Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 7 (1.4.1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 147 Zum Problem Geschichtswissenschaft und Wahrheit1 Von Professor Guido Kisch. Mittelalterliche und neuere Geschichte der Juden, bis vor kurzem eine Angelegenheit der Wissenschaft und weniger — leider allzu weniger — jüdischer und christlicher Gelehrten, ist heute in den Mittelpunkt des Interesses weiter nichtjüdischer und jüdischer Kreise gerückt. .Uber den engeren Rahmen gelehrter Methodenfragen hinaus sind die wissenschaftliche Aufgabe auf dem Gebiet der Erforschung der Geschichte der Juden, die Wahl des Stoffes, die Art seiner Gestaltung, die Voraussetzungen der Einstellung, die Gesetze der Wissenschaftlichkeit zu einem Problem geworden, das vor breitester Öffentlichkeit sogar in Tageszeitungen Behandlung findet. Auf der einen Seite wird eine neuartige Gesamtdeutung des historischen Geschehens um die Juden versucht. Auf der anderen, der jüdischen Seite, stehen einander zwei Anschauungen gegenüber. Die eine meint, „mit dem alten Bild der Geschichte der Juden in Deutschland sei nicht mehr auszukommen". Sie will dem antijüdischen Standpunkt Rechnung tragen. „Es handelt sich für uns um viel mehr als um die wissenschaftliche Andersbewertung eines uns vertrauten Geschichtsbildes, das bisher in der neueren jüdischen Geschichte einen Ehrenplatz einnahm. Hier wird zum erstenmal jüdische Geschichte in Deutschland von der Gegenseiten her als Geschichte volksfremder und volksschädlicher Eindringlinge, als Geschichte deutscher Beeinträchtigung durch jüdische Einflüsse dargestellt." Ihre eigenen Erwägungen führen „dann im Effekt zu gleichen Ergebnissen" wie die der grundsätzlich judenfeindlich eingestellten Axiomatik, freilich „aus entgegengesetzten Motiven und mit anderen Ausblicken". Eine andere Auffassung meint, daß die Bedingungen der Vergangenheit nicht ausschließlich mit dem Wertmaßstab einer völlig geänderten Gegenwart gemessen werden dürfen. Sie will historische Ereignisse aus ihrer Eigengesetzlichkeit heraus betrachten und begreifen. Sie beruft sich dabei auf ein Wort, das der große deutsche Historiker Willy Andreas seinem monumentalen Werke „Deutschland vor der Reformation, eine Zeitenwende" (2. Auflage, Stuttgart 1934) vorangestellt hat. Keine geschichtliche Entwicklung könne bloß an dem gemessen werden, was vorausging oder nachher kam. Sie will aus sich heraus verstanden werden, aus ihren eigenen Lebensbedingungen, aus ihrer besonderen Wesensart. „Dies aber ist nur möglich, wenn der Historiker allen Gewalten, auch denjenigen, die ihm weltanschaulich oder bekenntnismäßig nicht nahestehen, mit dem Willen zu unerschütterlicher Gerechtigkeit gegenübertritt." Es ist zuzugeben, daß die wissenschaftliche Klarstellung und Lösung des Problems außerordentlichen Schwierigkeiten begegnet. Niemand wird den jüdischen Geschichtsforschern, welche die Grundlagen für die bisherigen geschichtlichen Ergebnisse geschaffen haben, historischen Sinn absprechen wollen. Aber das philosophische Ringen um eine geläuterte geschichtliche Erkenntnis hat auf jüdischer Seite eben erst-begonnen. Einzelne Beiträge zur Festschrift für Simon Dubnow haben den Faden der Erörterung angesponnen. Leider ist er bisher nicht fortgeführt, ja nicht einmal aufgenommen worden. Der Streit um die Geschichtsauffassung, der heute mit Beziehung auf den jüdisch-historischen Stoff auch unter jüdischen Historikern entflammt ist, knüpft bekanntlich immer wieder an das berühmte Wort Rankes an, er habe ja nur erzählen wollen, „wie es eigentlich gewesen ist". Unzweifelhaft wäre es möglich und vielleicht sogar nötig, über jedes dieser fünf Worte eine besondere geschichtstheoretische Betrachtung anzustellen. Die Meinungsverschiedenheiten konzentrieren sich auf das Grundproblem „Geschichtswissenschaft und Wahrheit", welches das neueste ebenso gelehrte wie gründliche, feinfühlige wie geist-' reiche Buch Ulrich Noacks zum Vorwurf genommen hat. Der Hinweis auf dieses Werk dürfte nicht ohne Wert auch für ' die Auseinandersetzung unter den jüdischen Historikern sein. Und das, gerade weil es seine Untersuchungen anden Schriften von John Dalberg-Acton, „dem Historiker der Freiheit" anstellt, ^Ulrich Noack, Geschichtswissenschaft und Wahrheit. Nach den Schriften von John Dalberg-Acton, dem Historiker der Freiheit, 1834—1902. Frankfurt am Main 1935. Verlag Gerhard Schulte-Bulmke. 207 Seiten. der vor zwei Menschenaltern in England der Künder deutscher Geistigkeit und deutscher Wissenschaftlichkeit gewesen ist, der in Cambridge zum Bahnbrecher deutscher historischer Methoden und zum anerkannten Begründer der modernen historischen Schule von Cambridge geworden ist. In Acton ist der Berührungspunkt sichtbar zwischen bewahrender Freiheitlichkeit und den volksstaatlichen Ideen unserer Zeit. Dieser Vorkämpfer geistiger und politischer Freiheit sieht nämlich die Erfüllung jener Ideale historisch gebunden an das geschichtliche Dasein und selbst an die Herrschaft der arischen Rasse, in der er allein politisch-schöpferische Begabung findet. „Die Ideen über Regierung, die die Germanen in jedes Land, das sie eroberten, mit sich trugen, waren im wesentlichen immer die gleichen. Die respublica christiana des Mittelalters, die aus den Staaten bestand, in welchen das germanische Element mit dem katholischen System zusammenwirkte, wurde durch fast die gleichen Gesetze regiert." Jahrelang führte Acton einen Kampf um die wissenschaftliche Geistesfreiheit innerhalb des Katholizismus. Der germanische und zugleich christliche Höchswert, in der doppelten Bedeutung der Ehre und der Gewissensfreiheit, wurde zum bestimmenden Mittelpunkt seines universalen Geschichtsbildes. Das Riesenwerk einer History of Liberty ist freilich nur Torso geblieben. Aber alles, was Lord Acton schrieb, ist wie eine einzige Vorarbeit für diese Aufgabe. In ungemein gründlichen und anziehenden Darlegungen behandelt Noack alle Gedanken und Bemerkungen Actons zu dem Problem der geisteswissenschaftlichen Methode und des Historismus. Den Kernpunkt bildet die Problemstellung von Geschichtswissenschaft und Wahrheit. Es ist unmöglich, in einer kurzen Buchanzeige in die Tiefen von Actons reichem Gedankensystem hineinzuführen und die psychologisch-historisch feine Einfühlung Noacks mit wenigen" Worten zu kennzeichnen. Hier nur zwei kleine Proben. In der wissenschaftlichen Verständigungsmöglichkeit über die Grenzen gerade des Konfessionellen hinweg hat Acton ein besonderes Charakteristikum der deutschen geisteswissenschaftlichen Entwicklung gesehen und begrüßt; ein Moment, das über die Sphäre des bloßen Forschens hinausreicht und von allgemein geistesgeschichtlicher Bedeutung ist. In der Wissenschaft „waltete die Gemeinschaft der gegenseitigen Unentbehrlichkeit, die gewiß auf sachlicher Kennerschaft, aber eben doch auch auf geistiger Ergänzung beruht. Denn niemand, ruft Acton aus, wie groß auch immer seine eigenen Leistungen, könnte es sich erlauben, solche Kenner zu vernachlässigen wie 'Jaffe, Rothe, Ficker, Uhlhorn, Schwegler. Der Jude, der Pantheist, der Katholik, der streng kirchliche Lutheraner, der Undefinierte Protestant waren einander gleich notwendig" (S. 77). Und zum Namen Jaffe notierte er noch den von Bernays hinzu. Actons politisch-religiöses Credo gipfelt in dem gegen den päpstlichen Unfehlbarkeitsanspruch gerichteten einschränkenden Satz: „Die Wahrheit beansprucht unsere erste Ehrerbietung; die Autorität kann von uns nur eine Ehrerbietung beanspruchen, die proportional ist zu derjenigen, die sie selbst der Wahrheit erweist." Damit, so schließt Noack sein Buch, hat Acton nicht nur der Kirche, sondern auch dem Staat den Weg zur Verewigung im Gewissen der Nation gewiesen. Bei diesen Beispielen mag es bewenden. Der interessierte jüdische Historiker muß selbst zü Noacks Buch greifen. Ein fast unerschöpflicher Quell historisch-philosophischer geistvoller Gedanken und wissenschaftlich tiefer Anregungen wird sich ihm erschließen. Dem Verfasser, der das bisher fast unbekannte Bild eines ganz großen Historikers lebendig gemacht und-mit seiner Studie zugleich eine neue Art ideengeschichtlich orientierter Biographie, geschaffen hat, gebührt auch der Dank der jüdischen Geschichtsforschung. MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII