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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-04-01 · 7 (1.4.1936) · p. Seite 152

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
7 (1.4.1936)
Date
1936-04-01
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig Umfelder- CmiJf. Wündfcn. im9totentai stätigung unseres eignen, so tief beschatteten, aber nicht ruhmlosen Weges erfahren können. Dabei sind uns Standard-Werke wie die beiden hier angezeigten ein unentbehrlicher Behelf. Man lese etwa bei LJetzmann (im zweiten Band) nach, wie nach den Zeiten Trajans und Hadrians das Judentum allmählich aus dem Gesichtskreis des Historikers verschwindet und die ecclesia triumphans sich an seine Stelle setzt. Es ist zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrhunderts: „Noch einmal sehen wir diese Großmacht des Abendlands (das Judentum) ihre Kraft eindrucksvoll entfalten: die Synagoge von Dura zeigt uns mit ihren prächtig bemalten Wänden, wie weit diese Juden bereit waren, eigene Tradition dem Reiz hellenischer Kultur zu opfern. Und das war in dieser Gegend ein neues Streben: unter dem Bau des Jahres 245 hat sich eine ältere Synagoge gefunden, die in der bunten Dekoration die völkische Sitte noch ängstlich wahrt. Das läßt uns auch in diesen Ländern in einen Kampf zwischen Griechentum und Talmud hineinsehen, dessen Akten der Geschichte verloren gegangen sind und der zur Tragik im Schicksal des Volkes Israel gehört. Der Talmud von Babylon blieb Sieger und gab der Geschichte der Juden die geistigen Richtlinien." So dienen die .neuesteh archäologischen Funde der Aufhellung bisher unbekannter jüdischer Entwicklungsstadien. Für die gesamte jüdische Geistesgeschichte gibt es, was das erste Viertel des Jahrtausends (bis etwa 250 nach Chr.) angeht, kaum eine erhellendere Lektüre als eine gute moderne Kirchengeschichte. Die meisten Probleme daraus, von den Evangelien über die Entstehung der christlichen Glaubensregel zu der verwickelten Ketzergeschichte, sind auch den gebildeten Juden unbekannt, obwohl es sich hier um die Erkenntnis der wahren Natur des menschlichen Geistes und um unser eigenes Schicksal handelt. Die dichte, auf einer langen Lehr- und Forschererfahrung beruhende Art der Darstellung in den beiden hier zur Rede stehenden kirchenhistorischen Werken gestattet es nicht, in diesen Blättern auch nur einen Uberblick über die Fülle des Gebotenen zu geben, nicht zu reden von einer Auseinandersetzung mit der dogmatischen Haltung beider Autoren zur Rolle des Judentums in der fraglichen Epoche; diese Rolle ist von beiden Verfassern vom Standort des unbestrittenen äußeren christlichen Sieges und der universalhistorischen Diffamierung des Judentums, nicht anders wie in den klassischen mittelalterlichen Kunstwerken „Synagoge und Ekklesia" aufgefaßt. Das ist allerdings wohl die einzige gemeinsame Auffassung des katholischen jund^protestantischen Kirchenhistorikers, sonst klafft nicht nur die Grundhaltung, sondern auch das Ergebnis über viele Einzelfragen auseinander. SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÖNCHEN, THEAT1NERSTRASSE 17 Spezialität: BALLY-SCHUHE Lietzmann hat im übrigen folgende beherzigenswerte Sätze über echte Geschichtswissenschaft in dem Jesus-Kapitel des ersten Bandes ausgesprochen: „Tatbestände haben ihr eigenes Schwergewicht und fordern ihr Recht von ernster Wissenschaft: sie setzen sich durch und behalten schießlich das Feld.....Es gibt nur eine historische Methode: wenn von besonderen Methoden religionsgeschichtlicher, legendenkritischer, formgeschichtlicher, kultgeschichtlicher Art gesprochen wird, so sind das in Wirklichkeit nicht neue Methoden, sondern, neue Gesichtspunkte, die geeignet sind einander zu ergänzen und / das Handwerkszeug der einen historischen Methode zu verbessern. Vereinzelt richten sie leicht Schaden an." Wäre je die Eigengesetzlichkeit jüdischer Geschichte, der ununterbrochene Fluß jüdischen Schicksals von den Anfängen bis heute, gänzlich undogmatisch, nur von dem unverbildeten, geschärften, unbestechlichen Historikerauge erfaßt, ins Blickfeld großer Gelehrter von dem Ausmaß Ehrhards oder Lietzmanns geraten, so könnte die eben skizzierte'historische Methode ein hocherfreuliches Ergebnis zeitigen auch für die Betrachtung der durch alle Epochen so schmerzhaften Schnittfläche, auf der sich jüdisches und außerjüdisches Denken und Geschehen treffen. Aus den neuen Werken des Bonner und Berliner Historikers können wir nur indirekt — allerdings sehr viel und sehr viel Neues — für unsere eigene jüdische Geschichte lernen. Auch diese neuen Erkenntnisse, hinter einer oft für uns schwer zu überwindenden theologischen Schranke, haben wir aufmerksam und dankbar hinzunehmen. Es hängt mit der Natur der Sache und des Forschungsgebietes zusammen, daß nur wenige jüdische Gelehrte sich mit der in Frage stehenden spätantiken Zeit, soweit sie die außerjüdische Haltung zu dem versinkenden Judentum betrifft, in eigenen Arbeiten beschäftigt haben. Namentlich das große Phänomen der Aneignung jüdischen Geistesgutes bei einem gleichzeitigen Anathema gegen den jüdischen Geist, ist noch nicht genügend beachtet worden. Auf zwei umfangreiche, echt wissenschaftliche, weil theologisch-dogmatisch unabhängige Arbeiten zu den Problemen, die auch Ehrhard und Lietzmann behandeln, von jüdischer Seite aus neuester Zeit sei hier nachdrücklich aufmerksam gemacht. Es ist das außerordentliche Werk von Hans Jonas über die „Gnosis" (Göttirtgen 1934); dieser Gnostizismus, benannt nach dem Anspruch, seinen Anhängern wahre Erkenntnis (= Gnosis) der Gottheit und des Wegs zur Erlösung durch besondere Offenbarungen und Mysterien-Einweihungen zu vermitteln, war die stärkste Gefahr, die das werdende Christentum zu bestehen hatte. Daß das Phänomen der Gnosis, von Lietzmann und Ehrhard in längeren Grundabschnitten nach Wesen und Herkunft dargestellt, jetzt durchleuchtet ist und sich herausgestellt hat, daß aus der Bekämpfung der „Gnosis" die mit dem Evangelium manchmal unvereinbar erscheinende, absolut judenfeindliche kirchliche Omnipotenz „siegreich" hervorgegangen ist, verdanken wir dem neuen Werk des jüdischen Gelehrten Hans Jonas. Ebendeshalb nur im Vorübergehen sei hier endlich auf die große, fast 200 Seiten starke Abhandlung von Robert E i s 1 e r im zweiten Eranos-Jahrbuch 1935 (erschienen im Rhein-Verlag 1936) über das Rätsel des Johannes-Evangeliums hingewiesen. „Das Stadium der Vollendung durch das Johannes-Evangelium und die Grundlegung des Katholizismus" bildet ein umfassendes und grundlegendes Kapitel in Ehrhards „Urkirche". Eisler steht unabhängig zu dem Thema, vielleicht dem am tiefsten führenden, aber am meisten vernachlässigten Thema der jüdischen Geschichte überhaupt: Von dem Haß des Johannes-Evangeliums gegen die Judenheit geht die universalhistorische Verfemung des Jüdischen, die sich später säkularisiert hat, eigentlich aus, nicht von den drei synoptischen Evangelien, und auch nicht von Paulus. Die beste Orientierung über den schweren johanneischen Fragen-Komplex findet man bei Lietzmann. Wir sehen: ein Gegenstand, der bisher dem jüdischen Blick kaum geöffnet war. Mehr als einen ersten Hinweis auf die genannten Forscherarbeiten wollten wir nicht geben; aber wir glauben, daß man sich der Aufgabe kaum mehr entziehen kann, auch einen weiteren Kreis mit diesen schicksalsschweren, scheinbar abgelegenen, ja exklusiven Problemen in geeigneter Weise bekannt zu machen. Ludwig Feuchtwange r.

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