Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 3 (1.2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 53 übergebt NausVerwaltungen an die Firma S- ACKERMAN MÜNCHEN, Ritter von Epp-Platz 9 Telefon 12502, 12587, 13394 Erste Referenzen! Beratung bei Immobilien . Verkäufen Alf reit Hotelier &Co. ^HH| Bankgeschäft Münch en '^^^J Neuhauserstr.il Telefon 11496 u. 13554 (Psdiorrbräu-Bierhallen) Quellen. — Die historischen Partien des ersten Teiles unterbauen den zweiten Teil mit seinen Gegenwartsproblemen!. Dooh hat der Verfasser, dem Lehrzweck seines Werkes, alles Problematische und jede Art geistesgöschichtlicher oder soziologischer Deutung weggelassen. Die fast übergroße Vereinfachung, die immer mehr in der Nähe der jüngsten Gegenwart in eine bloße Registrierung der publizierten Erklärungen und Ereignisse so wie sie unsere Zeitungen bringen, ausmündet, ist lim einem so 'gearteten Überblick jüdischer Geschichte der neuesten Zeit das einzig Richtige und Mögliche. Die Frage bleibt offen, 'ob Müller seine „Charakterbilder" bis in die Zeit nach den Nürnberger Gesetzen hätte ausdehnen sollen. Man kann sieh jedenfalls keine ruhiger geschriebene, geluältvollere Einführung in die geschichtlichen Kräfte, von denen unsere jüdische Gegenwart geformt wurde, für Schulzwecke denken als diese monographischen Darstellungen: Müllers; jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen und bildet gleichzeitig einen Teil eines zusammengehörigen Ganzen. Die beiden erwähnten Bücher von S. Müller, ferner das „A B C" von Rabbiner Emil Bernhard Cohn und die praktische Judentumtskunde von Leo Hirsch ergänzen sich in ausgezeichneter Weise und sind, jeder in seiner Art, für Lehrer, Schüler, sowie zur Selbstunterrichtung, willkommene Lehrmittel zur ersten Einführung in das Wissen jüdischer Gegenwart und Vergangenheit. F. Unser Schicksal I. Warten. Wenn die Morgenpost durch die Türritze klappert, dann sehen sie unzählige jüdische Eltern in Deutschland auf jene Briefe mit fremden Marken durch, die ihnen Nachrichten von ihren über die Erde zerstreuten Kindern bringen. — Oft ist dieser Gang zur Tür umsonst. — Oft ist unter den gleichgültigen Drucksachen nicht der ersehnte Brief. Dann heißt es: Warten — Warten! — Und blitzschnell gehen die unzähligen Möglichkeiten durch den Kopf. Warum hat er nicht geschrieben? Hat der Brief die Flugpost nicht mehr erreicht? Dann heißt es eine ganze Woche warten, warten! Ist er etwa krank, daß er nicht schreiben konnte, und man kann nicht bei ihm sein und über seinen Kopf fahren und die vielleicht fieberheiße Stirn? — Meere und Länder liegen zwischen uns, und wenn eine Nachricht kommt, ist sie alt, und was mag seitdem nicht alles geschehen sein? Warum hat er nur so kurz geschrieben? Er sagt, daß er so müde war und die Post fortmußte! Er schreibt, daß er gesund ist! Also, mag es wahr sein. — So durchziehen die Gedanken unser Hirn, und niemand soll sie uns anmerken, wenn wir unserer täglichen Arbeit nachgehen. — Wir bewahren die Haltung stets und überall! Wir haben Erdkunde gelernt in diesen Jahren, unsere Kinder sind zerstreut, aber die unsichtbaren Fäden kann keine Post¬ Entfernung zerreißen, mögen wir noch so lange warten müssen, bis ein Lebenszeichen zu uns kommt. — * Unsere Kinder gehen in großer Jugend ihren Weg allein. In den schweren Stunden ihres Daseins, in den Sorgen um ihre Prüfungen, in den Sorgen um ihren Daseinskampf können wir nicht bei ihnen sein. — Wir hatten es leichter. Unsere Eltern konnten uns in solchen Stunden manches Liebe antun, uns beistehen. — Wir durchleben solche Tage, als ob es Jahre wären, wenn wir gelegentlich in den Spiegel schauen, dann finden wir die Spuren der Sorgen. — Unsere Briefe tragen wir zur Post, und wir möchten diesen unscheinbaren Blättern die ganze Seele unserer Elternherzen mitgeben, und wir bemühen uns, in diese Bogen nichts von unseren Sorgen einströmen zu lassen. — Die Kinder draußen haben es schwer genug, unsere Briefe sollen ihnen Aufrichtung und Stütze sein. Sie bahnen den Weg für ein neues Geschlecht drüben in Erez und sonst wo auf der Erde. — Wie manches hat sich im Laufe dieser Jahre verändert — Einst waren wir weit weg, im großen Krieg und warteten auf die Post von daheim — und nun ist es umgekehrt! Wir gewöhnen es uns ab nachzudenken! Wir tragen unser Schicksal, und wir leben von diesen Briefen, dem einzigen Band, das uns geblieben ist. — Klappert nicht draußen der Türspalt? Nun ist es Abend geworden! Die Post aus dem Süden und Westen kommt meist um diese Zeit! — Da ist er, der Brief aus Erez Israel; der Duft des Bodens, der Arbeit strömt zu uns; mit Bleistift nur ein paar Zeilen. — Er ist in der Ernte, viel Arbeit. „En dawar." — Immer wieder durchfliegen wir die Zeilen! — Und dann warten wir wieder! Eine ganze lange Woche! — Wir warten! W. C. II. Die Totenmaske. Zu Heinrich Heines 8 0. Todestag am 17. 2. 1936. Der Tod löscht alles Sichverbergen aus. Als der Zeichner das Gesicht des leidenden Menschen Heine, des schwerkranken Dichters festhielt, sah er noch den Willen, den Schwung, das Feuer des Geistes in diesen Zügen. Als der Tod darüber gegangen war, blieb Heinrich Heines Gesicht arm und bloß zurück: seine Totenmaske ist das Antlitz eines bärtigen alten Juden, das von Leid und Krankheit durchzogen ist und abseits von allem Gewollten und Erhofften das Unentrinnbare zeigt: es ist das Schicksal des jüdischen Menschen, es ist ein Denkmal des jüdischen Wegs, das hier offenbar wird. In diesem Totengesicht ist nichts mehr übrig von dem eleganten Jungen, den die Berliner Salons als einen deutschen Byron feierten. Es ist nichts mehr darin von der lauten und selbstsicheren Arroganz des jungen Juristen, der seine Not und sein Gebundensein mit ihr überschreien wollte. Es ist auch nichts mehr da von dem herrlich kampfbereiten Journalisten der Pariser Tage, nichts mehr von dem Mann der scharfen Feder,'die gegen alle Unfreiheit in der Welt, in den Köpfen und den Institutionen zielte. Der da liegt, ist nur noch ein „enfant perdu" — einer von dem verlorenen Haufen, die solange die Kampfreihe halten, bis die Brüder hinter ihnen sich gerettet haben. Der da liegt, gesteht es ein: „— meine Waffen sind nicht gebrochen — Nur mein Herze brach." Dies schöne, helle, liebenswerte Herz mußte brechen, weil es sich selbst von den Quellen seiner eigenen Kraft abgeschnitten hatte. Es mußte für eine fremde Sache verbluten, die es doch in heiligem Glauben für die seine hielt Wenn er spottete, war's der Schmerz um das Land, in dem er geboren, das einen anderen Weg als den ging, den er für seinen rechten, für den Weg seiner Weltsendung hielt. In der Vorrede zu „Deutschland" steht das leidenschaftliche Bekenntnis zu dieser Weltsendung Deutschlands, an die er glaubte: „Wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlöser Gottes werden, wenn wir das arme, glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen, wie unsere großen Meister es gesagt und gesungen und wie wir es wollen, wir, MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII