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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-03-01 · 5 (1.3.1936) · p. Seite 100

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
5 (1.3.1936)
Date
1936-03-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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LOO Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 Stets wurden von ihm neue, große Gedanken entwickelt. Sein kluger, weit vorausschauender Rat wurde überall unentbehrlich. Wenn man auch zugeben muß, daß alle Nachrufe, die ihm gewidmet wurden, offenbar von Herzen 'kommend', sich bemühten, der Größe seiner Persönlichkeit in jeder Beziehung gerecht zu werden, so glaube ich doch sagen zu dürfen, daß ihn wirklich bis ins kleinste nur ganz wenige seiner allernächsten Freunde kannten. Und! daß ich 'mich dazu zählen darf, bleibt mir stets ein oeglückeindes Bewußtsein. Nur in unsenm Kreise, der ihm Liebe mit Liebe und Treue mit Treue vergalt, schloß er wirklich sein Innerstes ganz auf und gab seine, von jeder Illusion freien Gedanken und Empfinduntgen preis. Deshalb kann ein ihm weniger Nahestehender kein Urteil über seine „innere Entwicklung oder sogar Wandlung" fällen. Es darf daher auch inlicht unwidersprochen bleiben und ich glaube sogar, eine Pflicht gegenüber 'dem teueren Verstorbenen zu erfüllen, wenn ich feststelle, daß Holländer aus tiefster Uberzeugung seinen Idealen bis zum Tode treu geblieben ist. Daß Holländer 'bei der Weite seines Blicks sich neuen Notwendigkeiten nicht verschloß und so auch mit Interesse und Liebe den Aufbau des jüdischen Palästina verfolgte, bedarf keiner Betonung, sondern war eine Selbstverständlichkeit für ihn. Wenn wir nun von unserm Holländer Abschied nehmen und ihm daniken für all' das.- was er uns geigeben hat, gebührt auch ein Dankes wort seiner lieben Frau, die mit unsäglicher Liebe und Geduld ihm1 in seiner langen Leidenszeit (beistand und nie ermüdend und stets von ihm.' dankbar anerkannt seine treueste Lebenskameradin war. Allen denen aber, die glauben, daß sein Lebeiniswerk nicht vergebens war, möchte ich den Trost gelben, den er mir gab, als er Ende des Jahres 1934 eine leise Resignation bei mir glaubte »feststellen zu müssen: „Du mußt dazu kommen, Dir auch imimer zu sagen: Was mich nicht umwirft, macht mich stärker." Baron. Der 50. Band der Schocken-Bücherei „Moses Mendelssohn, Brautbriefe": Bücherei des Schocken-Verlag 49/50; Berlin 1936 Unseren Urgroßeltern war ein Buch lieb und vertraut, das sich „Simchath Hanefesch" (Seelenfreude) nannte. Vögele der Maggid schöpfte ihre Lehren aus diesem Buche; auch Berthold Auerbach noch scheint es wohl bekannt zu sein... Mit einer ein wenig verwegenen Wendung könnte man sagen: Unsere Simchath Hanefesch — das ist diese Schocken-Bücherei, die soeben ihr erstes Jubiläum feiert — nämlich ihren fünfzigsten Band herausgibt. Denn in der Reihe dieser vielfarbigen Bändchen findet nicht nur wie einst in der alten Simchath Hanefesch „itlicher gemeiner Mann" vielerlei Ergötzung, Belehrung, Trost und Freude — sondern auch der Freund der jüdischen Geschichte und ihrer Quellen hört hier manch Brünnlein rauschen, dem,zu lauschen seinem Herzen wohltut und seinem Geiste neue Nahrung gewährt — also daß diese Bändchen schon manchem eine wahre Simchath Hanefesch gewährt haben. Zur Feier des 50. Bändchens wählte sich der Verlag ein besonders anziehendes Kapitel aus der jüdischen Geistesgeschichte: die Brautbriefe Moses Mendelssohns an Fromet Gugenheim, die blauäugige Hamburgerin. „Moses Mendelssohn ist tot — es lebe Moses Mendelssohn!" so ist man versucht auszurufen, wenn man die gedämpften Trommelklänge der Gedenkworte zu Mendelssohns 150. Todestage — sie begannen alle damit, daß sie erst einmal Mendelssohns endgültigen Tod (fast wie Marleys Tod bei Dickens!) feststellten — noch im Ohr hat. Und dann greift man zu diesem reizend ausgestatteten, freundlich blauen Bändchen mit den schönen Bildbeigaben und sieht: da steht er wieder auf, der bescheidene Mann aus Dessau, und ist lebendig mitten unter uns. Denn die Geschichte von Mendelssohns Brautwerbung und Verlobung mit Fromet Gugenheim braucht sich nicht auf die romantische Erzählung „Wie der Weltweise seine Frau gewann" zu gründen, die wohl Berthold Auerbach ihre Fassung verdankt, der sie 1879 im Gedenkbuch Lessing-Mendelssohn-Gedenkbuch veröffentlichte. Diese Geschichte ist allein schon aus ihren zeitgenössischen Quellen dargestellt, ein Idyll aus der Zeit des Rokoko — und darüber hinaus: ein kulturgeschichtlich nicht unwichtiges Dokument aus der Sittengeschichte der Juden in Deutschland. Hier vielleicht zum erstenmal wird uns von einer Verlobung berichtet, die nicht vorwiegend aus äußeren, sachlichen Erwägungen zweier Familien entstand, sondern wo zwei Einzelmenschen sich verbinden, weil sie spüren, daß sie innerlich zueinander gehören. Freilich ists noch immer kein Romeo, der hier zu seiner Julia will: vernünftige Erwägungen mögen hier mitspielen, wie Mendelssohn selbst sie später einem jun- MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII gen Freunde offenbarte, daß es „am Ende doch nur das häusliche Leben ist, in welchem der Mensch Glück und Beruhigung findet, daß selbst das Unangenehme und Beschwerliche des häuslichen Standes, wenn wir zu gewissen Jahren gelangen, weniger Fürchterliches für uns hat als das Vacuum eines ehelosen Alters." — Denn er war selbst damals schon zu „gewissen Jahren" gelangt, der Philosoph, der das bei seinen jüdischen Zeitgenossen übliche Heiratsalter weit überschritten hatte. Aber wenn auch die Vorgeschichte dieser Verlobung noch ganz im Stile der üblichen jüdischen Werbung sich vollzieht — der Freund Dr. Gumperz mag wohl die erste Anregung gegeben, die resolute Schwiegermutter Frau Vogel Gugenheim mag die ersten Verhandlungen geführt haben — so tritt doch sogleich ein neues Element individuellen Lebens hier hinzu. Es ist keine von den Heiraten, wie sie damals noch in der Mehrzahl waren: Keine wirtschaftliche Abmachung zwischen zwei Familien, wie sie nicht bloß bei den Kindern der Glückel von Hameln, sondern etwa auch bei alteingesessenen Bauerngeschlechtern üblich waren. Die Familie Abraham Gugenheim befindet sich grade zur Zeit der Brautwerbung in höchst schwieriger Wirtschaftslage — der Vater selbst ist dauernd auf Reisen, um diese mißlichen Geschäfte zu ordnen. Und als der Freier dann endlich mit dem Schwiegervater bekannt wird, da treffen, wie es scheint, zwei Generationen hart zusammen: altmodisch und nüchtern verlangt der Vater, der Verlobte der Tochter solle schriftlich niederlegen, wie er sie nach seinem Tode finanziell zu bedenken meine und dergleichen. — Da braust der sonst so bescheidene Mann auf: und es zeigt sich, daß der Sohn des Thoraschreibers von Dessau und Lessings Major von Tellheim dieselbe Lebensluft atmen. Denn diese Forderungen, so meint der junge Freier ergrimmt, widersprechen seiner Ehre. — Die „Braut Mamsell Fromet", wie sie auf den Adressen mancher Briefe heißt, hat da wohl still die Gelegenheit wahrgenommen, vermittelnd einzugreifen; leider ist uns von ihren Brautbriefen kein einziger erhalten. Aber von ihrem Mädchenleben in der Verlobungszeit erhalten wir ein Bildchen, das fast so reizend und so anschaulich wirkt wie das bekannte Porträt von 1767, dessen farbige Wiedergabe das Büchlein schmückt: wie sie dem gelehrten Bräutigam näher zu kommen strebt, indem sie Shaftesbury liest und französisch zu lernen beginnt — wie aber .der weltkundige Mann selbst ein wenig Angst bekommt vor gar zu viel Eifer: das Lernen der Frau vergleicht Mendelssohn einmal mit Medizin — „aber zu viel Medizin verdirbt den Magen" ... Die Brautbriefe Mendelssohns bilden in der Geschichte der Mendelssohn-Forschung hindurch ein eigenes Kapitel. Lange Zeit waren sie ganz und gar unzugänglich, auch nachdem sie der Hamburger M. Isler, wie Geiger vermutete, der Familie Mendelssohn übergeben hatte. Geiger selbst durfte nur eine knappe Auswahl in einem Privatdruck veröffentlichen — es bil-

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