Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1936
- Issue
- 4 (15.4.1936)
- Date
- 1936-04-15
- Page
- Seite 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 11 Nach Anatot, der Heimat Jeremias, zum Nachal Perat und durch die Wüste Juda Wilde, fast unberührte Naturlandschaft im Gebirge. Am frühen Morgen stiegen wir, mein Kollege und ich, die Straße nach Nablus den Skopusberg hinauf. Hinter uns die Stadt Jerusalem mit ihren Kuppeln und Türmen,. Mauern und Toren. Rechts auf der Höhe über steilem, steinigem Häng die Gebäude der Universität. Links in weiterer Ferne krönt mit spitzem Turm Nebi Samwil, das ehemalige Mizpe, den Gipfel des höchsten Berges. „Vor dem weißen Mergelhügel mit bewaldeter Kuppe zweigt rechts eine Chaussee ab*', sagt der Reiseführer. Aber Mergelhügel mit Wald sind einige zu sehen und der Feldweg vor uns ist nicht gerade als Chaussee anzusprechen. Da kommt ein Araber in fliegendem weißen Burnus den felsigen Weg herabgesprengt. Es sieht gefährlich aus. Aber der einzelne weiße Reiter auf dem galoppierenden Pferde paßt zu dem Wege, der in ubekümmerter Breite zwischen den aus dem Boden ragenden Mergelkalk eingefurcht ist, zur herben, graubraunen Farbe des stachelbewehrten, auch in seiner Dürre noch stolz-steifen Distelgestrüpps, zu der runden, in sich geschlossenen Kuppenform der Hügel. Auf unsere Frage weist et den Weg nach Anata. Wir gehen um den Hügel herum und kommen tatsächlich auf die angeführte Chaussee, eine gute Fahrstraße, die wegen der Wasserversorgung Jerusalems aus dem Bache-Perat angelegt wurde. Zur Linken begleitet uns ein breites Tal, zur Rechten steigt der Berghang steil empor. Ein Araberhirte weidet auf dem dürren Grase eine Herde von Schafen und Ziegen in glänzend schwarzem Haar. Über unseren Köpfen kreist der palästinensische Adler, der Neschen Nein, drei, vier, fünf kommen so tief herab, daß man die suchende Bewegung des scharfen Gesichts deutlich sieht. Ruhig schweben sie mit ihren mächtig ausgebreiteten Schwingen im Kreise. Prächtig das goldgelbe Gefieder der Flügel mit einem breiten schwarzen Saum. Der harte Kreidekalk mit seinen kantig aus der rotbraunen Verwitterungserde hervortretenden Schichtbänken terrassiert auf natürliche Weise die steilen Hänge des Talrundes und die aufragenden Höhen. Die stille Unberührtheit, die lebhafte Bewegung der Berglinien, die wie Feinliniatur um die Berghänge laufenden Schichtmarken, die im Sonnenlicht gelbgraubraun bis Rupferbronzefarben glänzende Landschaft, das alles ist so herb und doch so warm und durchdringend, daß man keinen Vergleich findet mit unseren vom Grün ins Graublau variierenden Landschaften. Für die Aufnahme eines Lichtbildes reichen die Mittel nicht aus. Die feine Farbenschattierung, die den Reiz farbiger Luftperspektive erzeugt, ist schwer auf die Platte zu bringen. Meist ist es auch gerade die Weite der Formen, die der Landschaft Charakter verleiht; die Kamera aber liefert nur einen kleinen, allzu kleinen Ausschnitt. Daher sind die Bilder, die man häufig zu sehen bekommt, meist flach, tot, langweilig. Darum darf man keine Mühe scheuen, um kräftigen Vordergrund auf das Bild zu bekommen, und muß man frühmorgens beizeiten zur Stelle sein, solange der scharfe Schlagschatten der Berge auch die Ferne noch deutlich gliedert. Bei gutem Blick lassen sich fast überall eine markante Baumgruppe, überhängende Kronen und Zweige von knorrigen Ölbäumen oder Sträuchern, steile Felsblöcke oder Sfeinterrassen finden, die der Landschaft auch zeichnerisch, nicht nur malerisch, Tiefe geben. Von Ölbaumpflanzungen umgeben, klettert das kleine, ärmliche Araberdorf Anata den gegenüber liegenden flacheren Berghang'hinauf. Bergkette hinter Bergkette erhebt sich nach Norden hin, durchfurcht von tiefeingeschnittenen Wadis, auf deren Sohle wir nicht hinabsehen können. Links von uns der, steile Aufstieg der ersten Längsverwerfung zum Jordangraben. Rechts sehen wir weit am Steilabbruch der zweiten Verwerfung entlang.'Scharf hebt sich der Absturz von den weicheren Formen der Berge der oberen Kreide ab. Greifbar nahe trägt die klare Luft den Jordan mit seiner breiten Ebene, das Tote Meer und dahinter,, blau aufstrebend, die Berge Moabs. Das ist die Heimat Jirmijahus. Von Anatot folgen wir der Fahrstraße, die an zwei Pumpwerken .vorbei zum.Wadi Fara, dem Nachal Perat der Bibel1 führt. Steil-bricht, die Berghöhe, 500. Meter zur engen Talsohle auf Meereshöhe, hinab^lper Fahrweg gewinnt in zahlreichen, engen Schleifen die, Tie$£v Die gegenüberliegende Talwand fällt im 1 Jeremia 13, 4—7.'~ ' SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÖNCHEN, THEATINERSTR ASSE 17 Spezialität: BALLY-SCHUHE unteren Teile senkrecht ab. Wir gehen einen ausgetretenen Fußr steig, verlieren ihn, finden einen neuen, der uns aber nach einiger Zeit mühevollen Abwärtskletterns anscheinend von der Pumpstätion, die klein von der engen Talsohle heraufblickt, wegführt. Wir gehen weiter, und plötzlich stehe ich vor einem wildromantischen Landschaftsbild: der Pfad führt bis an den Rand der Steilwand, die teilweise überhängend in die Tiefe stürzt; zugleich gibt ein hoher Felsen, um den der Pfad im letzten Augenblick führte, den Blick frei in den wildzerklüfteten Talanfang des Nachal Perat. Ein einige 100 Meter im Durchmesser breiter Talkessel wird an allen Seiten von senkrecht abstürzenden Kalkfelsen umschlossen, waagerecht dickbankig geschichtet, senkrecht durch lange Wasserrisse zerklüftet, von der Verwitterung rostrot bis goldbraun gefärbt. Die Talsohle mit Geröll bedeckt, eingeengt durch abgestürzte Riesenblöcke von über Haushöhe. Dazwischen grüne Büsche mit leuchtend roten Blüten, und — sonderbar in dieser Wildnis — ein kleiner wohlgepflegter Garten, dessen geschlossenes Grün eigenartig der Wildheit der Umgebung sich entgegensetzt. In 100 Meter Höhe über dem Talboden hängt im Felsen ein Kloster russischer Mönche. Der weit überhängende Fels schützt es von oben. Ein steiler Pfad führt zum Holzvorbau und dem aus Steinen gefügten Haupthaus. Fast könnte man glauben, daß es aus dem Fels herauswächst, so sehr.gleicht der Baustein dem Naturfels. Kurz vor uns öffnet sich eine Höhle, deren geräumige Vorhalle schwarz aus dem Felsen gähnt, verrußt vom Feuer russischer Einsiedlermönche, die hier bis zum Kriegsbeginn gehaust haben sollen. Wir klettern zum Eingange der Höhle hinauf. Von dort aus hat man durch die Öffnung das Bild des wilden Talkessels, nur jetzt eigenartig in schwarzen Rahmen gefaßt. Von gleicher Schroffheit der Formen und kaum gemilderter Wildheit zieht sich das Wadi, sich manchmal auf kaum 10 Meter verengend, fast drei Stunden lang abwärts bis zur nächsten Pumpstation der Wasserleitung beim Ejn Fawar. Zwischen hohen Büschen, über grobes Kiesgeröll, über glattgescheuerte Kalkbänke, durch mete;rtiefe 'Strudellöcher führt das Tal weglos durch die hohen Felswände hin, die allenthalben in der Höhe rußgeschwärzte Einsiedlerhöhlen bergen. In das enge Tal reicht die Wirkung des Bergwindes nicht hinab, brütend heiß, ohne Kühlung, war diese über drei Stunden währende Wanderung in der Mittagszeit die anstrengendste, zugleich vielleicht auch lohnendste Tour im Lande. Siegfried Freudenberger s. H. Würzburg. Kaum hat sich der Grabhügel gewölbt über die Gebeine, unseres geliebten Kollegen Simon Freudenberger dahier, noch vor Ablauf der Schloschim mußten wir dessen.Bruder, Oberlehrer Siegfried Freudenberger, zur ewigen Ruhe betten. Wer hätte das gedacht, wer konnte solches ahnen bei dem stets vorzüglichen Gesundheitszustand des Siebzigjährigen? Rasch tritt der Tod den Menschen an! Nach kurzer, mehrtägiger Erkrankung wurde uns der liebe Freund und Kollege entrissen. Die Beerdigung ani Montag, den 2. März, gab Zeugnis von dem schweren Verluste, den die Familie, die Lehrerschaft, die Gemeinde, das Judentum erlitten. In beredten Worten beleuchtete Herr Rabbiner Dr. Hanover den Lebensgang des Verblichenen, sein Wirken und Streben als Lehrer und .Erzieher in den Gemeinden Burgsinn, Memmelsdorf, Reckendorf und Thüngen, von welchen Orten zahlreiche Teilnehmer an der Trauer herbeigeeilt waren, vielfach ehemalige, dankbare Schüler. Das Glück harmonischen Familienlebens verschönte das Dasein des Dahingegangenen. Zwei Schwiegersöhne gehören selbst dem Lehrberufe an, ein Sohn ist Arzt. Von den Behörden wurden das Streben und die Erfolge des "tüchtigen Lehrers: stets vollauf gewürdigt. So könnte der in den Ruhestand Getretehe seinen Lebensabend seelisch befriedigt in Würzburg im Kreise vieler anderer Pen-