus dem Sohar" (Bücherei des Schocken-Verlags Nr. 40; 1935) entnommen. Prof. Scholem (Universität Jerusalem) ist der beste Kenner der Kabbala, über die er grundlegend in Bd. IX der Encyclopädia Judaica geschrieben hat. Die oben abgedruckten Teile geben nur eine Einleitung für ein Verständnis des Sohar, dessen Entstehung und Autorschaft Scholem in dem Bändchen ebenfalls gründlich erörtert. Außerdem werden in dem gleichen Bändchen (als Einleitung zur Übersetzung eines charakteristischen Stückes) die Gottesanschauung des Sohar sowie die zehn Sefirot und ihre Symbolik behandelt. Scholems große Abhandlung in der Encycl. Jud. und das Schocken-Bändchen Nr. 40 bieten zusammen die denkbar beste erste Einführung in das Wesen der „Kabbala" und des „Sohar". Schwere Aufgaben in unserer Zeit Der Vorstand des Hamburger Synagogenverbands lud das Präsidium der Reichsvertretung der Juden in Deutschland zur Amtseinführung des Herrn Oberrabbiner Dr. Carlebach am 22. April 1936 ein, mit dem Wunsch, daß Herr Gemeinderabbiner Dr. Hoffmann-Frankfurt a. M. die Amtseinführung vornehmen möge. Bei dieser Gelegenheit hielt Herr Rabbiner Dr. Hoffmann eine Ansprache, die über die bei solchen Akten übliche Begrüßung hinaus, wichtige programmatische Erklärungen enthielt. Wir bringen im Folgenden einen Auszug aus der Rede, die nach den Münchener Vorträgen von Herrn Oberrabbiner Carlebach am 2. und 3. Mai (worüber wir in diesem Blatt besonders berichten) auch bei uns Interesse hat. MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister Mönchen VII Tatkraft und Tatwille! Wann waren sie notwendiger als in heutiger Zeit! Die rabbinische Wirksamkeit ist in unseren Tagen nach vielen Seiten hin ungemein schwierig geworden. Die Gründe sind zu bekannt, als daß sie dargelegt werden müßten. Aber in einem wichtigen Punkte, in einem letztlich entscheidendem Punkte ist die rabbinische Wirksamkeit leichter geworden. Die Geister sind aufgeschlossener, die Gemüter empfänglicher für des Judentums Lehren und Forderungen, für jüdische Kultur, jüdische Geschichte, jüdisches Denken und jüdisches Leben. Viele jüdische Menschen, aufgewühlt und aufgelockert, suchen aus der Ferne den Heimweg. Viele, die an den Rändern des jüdischen Lebens stehen, blicken nach Wegen aus, die mitten in das jüdische Leben hineinführen. Andere wieder suchen Orientierung zwischen vielen Wegen und Stegen, die, atomisiert wie nun einmal unser jüdisches Leben ist, allesamt als der jüdische Weg angepriesen werden. Alle diese Menschen brauchen kraftvolle und liebevolle Führung und Stärkung und Labung.

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