Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 5 (1.3.1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Bayerische israelitische Gemeindezeituilg Nr. 5 zielbewußten, organasohen glücklichen Aufbaues des Landes ungeschminkt auseinandersetzte. Er erörterte «mit einprägsamen Zahlen und Tatsachen, welche Hauptaufgabe sich aus •der Realität des palästinensischen Lebens und des jüdischen Lebens außerhalb Palästina für die Außen- und Innenpolitik ergeben. Auf dem Gebiet der jüdischen Innenpolitik widmete der Redner den Fragen der Verwendung jüdischer Arbeiter, der Stärkung des nationalen Kapitals und der Landflucht besondere Aufmerksamkeit. Daß der jüdische Bodenbesitz in den beiden Jahren 1933 und 1934 sich in Palästina nur um 6% vermehrt hat, während die jüdische Bevölkerungszahl um 50% gestiegen ist (von ca. 200 000 auf ca. 300 000 Seelen), ist heute ein Richtungszeiger für jede künftige gesunde Wirtschaftspolitik der Juden in Erez-Israel. In der Außenpolitik bereitet die Zertifikatsfrage (man (denke an die 120000 Chaluzim der Welt und die zahlenmäßige Bevorzugung der jüdischen Jugend aus Deutschland) die größte Sorge, dann das Verfassungsproblem (Zusammensetzung des künftigen gesetzgebenden Rats) und das Einvernehmen mit den Arabern. Die Beschäftigung mit den großen ideellen und materiellen Fragen des jüdischen Nationalheims in Palästina ist heute von den jüdischen Gemeinden als eine gemeindliche Aufgabe anerkannt. Ein 'systematisches historisches und volkswirtschaftliches Wissen den Gemeindemitgliedern zu vermitteln, wird künftig jede Gemeinde mit zu ihren Aufgaben, zählen. Die Aufklärung, die der programmatische Vortrag von Dr. Traub brachte, hat in München.eine große Wirkung geübt. Das Wissen um diese Dinge (was etwa ein „Mandat" oder ein „Minderheits-Status" ist, ganz abgesehen von den volkswirtschaftlichen, kolonialpolitischen ulrud (gesellschaftswissenschaftlichen Fragen) ist heute nicht mehr allein aus den Zeitungen zu Schöpfern, sondern muß plainimäßig erworben und der Jugend wie den Erwachsenen in geeigneter Weise übermittelt-werden. Die praktische Förderung des „Keren Hajessod", der für Palästina staatsähnliche Aufgaben erfüllen muß, hat die Reichsvertretung der Juden in Deutschland den jüdischen Gemeinden nachdrücklich empfohlen. Die Kultusgemeinde München hat sich wie andere Gemeinden freudig der neuen Aufgabe angenommen. Sie hat durch ihren Vorsitzenden zum Ausdruck gebracht, daß dem Aufbauwerk bei uns aufmerksamstes Verständnis entgegengebracht wird; es herrscht in unserer Gemeinde bei allen Richtungen die Zuversicht* daß die Arbeit des Keren Hajessod auch hier festen Fuß faßt und daß mit dieser uns alle verbindenden Arbeit eine neue Stufe menschlicher Gesittung in jüdischer Form erreicht werde. Vom Buch Esther Anläßlich des Purim-Fest e s 5696 (Sonntag, den 8. März). I. Eine neue Megilla. In diesen Tagen ist ein kleines buchtechnisches Wunderwerk, eine Esther-Rolle, ganz nach dem Muster einer echten auf Pergament geschriebenen Megilla, erschienen; der Kunstverlag Dr. Herbert Loewenstein liefert um den volkstümlichen Preis von 50 Pfennigen (in einer mit Silberpapier überzogenen Hülle um 65 Pfg.) .ein ausgezeichnet gedrucktes, vollständiges „Buch Esther" in hebräischer Sprache in der Form einer Rolle mit Illustrationen. Auf einem guten, griffigen Chamois-Papier ist in einer alten Schreibart der hebräischen Quadratschrift (jedoch im Gegensatz zu den geschriebenen Megilloth vokalisiert) der Originaltext gut und lesbar gedruckt, 42zeilig; die Kolumnen des hebräischen Blockes werden unterbrochen durch stilix-vra \>mfl?88 «*w StfVvtyflüJ <p>a "?py ■arr? a*»!^JTJ'-m rrxw a'nVJ» Vau V» "tVj ——\y>J wtt"anKos(Sv tyi-n\»ns -^s? nat-a nrftüa rt\$j vsSa3VttVrfwrT">'3!rt pstfb i—ivn a'err^g? vri\ yaVWv-iT,-) y-ir -■ 1 "*""^Tff*11 ' ' l ITT) 11 i iin«p^\a \ ' V-—rcwvaTtra s.-\ '■sa ay -fatt? no' ja "a ms. t'S «rrHöia: * Wj'vttnsn» —WS nöSwJ n*a a-t'J rmiis iwawg1 sierte, dem Schriftbild angepaßte, humoristische Zeichnungen. Die Bilder stammen von Otto Geismar, dem langjährigen Zeichenlehrer an den Berliner jüdischen Gemeindeschulen, der auch eine Hagada veröffentlicht hat. Seine Zeichnungen sind nicht naturalistisch, ex- oder impressionistisch gehalten, sondern bewußt stilisiert, fast ornamental. Es soll so der Zusammenklang mit der Schrift gewahrt und das Hauptgewicht dem Worttext vorbehalten bleiben, der in der vorgeschriebenen Einteilung von Bildern nicht unterbrochen wird. Kostüm und Architektur halten sich an die Ergebnisse neuerer Ausgrabungen. Humor und Purim-Stimmung durchziehen die ganzen Darstellungen. 2. Purim und die Frauen. Uns ist in allen Dingen unseres Lebens vor jedes Fest die redliche Mühe gesetzt. Wie uns das Gebot der Sabbathheiligung zugleich mit der Gnade des Feierns auch den Werktag als Forderung bestimmt, so geht jeder Jörn tow des jüdischen Jahres aus dem vorbereitenden Schaffen des Erew hervor. Stärker als der Mann, für den sein Haus immer nur die Ruhe und der Gegensatz zu seiner Berufsarbeit ist, empfindet die Hausfrau diesen Schritt: über ihre Stuben, die am Erew ihre Geschäftigkeit mit fröhlichem Geräusch erfüllt hat, legt die sinkende Dämmerung auf einmal die Stille des Sabbaths, und die Kerzenflammen streuen in sie den goldenen Schein verdienter Freude. Solcher Wandel und Wechsel wiederholt sich der jüdischen Frau mit jedem Fest. Aber an Purim, das keinen eigentlichen Erew hat, ist die Spannung zwischen den beiden entgegengesetzten Stimmungen von ganz neuer Eindringlichkeit. Nicht zwischen Mühe und Zu-sich-selbst-Kommen ist hier unterschieden. Vor der herzhaften Fröhlichkeit des Purimmahles steht vielmehr die düstere Mahnung eines T a n i t h, eines Fasttages. Jedes Jahr' erneut sich dem Judentum so das Erlebnis der bitteren Not, in die unsere Brüder und Schwestern in den Tagen des Achaschwerosch gekommen. Tanjth Esther ist darüber hinaus der Tag geschichtlichen Gedenkens an einen langen, langen Leidensweg. Aber mit der Dämmerung bricht der Jubel der Befreite n die strenge Grenze ernster Einkehr. Die Wunder der Errettung werden von der Erinnerung an das Leid mit heraufgeführt. Die Sicherheit unserer Gottverbundenheit bestimmt das Wesen dieses Festes: nicht der Triumph über'den Feind, nicht Haß und Schmähungen für die niedergezwungenen Widersacher gestalten unser Purim — wie hätten wir Erlaubnis zu einer solchen Haltung! Gott führte unsere Sache! Der Sieg ist sein; unser ist nur der Dank dafür. Ohne falsches Selbstgefühl, ohne Überheblichkeit begeht Israel das Gedenken an die Befreiung aus immer wiederkehrender Not, getrost und gewiß, daß auch die Hilfe sich immer wieder erneut. Dieses Fest der Lose hat zwei Höhepunkte : Der erste, die Vorlesung der Megillah, geht alle auf einmal an; sie verweist uns auf das geschichtliche Erlebnis und das darin typisierte jüdische Schicksal; sie ist eine Angelegenheit der jüdischen Gemeinde. Der andere, das Purim-Mahl, gehört dem Hause. Als häusliches Fest steht das Mahl unter dem E i nf 1 u ß der Hausfrau und dem beglückten Verlangen der Kinder. Frauen und Kinder bereiten seine Freuden vor, sind ihre Träger — das macht uns doppelt getrost, denn in ihnen wird uns die leibliche Zukunft und Unsterblickeit Israels verheißungsvoll sichtbar.