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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1936-04-15 · 4 (15.4.1936) · p. Seite 10

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1936
Issue
4 (15.4.1936)
Date
1936-04-15
Page
Seite 10 (sequence 1)
Language
German
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(Mitteilungen öea JüDif^en ietjrernereina für ßapern Schriftleitung: Max Adler, München. 1936 München, 15. April Nr. 4 Die Landschaft in Erez Israel Von Dr. Hugo Mandelbaum. Im Sommer vorigen Jahres besuchte unser Hamburger Kollege, Dr. Hugo Mandelbaum, Erez Israel. Auf seinem Fahrrade und als Fußgänger durchstreifte er alle Gebiete Palästinas, insbesondere solche, die sonst von Touristen nicht aufgesucht werden. Viele wertvolle Erkenntnisse und ein sehr reiches Bildermaterial von eigenen, vorzüglich gelungenen Aufnahmen sind das Ergebnis dieses sechswöchigen Aufenthaltes. In dankenswerter Weise hat Freund Mandelbaum unserm Ersuchen, in einigen Aufsätzen über die Landschaft in Erez Israel zu berichten, stattgegeben. Wir sind der Uberzeugune. daß diese Arbeit unseren Kollegen willkommenen Stoff für den Palästinäkundeunterricht bietet. Da die Arbeit erst in den letzten Tagen hier eintraf, konnten einige der beigelegten Photographien in dieser Nummer nicht mehr gebracht werden. Wir haben die Absicht, bei der Fortsetzung, auf die wir rechnen, dieses Versäumnis nachzuholen. (Die Schriftleitung.) Nicht leicht hat mich je eine Landschaft so überrascht wie die von Erez Israel. Die Gegenden, die ich bisher durchwanderte, entsprachen alle annähernd dem Bilde, das ich mir auf Grund von Beschreibungen und Abbildungen entworfen hatte. Sei es nun, daß alle Beschreibungen zu dürftig sind, oder daß geistige Spannung durch ideelle, gefühlsmäßige Dinge eine Steigerung erfährt — wer mit offenen Augen das Land durchwandert, wird überrascht von der Fülle der Formen, der Lebhaftigkeit landschaftlicher Bewegtheit, der Erhabenheit und Ruhe für unempfindliche Augen anscheinend öder, toter Strecken, vor allem aber von der Farbenpracht des Lichts, die eine kristallklare und doch wieder sichtbare Atmosphäre im Verein mit der strahlenden, überhellen Sonne in die Landschaft, auf das rotangewitterte Gestein, die grauen, halbverdorrten Grasbüschel, die saftgrünen Baumgruppen zaubert. Mai, Juni, Juli — absterbende Pflanzenwelt, so wird der Sommer in den Büchern charakterisiert. Ist es dann zu verwundern, wenn das innere Auge sich darauf einstellt, allüberall Mattheit, Ohnmacht, verschmachtende Landschaft zu finden, daß man sich festigt, von dem Tod nicht erdrückt zu werden, um dahinter das vergangene Leben und das künftige zu sehen? Mag sein, daß die Farbenpracht des Frühlingsflors, das alles rasch überziehende Grün des Vormärz die Landschaft anziehend, leicht, froh macht. Der Sommer zeigt sie unyerhüllt, monumental. Ich bereue nicht, das Land im Sommer gesehen zu haben. Gerade dann, wenn die Schönheit nicht alltäglich ist, wenn es geistige Anstrengung bedeutet, sie ganz zu fassen, gerade dann empfindet man höchsten Genuß, weil man hinter der Form auch die Seele, die verwandte oder andersartige, empfindet. Noch etwas kommt hinzu, wenn ich eine Landschaft erleben will. Ich empfinde, daß ich nicht nur geistig tätig sein muß, sondern daß ich erst dann mit der Landschaft eins werden kann, wenn sie auch körperliche Anstrengung von mir verlangt. Man muß <sich die Landschaft heranholen, zähe wie an vielen Stricken ziehen, um sie festzuhalten, in sich hineinziehen zu können. Wer sich fahren läßt, gewinnt buchstäblich nicht den Boden unter seinen Füßen. Abgesehen davon, daß die charakteristische Einzelheit, das Intime, die Kleinformen der Landschaft dem Auge in der Schnelligkeit der Fahrt verborgen bleiben. Ich habe daher trotz aller Schwierigkeiten und gegenteiliger Ratschläge das Land mit dem Rad durchfahren oder durchwandert. Ich will versuchen, aus der Erinnerung einige Landschaften zu beschreiben. Schefela — die Niederung. Sommertrockenheit, Dürre. Wer denkt da nicht an Gleichmaß und Einerlei, dem man nur mit verfeinertem Naturempfinden landschaftliche Reize abgewinnen kann? Ich wollte die großen jüdischen Siedlungen, Mikwe Jisrael, Nes Ziona, Rechowot, die Arbeitersiedlungen in ihrer Umgebung bis Gedera besichtigen. Ich1 war gespannt auf die kolonisatorische Leistung und wurde überrascht von der Vielgestalt der Schefela — der Niederung. Man fährt auf erstklassiger staubfreier Straße von Tel-Awiw- Jaffa nach Süden, nach D'rom Jehuda, die gleiche Straße, .die nach Jerusalem führt. Eine ununterbrochene Kette von Autobussen, Last- und Personenwagen, Kamelkarawanen, auf Eseln reitenden Arabern, mit Maultieren bespannter Wagen. Je weiter wir uns von der Stadt entfernen, desto bewegter wird die Landschaft. In der Nähe der Stadt wird der eigentliche Landschaftskern gleichsam verhüllt durch die. bewegte Stadtsilhouette, durch den Wechsel der mit dichtem Kaktusgehege umzäunten Pflanzungen, hochragender Palmen mit der Vielfalt menschlicher Bauten — arabische Kaufläden, heilige Gräber mit mehrfachem Kuppeldach, Brunnen, ärmliche Hütten und in sich gekehrte Wohnbauten — eine Buntheit der Formen, welche durch die Mannigfaltigkeit des sich auf der Straße drängenden Lebens noch gesteigert wird. Man wird buchstäblich gefangen genommen von dieser Vielfalt, die übermächtig die Landschaft beherrscht. In demselben Maße aber wie diese Bewegung und Vielgestalt mit der Entfernung von der* Stadt abnehmen, offenbart sich die Lebhaftigkeit der eigentlichen Landschaft. Die Schefela enthält neben anschwellenden Hügeln, die allein schon eine ruhige Bewegtheit in die Landschaft bringen, steilere Höhen festen, anstehenden Kalksandsteins. Unterstützt durch die beruhigende Wirkung wohlgepflegter Bodenbebauung durch den Menschen, atmet die Landschaft sanfte Leichtigkeit, beruhigendes Gleichmaß. Trotz guten Überblicks verliert sich der Blick nicht in die Weite, wird aufgefangen von den sich überschneidenden Linien hintereinander gleitender Hügel. Auf tief ausgefahrenem Sandweg komme ich auf und ab durch das Hügelgelände. Zwischen schlank in die Luft strebenden dunklen Zypressen bietet sich bei jeder Steigung, bei jeder Wendung des Weges ein neues Kleinbild. Hinter der Zypressenreihe drängt sich das dunkle Grün der Zitruspflanzung, leuchtet das satte Erdrot der palästinensischen Verwitterungserde. Aus der Nähe und dann wieder aus weiterer Ferne dringt das gepreßt abgehackte Stoßen der Explosionen kräftiger Rohölmotoren. Metertief in den Sand gerissene breite Wasserrisse am Rande des Weges, dort wo. sich im Tale zwischen drei Hügeln zwei Wege treffen. Wilde Naturgewalt vor und neben den von Menschen umhegten Plantagen mit ihren so wohltuend beruhigenden Linien ausgerichteter Baumkronen. Vom Turme des Kinderhauses in K'wuzat Schiller, einer Arbeitersiedlung in der Umgebung von Rechowot, hat man einen umfassenden Blick auf das weite Vorland bis zum Meere, auf das Hügelgelände dahinter. Die kleinen, sauberen Häuschen der Siedlung im Vordergrunde blicken über das sich sanft absenkende Gelände, das von den Siedlern bearbeitet wird. Links der Pardes mit seinen wohlausgerichteten kräftigen Bäumen, immer einer vier Meter vom andern entfernt und doch mit der Krone bis auf einem Meter sich nähernd, vor uns das helleuchtende Maisfeld, Grünfutter für die Milchkühe, der Gemüsegarten, der Weinberg, die Pflanzschule und dort, wo die hohen Stauden breite, zerfetzte Blätter im Winde spielen lassen, der Bananenhain. Durch weiche Bodenwellen geführt, gleitet der Blick immer über Grün, über kleine und große Siedlungen zu einer steilaufragenden Hügelkette. In sinkender Sonne leuchten darauf weiße Häuser arabischer Dörfer, die wie kleine Festungen den Berghang bewachen, die Höhe krönen oder sich dicht, wie Schutz suchend, in Furchen des Bergrückens einschmiegen. Wird dort der Blick gefangen, so sucht er nach links" das Weite über hochaufgetürmte Dünen; deren weißgelber Sand sich sonderbar abhebt von dem Grün der Felder und dem Lichtblau des Himmels. Bei scharfem Zuschauen kann man zwischen Dünen und Himmel noch einen Streifen des Meeres erkennen. Wir wenden unsern Blick nach links und werden von einer über die vorderen Hügel aufragenden Höhe festgehalten. Weißleuchtende Häuser mit reichen Fensterreihen umsäumen den Gipfel. Spitze Zelte in großer Zahl liegen davor. Giwat Brenner grüßt über die Pardeshügel zu uns herüber.

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