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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-04-01 · 7 (1.4.1936) · p. Seite 146

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
7 (1.4.1936)
Date
1936-04-01
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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i46 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 Menschen beladener Karren in Eile davonfährt. Die Jagd aber ist ein Lieblingsthema: die Jagd zu Fuß, mit Hunden und mit Falken. Es ist, als wäre es ein Buch für Jäger und Jagdfreunde. Selbst dort, wo die Beziehung zum Fest bildhaft dargestellt werden soll, wie bei dem Initialwort ~\^£h , fehlt die Jagdszene nicht, hier aber ist der Sedertisch mit männlichen und weiblichen Personen besetzt und an besonderem Pult sitzt der Vorleser mit erhobenem Becher und liest, wie aus dem aufgeschlagenem Buch* zu erkennen ist, gerade diese Stelle vor. Überall aber sind Tiere dabei, auch bei den letzten Blättern, die als Allegorie aufgefaßt werden dürfen. Um das große Initial P (zu 'nsip ison) dessen breite Bänder mit Tieren angefüllt sind, ist ein Kreisband gezogen, auf dem acht Medaillons sitzen: der Sündenfall, Jona wird vom Fisch verschlungen, sitzt dann unter dem Kikajon, zwei Jäger, Hirsch und Hase, darüber der gekrönte Löwe von Juda. Als „der sündigen Menschheit Erlösung" läßt sich das Ganze deuten. Auch die acht Medaillons, die das Wort umgeben, dürften über das Gegenständliche hinaus symbolische Bedeutung haben, vielleicht — wie Rahe! Wischnitzer1 nachzuweisen sucht die messianische Idee, durch biblische Szenen und Gestalten dargestellt. Der Sündenfall (die Sünde), Jona im Rachen des Fisches (die Bedrängnis), die beiden Liebespaare (Jakob mit Rahel und Jakob mit Lea), Josef im Kerker (Not), Salomons Urteil (Weltgericht), Jakobs Segen (Segnung), Bileams Weissagung (Erlösung), also der Weg Israels und der Menschheit von der Urzeit Tagen bis zu den Tagen des-Messias. Und so dürfen wir das letzte Blatt mit den Tierbildern als eine Schau in den Kosmos deuten, dem die Menschheit und alles Geschehen eingefügt ist bis ans Ende der Tage. Eine großartige visionäre Schau beschließt sonach diese Haggadah. Nichts von alledem ist in der zweiten Nürnberger Haggadah. Auch sie ist eine Pergamenthandschrift des-späten 15. Jahrhunderts, auch sie ist in Deutschland entstanden, aber durchweg in allen Teilen auf allen Seiten mit kleinfigurigen Szenen illustriert; man denkt an die alten deutschen Rechtsbücher, den Sachsenspiegel etwa, da nahezu jeder Satz durch ein Bild verdeutlicht wird. Wir sehen wie der Müller aus der Mühle tritt und ein Mann den mit Getreidesäcken beladenen Esel zur Mühle treibt, 1 Rahel Wischnitzer: Gestalten und Symbole der jüd. Kunst, S. 131 ff. Die Deutung als Mazzoh-Teller beruht auf einem Irrtum: Die Initiale ist keine Abbreviatur für nsa, sondern das Anfangswort p sehen wie die Osterb rote hergestellt werden in allen Einzelphasen, wie das Ungesäuerte gesucht und verbrannt wird, wie die Speisen zum Seder gerichtet werden und der Hausherr mit der Familie am Tische sitzt, wie die vorgeschriebenen Zeremonien sich vollziehen, das Kind sein „Mahnischtanah" hersagt, wie die Lehrer zu Bne Brak beisammensitzen und vom Auszug aus Ägypten erzählen. Und dann folgen die historischen Szenen: Die Rettung Moses aus dem Wasser, die Legende von Pharaos Krone, der Bau von Pitom und Ramses, Moses erschlägt den Ägypter, gerät in Gefahr, flieht nach Midjon, hilft den Töchtern Jethros am Brünnen, vermählt sich mit Zippora — eine kulturgeschichtlich köstliche Darstellung —, wird am Dornbusch zum Retter berufen. Mit breiter Ausführlichkeit wird jede Einzelheit der folgenden Begebenheiten dargestellt, ein regelrechter Bildbericht von den Handlungen Moses und Arons, von den Plagen bis zum Auszug mit Lanzen und Wanderstäben, zu Pferd und zu Wagen, mit Sack und Pack, die Verfolgung durch die Ägypter und ihr Untergang: Dies alles ist durch Beischrift verdeutlicht, durch hebräische Knittelverse nach deutschem Vorbild. Aber die Zeichnungen — sie mögen immerhin stilistisch an die Stecher des 15. Jahrhunderts sich anlehnen — sind doch von gewisser Selbständigkeit und namentlich da, wo keine Vorbilder waren, auch originell, wie in den vier Menschentypen, und in den zeremoniellen Szenen beim Mahle. Kein Zweifel,, daß hier ein jüdischer Illustrator mit Liebe und zuweilen auch mit Humor sich betätigt hat. . Auch er erhebt sich schließlich über die Grenze des Festes hinaus, blickt von der Vergangenheit über die Gegenwart hinweg in die Zukunft; dies ist der Sinn des biblischen Bilderzyklus, der nun sich anschließt. Mit Adam und Eva beginnend, über Nimrod, Abraham (in einer eindrucksvollen Opferszene), über Isaak und Jakob hinweg zu Josef,, dessen Geschicke in den Hauptphasen veranschaulicht werden. Dann aber folgt sofort Mose, die Tora entrollend, seine Nachfolger Josua, Samuel, Simson, David und Salomo (Urteilszene), Jonas und zum Schluß Eli, der Prophet, mit einem Horn die Ankunft des Messias verkündend, dieser erscheint reitend auf einem Esel, ihm folgen die Juden; Frauen und Männer, als Erlöste. So schließt auch diese Haggadah — wie im Wort, so im Bild — mit der beseligenden Zuversicht der Erlösung, und so ist es geblieben seit Jahrhunderten. Sie gibt auch uns heufe, wie zu allerzeit, die unerschütterte Hoffnung auf eine frohe, glückliche Zukunft. — Aus dem Palästina-Film „Land der Verheissung", der demnächst in München gezeigt wird.

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