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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-03-01 · 5 (1.3.1936) · p. Seite 99

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
5 (1.3.1936)
Date
1936-03-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 99 Das Purim-Mahl ist ein Mahl der Scherze und des Uberschwangs. Die Gastlichkeit hat breiten Raum. Sie greift sogar über die eigenen vier Wände hinaus und bezieht die Freunde draußen mit ein: man schickt ihnen Gaben und beweist mit diesen „Sch lach monaus", daß man sich nicht genug tun kann im Freudemachen. Frauenhände bereiten Naschwerk, Gebäck und auch die solideren Genüsse, schmücken sie mit zierlichen Bändern und Blumen, damit die Gastfreundschaft so weit wie möglich reiche. Die Herzen strömen über von der Dankbarkeit für die Wunder der Errettung,, und wenn man Gott selbst nur mit der Lobpreisung des „AI hanissim" danken kann, seinem menschlichen Bilde kann man dafür doch sichtbare Liebe und Gabe schenken. So gehört das Purimfest in seinem zweiten Teil dem freundlichen Wirken der Frauen — zumal ja die Heldin dieser Erlösungsfeier, die kluge, bescheidene, anmutvolle Esther, immer ein wenig von ihrem Glanz auf alle jüdischen Töchter strahlt: an Purim tragen sie gleichsam alle die Krone, und alle tun so, als hätten sie persönlich teil an Esthers großer und vorbildlicher Haltung. Und haben sie's nicht? Das jüdische Schicksal hat die Frauen niemals ausgenommen, es hat im Gegenteil oft auf die schwächeren Schultern ein überschweres Maß an Leid gelegt. Auch heute wird mancher jüdischen Frau, die verhältnismäßig sorgenlos über ihren Tisch und in die Gesichter ihrer Lieben blikken kann, das Wort gesagt, mit dem Mordechai Esther zurechtwies: „Bilde dir nicht ein in deinem Sinne, im Hause des Königs allein von allen Jehudim zu entkommen!" Alle Juden, Männer und Frauen, sind in die Unerbittlichkeit ihres Volksschicksals gebunden. Aber eben darum heißt es auch für jede jüdische Frau, wie einst für Esther: „Wer weiß, ob du nicht gerade für eine Zeit wie diese zur Königswürde gelangt bist." So sucht die Purimfeier die jüdische Frau in jedem Umkreis ihrer eigentlichen Mizwohs auf. In Esthers Bild erscheint auch ihr die Mahnung unserer Weisen, daß jeder Jude des anderen Bürge sei. In der Bereitung des Mahls und in der Übung des „Sch'lach monaus" übt sie die Gastfreundschaft. Und selbst die Königinnenwürde ist ihr an diesem Tag verliehen: denn auch Liebenkönnen, Schenkendürfen, Freude bereiten, Haß bezwingen, Dankbarsein und Friedenstiften runden sich zu einer gottgeschenkten Krone. Und die Krone verpflichtet. Dr. Martha Wertheimer Ludwig Holländer Am 9. Februar ist Dr. Ludwig Holländer einem langen, mit größter Geduld ertragenem Leiden erlegen. Es wird wenige Juden in Deutschland geben, die nicht durch die in allen jüdischen Blättern bereits veröffentlichten Nachrufe vorni diesem, für das Judentum Deutschlands so schweren Verluste Kenntnis haben. Es erscheint auch unmöglich, 'diesen ehrenvollen, ausführlichen Darlegunigen nach wirklich Neues hinzuzufügen. Und <d!och haben wir in' München ganz besonders Veranlassung, unseren verstorbenen Freunde in steter Dankbarkeit einen Abschiedsigruß zuzurufen. Wenn ihm von allen Seiten die höchste Anerkennung gezollt, die Lauterkeit und die große Wirksamkeit seines Strebens überall voll höchsten Lobes gewürdigt wurden, so können wir imit Stolz sagen, daß er die Grundlagen zu seiner Persönlichkeit hier in München in seiner „Licaria" 'erhalten und' ausgebildet hat. Seine Freundschaft und berufliche Verbundenheit mit unserm unvergeßlichen Justizrat Heilbronn er hat sicherlich auch Einfluß auf ihn gehabt. So schrieb er mir anläßlich des Todes dieses prachtvollen Menschen im September 1934: „Heilbrunner war der Redlichsten und Tüchtigstem, der Treuesten und Standhaftestem Einer. Seit 7. Novemlber 1895 kannte ich ihn, war in jeder Weise mit ihm verbunden und weiß darum mehr, wie alle andern, was er uns bedeutete. Wir können aber sein Andenken nur ehren, wenn wir seine virtus in uns nachklingen lassen." Holländer hatte ein besonders großes Interesse für alle Vorgänge in der Münchiener Kultusigemeinde und hat auch nie vergessen, wie wohl er sich in München gefühlt toat. Immer wieder zog es ihn hierher, wo er die meisten Juden persönlich kannte" und mit vielen in 'freundschaftliche Beziehungen getreten war. In erster Linie ist hier der längst verstorbene, hochverehrte Rabbiner Praf. Dr. Werner zu nennen, der bald erkannte, welcher Gewinn ein Mann, wie Holländer, für das Judentum in Deutschland war und dessen Einfluß es wohl am meisten zu daraken äst, daß Holländer seinen Beruf als Anwalt in München aufgab und sein künftiges Leben nur in den Dienst der Juden in Deutschland stellte. So kaim Holländer zum C. V. Über seine Wirksamkeit und seine unaufhörliche Arbeit dm diesem, welche ihn Tag und Nacht nicht losließ, ist bereits ausführlich in. der C.-V.-Zeitung und andern jüdischen Zeitunigen 'berichtet worden. Weit aber über diese Tätigkeit hinaus, spielte Holländer in den meisten Organisationen der Juden Deutschainids eine führende und bestimmende Rolle. Wenn er in seiner .überzeugenden Beredsamkeit das Wort ergriff, horchte jeder auf, da man wußte, daß er mit seinen großen Kenntnissen und seinem fabelhaften Gedächtnisse alle Probleme bis ins tiefste erfaßte und erkannte.

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