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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-05-01 · 9 (1.5.1936) · p. Seite 196

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
9 (1.5.1936)
Date
1936-05-01
Page
Seite 196 (sequence 2)
Language
German
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196 Bayerische Israelitische Gememdezedtung Nr. 9 Blaue Karte für Hilfe und Huf bau. Je größer die Not, desto stärker die Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfe. Nur mit der Blauen Karte können die Aufgaben der Altersversorgung, Berufsumschichtung u. Äuswanderung erfüllt werden. Kein Mitglied unserer Gemeinde ohne blaue Karte! Wir helfen uns selbst, wenn wir die blaue Karte erwerben. -zas „Dein Reich komme!" beeindruckt den Leser durch die dichterische Kraft, mit der die gewaltigen Strömungen einer glänzenden Kulturperiode. an der <d!ie Juden reichen Anteil hatten, aufeinander abgestimmt uinidl in einem Brennpunkt (Chiliasmus eines Sabbatai-Zwi) vereinigt werden. Auch seinem jüngst erschienenen Werke1 eignet der Vorzug des kühnen Wurfes, der festen subjektiven Überzeugung. Aber damit sind auch seine Schwächen, die Schranken seiner Wirksamkeit gegeben: Einseitigkeit der Auffassung, Willkür in der Auswahl des Stofflichen. Geschichte dies jüdischen Volkes, wie ich sie sehe, — diese vier Wörtchen hätte Theiilhaber dem Titel beifügen können. Also nicht ein Werk für Gelehrte, dienen es auf sicheres, wenn auch beschränktes Wissen ankommt; wohl aber für Leser, die sich ein Bild davon machen wollen, wie es gewesen sein könnte, wie ungefähr alles zusammenhängt, die angeregt werden wollen — und sollen, sich überhaupt mit der Materie zu befassen und dadurch — Theilhaber zu überwinden. Nicht als ob der Verfasser nicht Kenntnisse vermittelte. Sein leidenschaftlicher Geist schwelgt sozusagen im Farbenreichtum einer wildibewegten Zeit. Aber der Leser ist nicht in der Lage, die Richtigkeit der Theilhabersehen Thesen zu prüfen, weil Theilhaber es unterläßt, seine Quellen anzugeben oder Belegstellen anzuführen. Er unterscheidet nicht zwischen den feststehenden, gesicherten Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschiutaig und bloßen Hypothek sen. Wo unter den Fachgelehrten die Meinungen geteilt simdi, entscheidet sich Theilhaber für eine derselben, ohne die anderen zu würdigen oder zu sagen, warum er sich für jene entscheidet. Nun interessiert sich ja der Durchschnittsleser wirklich nicht für die Streitigkeiten der Gelehrten untereinander, er will fertige Ergebnisse, er interessiert sich überhaupt nur für das, was auch Theilhaber interessiert hat, nämlich gewisse Höhen- und Spitzenpunkte im bald ruhig dähinfliessenden, bald ' gichtisch sprudelnden und rauschenden Strome der Geschichte. Manches, was Theilhaber. auf Grund seiner aus Liebe zum Judentum und seiner Vergangenheit unternommenen, zweifellos umfassenden, aber vielleicht nicht immer aus ersten Quellen stammenden Studien behauptet, mag sich als unrichtig herausstellen, über manches der Fachgelehrte ohne weiteres lächeln oder die Nase rümpfen. Aber das Stimmengewirr auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte des Altertums ist so groß, daß der Leser bald ermüden oder in die «größte Verwirrung geraten würde, wollte man ihn umständlich mit jener Polemik bekannt machen. Vereinfachung ist also geboten, aber jede Vereinfachung sieht einer Vergewaltigung verteufelt ähnlich. Es fragt sich also, was den Vorrang im Theilhabersehen Vorstellungskreise einnimmt. Seine Methode kann man mit einem Modewort als „soziologisch" bezeichnen, aber es ist nicht die neuere, „verstehende" Methode der Soziologie, die den Sinn - der Geschichte zu deuten versucht, sondern die ältere, positivistische Methode eines Auguste Comte. Man bezeichnet diese 1 Felix A. Theilhaber, Im Kampf um- Gott, * Volk un d Land. Geschichte der'Juden in E r e z- Israel (1300 vor bis 300 n. Chr.). Verlag Kedem, '.Berlin, (ßd. 1 einer „Geschichte des jüdischen V oTk e s" in 2 B ä n d e n.) 19 7 S e i t e n. Methode auch als „materialistisch" oder naturwissenschaftlich — und in der Tat hat sie fast nur noch in dien Kreisen der Naturwissenschafter, Ärzte2 und — Statistiker einige Verbreitung. Kriege entspringen nach Theilhaber „materiellen Beweggründen", und „die nationalen Gegensätze sind in Wirklichkeit Wirtschaftskämpfe" (S. 70, 71). Die starke Berücksichtigung der wirtschaftlichen Faktoren ist denn auch wirklich ein besonderer Reiz des Teiilhabersehen Buches. Daß die Juden als kriegerische Nomaden (Max Weber: Kleintierzüchter) sich ursprünglich auf den Waldhöheh niederließen (S. 116 u. a. a. O.), ist eine Grunid-tatsache der jüdischen Siedllungsgeschichte. Die wirtschaftliche Struktur Palästinas zur Zeit des Zusammenstoßes mit den Römern ist bei Theilhaber im ganzen richtig dargestellt, aus der Schwäche Palästinas in der damaligen „Weltwirtschaft" wird manche treffende Schlußfolgerung gezogen. Den überlieferten Bevölkerungsziffern! widmet Theiilhaber natürlich, besonderes Interesse, übertriebene Angaben werden berichtigt. Mit den wirtschaftlichen Verhältnissen hängen die sozialen eng zusammen. Die weltgeschichtliche Bedeutung der sozialen Institutionen des Judentums wird von Theilhaber gebührend gewürdigt. Theilhaber untersucht die Durchführbarkeit des Sabbatjahres und des Jobel'jahnes und die Verbreitung der Sabbatrühe im antiken Kulturkreise. Aber diese Institutionien stehen am Schlüsse der religiösen Entwicklung Israels. Der Entwicklungsgedlanke beherrscht überhaupt das Theilhabersche Buchs. Die israelitische Religion bat sich von einer nationalen Naturreliigion zu dinier .abstrakten Weltreligaon entwickelt. Die einzelnen Phasen dieser Entwicklung gehen Hand in Hand mit dem Werden und Wachsen der Bibel (des „Kanons"), der Apogryphen und Pseudoepigraphen. An diesem schwierigen 'Kapitel geht Theilhaber keineswegs vorbei. Für die Prophetie und die spätere Spruchliteratur findet er warme Worte der Anerkennung ihrer Bedeutung. Dadurch entsteht eine Bruchstelle im sonstigen positivistischen Gedankengang, über die der aufmerksame Leser lächelnd quittiert: die Frage nach dem Ursprung der Prophetie bleibt ungelöst. Besonders gut (gelungen ist die Schilde runig der Auflösung der jüdischen Siedlungen in Palästina, auch der Faehimann wird hier manches neue finden. In fliegendem Atem werden die letzten Ereignisse erzählt. Es ist, als wenn Jahrhunderte übersprungen würden —.die Schiffe warten, um die neuen Ankömmlinge aus dem müden Europa hiniüberzubringen. Noch ein Wort zum Theilhaberschen Stil. Man hat ihm schulmeisterlich Fehler im Satzbau nachgewiesen. Zugegeben, daß sein Stlil nicht immer gepflegt, manchmal „schnoddrig". Aber er besticht durch Frische und Lebendigkeit, durch die Wärme der Persönlichkeit, deren Spiegel er ist. Theilhaber ist unmittelbar, nachdem er die Feder niedergelegt, nach Palästina übergesiedelt, und da mag es sein, daß manche nur flüchtig hingeworfene Stelle stehen geblieben ist. Aber ist dies nicht ein Symbol unseres ruhelosen Daseins? __ Professor Arthur Cohen. 2 Theilhaber ist Arzt. Auch Franz Oppenheimer, ursprünglich . Arzt, kann man als Anhänger dieser soziologischen Schule bezeichnen.

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