Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 10 (15.5.1936)
- Date
- 1936-05-15
- Page
- Seite 219 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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$oyeajcfye Jfcocliti fd)c ^cmcinöcjcitung fla#rU§ten6tatt^^ und fleö Btibnn&tä i&oyttifrfjec Zfftodif iftfjet ütemeinfan Erscheint am 1. u. 15. jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München, Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr. Plinganserstr. 64. Fernruf 73 6 65. Postscheck München 39 87, Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XII. Jahrgang München, 15. Mai 1936 Nummer 10 Inhalt: Zum historischen Verständnis des Sohar — Schwere Gemeinde Bayreuth — Aus dem Reiche — Jüdischer Turn- Aufgaben in unserer Zeit — Zum 100. Geburtstag von Samuel und Sportverein — Bücherschau — Jüd. Kulturbund in Bayern Zuckermandel — Aus der Gemeinde München — Aus .der Ge- Ortsgruppe München — Mitteilungen des Jüdischen Lehrermeinde Augsburg — Aus der Gemeinde Bamberg — Aus der Vereins für Bayern — Personalia Zum historischen Verständnis des Sohar Von Gerhard Scholem. 1. Geschichtliche Stellung des Sohar. Reichlich unzugänglich und verschlossen, wie es einem Werk geheimer Weisheit wohl anstehen mag, liegt das Buch Sohar, das wichtigste Schriftwerk der Kabbala, da. Und sei es deshalb, sei es trotzdem: keines der großen Literaturprodukte unseres mittelalterlichen Schrifttums, so viel heller und wohnlicher es in manchen darunter aussehen mag, hat eine auch nur annähernd gleiche Wirkung, einen ähnlichen Erfolg gehabt. Die Ausbildung und Entwicklung des religiösen Bewußtseins weitester und gerade der religiös erregbarsten Kreise im Judentum auf lange hinaus zu bestimmen, ja mehr: durch drei Jahrhunderte — von 1500 bis 1800 etwa — als gleichberechtigte Quelle der Lehre und Offenbarung von geradezu kanonischem Ansehen sich neben Bibel und Talmud behaupten zu können — das ist keinem andern Buch der jüdischen Literatur vergönnt gewesen. Freilich, diese Strahlungsmächtigkeit ist an dem ,.Buch des Strahlens" oder „Buch des Glanzes", wie sein deutscher Titel lauten müßte, keineswegs von Anfang an hervorgetreten, Maimunis „Führer der Verirrten", in fast allem und jedem das Gegenstück zum Sohar, wirkt unmittelbar und unverstellt in seine Zeit hinein, bewegt vom Moment seines Erscheinens an, die Gemüter und versetzt sie in Begeisterung oder auch in Aufruhr, verliert aber nach zwei Jahrhunderten tiefer Wirkung immer mehr von seiner bewegenden Kraft und verlöscht schließlich für das Bewußtsein der breitesten Schichten während langer Jahrhunderte fast ganz, bis ihn am Ende des 18. Jahrhunderts die jüdische Aufklärung wieder hervorholt und als Macht in ihrem Kampf zu aktivieren sucht. Anders der Sohar, der aus fast völliger, nur schwer durchdringlicher Anonymität und Verborgenheit heraus seinen Weg antritt. Er hat die Zeitgenossen noch hundert Jahre lang und mehr so gut wie gar nicht interessiert. Als er erschien, sprach er das Fühlen einer sehr kleinen Schicht von Menschen aus (und daher auch an), die in lose zusammenhängenden Konventikeln um ein neues, mystisches Verständnis der Welt des Judentums sich mühten und am wenigsten ahnten, daß gerade dieses Buch unter den vielen, die ihre neue Weltansicht unter Allegorien und Symbolen auszudrücken suchten, sich allein durchsetzen würde. Der dünne Schatten vom Skandal, der über seinem ersten Erscheinen in der Literatur und Öffentlichkeit lagert, das Rätsel der illegitimen Geburt einer literarischen Fälschung, war schnell verflogen und vergessen. Sehr langsam, aber sicher hat die Wirkung des Sohar sich entwickelt, und als die Schichten, in denen er Autorität gewann, sich ihrerseits als die Träger einer neuen, Autorität beanspruchenden und sie in der Tat erlangenden, religiösen Haltung in den Stürmen der jüdischen Geschichte erwiesen, erfüllte der Sohar in spätem, aber überaus intensivem Nachleben die gewaltige historische Funktion eines, Bibel und Talmud auf einer neuen Schicht des religiösen Bewußtseins ergänzenden, heiligen Textes. Diesen Inspirationscharakter erkennen ihm viele jüdische Gruppen Osteuropas und des Orients bis in unsere Tage hinein zu und schrecken auck keineswegs vor der letzten Folgerung zurück, die aus der Anerkennung heiliger Texte seit je und je gezogen worden ist: daß nämlich letzten Endes ihre Wirkung auf die Seele keineswegs von ihrem Verstandenwerden abhängt. Erst mit dem Zusammenbruch jener Lebens- und Glaubens-Schicht, in der die Kabbala eine geschichtliche Macht darstellen konnte, erlosch Jüdischer Kulturbund in Bayern Ortsgruppe München 31. Mai: Symphoniekonzert des Kulturbundorchesters München in der Synagoge Berzog-Üfax-Strasge. 3. und 4. Juni: Konzert Münchener Künstler im Museunisaal. 9. Juni: Klavierabend Bruno JBisner (Berlin) in der Synagoge Berzog-Max-Strasse.