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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-02-15 · 4 (15.2.1936) · p. Seite 78

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
4 (15.2.1936)
Date
1936-02-15
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig Umfelder- Csn.b.fy Wundjcn. bn9lotctital dustmellein Revolution, -die von hier aus ihren Siegeszug über die Erde antritt. Mittlerweile hatte England den Norden! Amerikas in Besitz gemsrnrnen und ihm eine Rechtsordnung gegeben. Nach dem Abfall der Vereinigten Staaten baut es sich in ausgedehnten, Aber die ganze Erde zerstreuten Gebieten ein neues Reich. Gewaltige geistige Errungenschaften begleiten: diesen Aufstieg Enstfands zur wirtschaftlichen Vormacht. Trotz Beda uiöd Roger Baicon, Chaucer uud Wycliffe ist der Anteil Englands an der Wissenschaift und Literatur des Mittelalters gering, verglichen mit der Fülle geistiger Schöpfungen in dem Zeitalter, an dessen Anfang Shakespeare steht. Renaissance und Reformation, Erweiterung des Gesichtskreises und Bejahung der Persönlichkeit entsprachen 'dem Geist der britischen Rasse und scheinen die schlummernden Kräfte des Laun des geweckt zu haben. London wird mit einem Schlage zum Mittelpunkt der plötzlich: so groß gewordenen Erde. Auf dem Gebiet der Politik im engeren. Sinn ist England berühmt ais „Mutter der Parlamente". Aus den natürlichen Anlagen der Bevölkerung entwickelt das Land im Laufe der Jahrhunderte eine Ordiniung, die dreierlei verband, was anderen Völkern oft ■unvereinbar schien: straffe Verwaltung, öffentliche Kontrolle und persönliche Freiheit. Die Anfänge des Parlaments und des englischen Gemeinen Rechts (Common Law) finden wir bereits im Mittelalter, aber erst der endgültige Sieg des Parlaments über die königliche Gewalt, im 17. Jahrhundert sichert jenen beiden die überragende Stellung, die sie. heute in der ganzen englisch sprechenden Welt genießen!. Schon im Mittelalter wird der Absolutismus auf weltlichem Gebiet abgelehnt und (die Teilung der Gewalten durchgeführt. Dazu kommt ein ausgeprägter Sinn für genossenschaftliches Leben: gewählte Vertreter wahren die Interessen der Zünfte und Gilden. So entspringt das Parlament dem Geist des Mittelalters, aber erst die Erhöhung seiner Macht in den Tagen der Tudor, Stuart und des Hauses Hanover, sein Widerstand gegen die politischen Theorien des römischen Rechts, das im ganzen übrigen Europa Eingang fand, und die Übertragung der parlamentarischen Einrichtungen aui AimerJlaa und Australien haben die politische Entwicklung Eng- Neue Vertretung in München Palestine Express Co. V Reisebüro Carl Bierschenk Nachf. München, Karlsplatz 3 Telefon 133 77 Abteilung Leitung: Frau Gilda Holzinger Spezialbüro für PaldStifiareiSeff Verbilligte Purimu. Gßsells'chaftsfahrten Schiffskarten nach allen Weltteilen zu Originalpreisen. Kostenlose B'eratüng. ' -r L ' lands ganz anders gestaltet als .die 'des Kontinents. In Frankreich umd Spanien gab es eine ganze Anzahl von ständischen und parlamentarischen Körperschaften, aber diese verstanden es nicht, sich den veränderten Bedingungen einer neuen Zeit anzupassen. Daher folgt dem Feudalismus bei den romanischen Völkern die absolute Monarchie als politischer Ausdruck der Epoche: bei MacchiavelM ist der Fürst die Verkörperung der Nation. England hat sieh.als einziger unter dem großen Nationalstaaten diese Auffassung nicht zu eigen gemacht, sondern die Flut des Absolutismus zurückgedärnmt und eine Regierungsform geschaffen, in der ein Debattierklub gewählter Männer mit Erfolg ein Weltreich in Krieg und Frieden zu lenken vermochte. In «den zahlreichen wirtschaftlichen und militärischen Kämpfen mit äußeren Feinden, idie den Zeitraum von 1689 bis 1815 erfüllen, bewiesen Englands Waren), Schaffe und Heere, daß parlamentarische Freiheit den nationalen Wallen wirksamer und erfolgreicher zur Geltung bringen kann. als der Absolutismus. Auch die neueste Zeit, die mit der industriellen Revolution anhebt, hat dieses Urteil 'nicht revidieren müssen. Im 19. Jahrhundert werden die parlamentarischen Einrichtungen im demokratischen Sinn weitergebildet und vor schwere Aufgaben gestellt. Es gilt, dien vielfachen neuen Ansprüchen gerecht zu werden, die sich aus dem verwickelten sozialen Laben eines Industriestaates ergeben! Außerdem stellt das ausgedehnte und ständig wachsende Weltreich eine unendliche Reihe von Problemen, die, wenn auch für den Augenblick gelöst, meist nach kurzer Zeit in etwas veränderter Form wiederkehren, da ja (das moderne Wirtschaftsleben die politischen Verhältnisse fortwährend umgestaltet. Parlamentarische Einrichtungen! in den weißen Kolonieini und das ehrliche Streben, Stämme, die zur Selbstverwaltung noch nicht reif sind, gerecht zu regieren, haben diese merkwürdige Vereinigung von Völkern bis heute zusammengehalten. Die letzten 400 Jaihre sind also* die wichtigsten unserer Geschichte, ob wir nun wirtschaftlichen Fortschritt und nationale Expansion, politische und soziale Entwicklung oder Wissenschaft und Dichtung ins Auge fassen. Trotzdem' habe ich kein Bedenken getragen, ein Drittel dieses Buches der Zeit, vor 1500 su widmen. Denn in diesen Jahrhunderten verschmelzen die bewaffneten Scharen, die sich. von den frühesten! Zeiten bis 1066 nach Britaniniien ergossen hatten, zu einer Einheit. Die nationale Eigenart, die sich unter 'den Nachfolgern Wilhelms des Eroberers und unter den Plantagenets herausbildete, befähigte die 5 Millionen Untertanen der Königin Elisabeth dazu, die glänzenden Möglichkeiten auszunützen, die ihnen die 'Entdeckungen und die geistigen Errungenschaften der Zeit boten. Als 'die Stunde schlug, waren die Menschen bereit. Englands Schicksal ist immer vom Meer aus gestaltet worden; schon in grauer Vorzeit führten seine Häfen und Flußmündungen den Seemann landeinwärts. Lange bevor Britannien den Anspruch erheben konnte, „die Wogen zu beherrschen", war es der See Untertan und seih Geschick bestimmten die Schiffer, 'die die Flut an seine Ufer trug. Immer neue Wellen kriegerischer Ansiedler drangen ins Land, Iberer und Kelten, Sachsen und Dänen, vorgeschichtliche und1 phönizische Kaufleute, römische und. normannische Zwingherren. Die tatkräftigsten Seefahrer, Bauern und Kaufleute kamen übers Meer her und ließen sich hier nieder oder prägten den früheren Bewohnern ihre, geistige Eigenart auf. Während die Ostküste West- und Nordgermanen anzog, drangen vom Süden her auf dem Wege über Frankreich die Einflüsse der Mittelmeerkultur ins Land. Der größte Teil der Bevölkerung, 'die wesentlichsten Züge des Charakters und der Sprache sind! germanisch; der romanische Einschlang bildet die ^Sprache weiter, verfeinert die Kultur und stärkt die staatsbildenden Kräfte. Die normannische Eroberung lockert die Beziehungen zu Skandinavien, die unter Knut sehr eng gewesen waren. Ein paar hundert Jahre lang herrscht ein französisch sprechender Adel und ein Latein sprechender Klerus über die germanische Bevölkerung der Insel. Es ist ein merkwürdiges Spiel der Geschichte, daß im englischen Volk gerade unter dieser Fremdherrschaft ein ausgesprochenes Nationalgefühl enstand und daß. sich damals jene staatlichen Einrichtungen' entwickelten, die von denen des gleichzeitigen Italien oder Frankreich so verschieden waren. Schon unter den Zeitgenossen Chiaucers und Wycliffes, zur Zeit des unglückseligen100jährigen Krieges,

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