Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 3 (1.2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 50 2. Die Thora ist nicht wörtlich auszulegen-, wie die Irrenden (Newiuohim) meinen, sondern •allegorisch-symbolisch, unter Nichtberücksichtigung: -der taimudisoben Agada. Die Wunder sind 'keine Ausnahmen von den Naturgesetzen, sondern im Weltplan von vornherein festgelegte Ereignisse, wie überhaupt zwischen der Thora und der aristotelischen Philosophie und Wissenschaft kein Gegensatz besteht. Ebenso wird zwischen der Ethik und Thora und -der individualistisch gerichteten Moralphälosophie des Stoizismus eine vollständige Harmonie hergestellt. 3. Das Kommen 'des Messias ist zu erwarten, dagegen hat der Mensch idas •messianische Zeitalter nicht von sich aus heraufzuführen. In äihm wird diiie aristotelisiche Philosophie in der Welt 'herrschen. Ein jüdischer Staat wird in Palästina erstehen, die Unterdrückung der Juden wird in der ganzen Welt aufhören. Von den apokalyptischen Wundern der messäanischen Zeit ist bei Maimonides nicht die Rede. Diesem System des Maimonides setzt Goldberg die folgenden Positionen entgegen: 1. Die Aufspaltung des menschlichen Geistes und seiner Haltung in Wissen und Glauben ist ebensowenig tragbar, wie das Verbot, nach den Gründen des Gesetzes zu fragen und die letzten Rätsel des Daseins mit dem Denken zu behandeln. Die Vernunft ist zu ihrer Durchdringung einzusetzein, dem Nabon, dem Logiker, gebührt die Führung in der Zeit, in der wir den Nabi, den Propheten, entbehren müssen. Denn herrschen können, heißt zum Antworten befähigt sein, auch dem unbequemsten Frager gegenüber, selbst dem. „der sich nicht in die Gemeinschaft mit einbegreift". 2. Goldberg hat folgende Antworten bereit: Durch die Weltschöpfung ist eine Beschränkung der göttlichen Allmacht eingetreten. Denn, wenn aus dem Nichts, also außerhalb Gottes, eine damit notwendig unvollkommene Welt geschaffen und ebenso zwangsläufig in dieser eine bestimmte Ordnung aufgerichtet wird1, auf deren Bestehen ihre Existenz beruht, so kann Gott mit der ganzen Fülle dieser Macht in dieser Welt nicht auiftreten, er würde sie dadurch zerstören. Da er aber letzten Endes eine unvollkommene Welt nicht schaffen darf — denn dies würde «einer höchsten Gerechtigkeit widersprechen und die Sinnbaitigkeit des Daseins gefährden — so muß er sich sein' Auftreten in der Welt vorbehalten haben und auf die etappenweise Rückgängigmachung der .Allmachtseinschränkung hinarbeiten. Er muß in (den Grenzen, in denen es ohne Weltzerstörung möglich ist, die seit der Sintflut stabilisierte Naturordnung durchbrechen, und dazu dient — das ist — die Offenbarung und das Wunder. Da Gott durch diese mit der . lebendigen und der toten Materie in Beziehung zu treten hat, muß ein Organismus als Umsetzungsschematismus zwischen Offenbarung und Natur hergestellt werden. In diesem Organismus gewinnt Gott Körperlichkeit, Schwersein (Kabod). Zur Bildung jenes Organismus dient die Einrichtung des Opfers. Die Opfer sind nach dem Wort der Thora. das hier, wie auch sonst immer buchstäblich aufzufassen ist. „Lechem Elohim", die Nahrung Gottes. In der Feuer- und Wolkensäule, in umriß- und gestaltloser Körperlichkeit, manifestiert sich Gott. Die Reinheitsgesetze regeln den Verkehr des einzelnen Menschen im Offenbarungsvolk mit dem göttlichen Organismus. Da dieser eine Gegentendenz zur normalen Naturgesetzlttchkeit und damit zu Geburt, Tod und Sexualität darstellt, so machen gerade die hiermit zusammenhängenden Vorgänge rituell unrein. Aus der Gegenrichtung Gottes gegen die Naturordnumg folgt ferner seine Feindschaft gegen die Technik, die nicht, wie es die Vollkommenmachung der Welt, das göttliche Weltziel, erfordert, die geltende Naturoridnung durch eine andere, höhere, der Allmacht Gottes besser als die bisherige entgegenkommende ersetzen will, sondern den Versuch idarstellt, gegen die Unannehmlichikeäten und Mängel des Daseins bei Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Naturordnung, d. i. der Weltunvollkommeniheit, vorzugehen. Deshalb sind am Sabbat alle prinzipiellen technischen Tätigkeiten verboten1, die neununddreißig Tätigkeiten, die zum Bau des Stif tszeltes nötig waren, die also gebraucht wurden, bevor durch einen Offenbarungsakt das Zelt aus der technisch - natürlichen Sphäre herausgehoben wurde. Vollkommenmachung der Welt, ihre vollkommene Gerecht, machung, -das ist das -göttliche Weltziel, nur so kann Gott sich selbst gerecht werden. In diesem Begriff der göttlichen Selbstgerechtigkeit in Verbindung mit der oben entwickelten Umformung der Allmacbtsbegrifflicbkeit liegt die Lösung des Theodiizeeproblems beschlossen. Er ist „die Idee der Gerechtigkeit, wenn sie allein von "Gott aus betrachtet wird". Die Richtung auf die Vollkommenheit und die Gerechtigkeit setzen sich nur dort durch, wo sich Gott manifestiert. Die Ermöglichung der Manifestation aber ist Sache des Menschen, und zwar nicht des einzelnen — ex ist dieser Aufgabe nicht gewachsen — sondern des metaphysischen Volkes vermittels des Rituals. Das ethische Ziel des Universalismus fällt also mit der Forderung nach Erweiterung des Manifestationsbereiiches zusammen — woraus in Übereinstimmung mit der Überlieferung, wonach /die Thora einst allen Völkern angeboten worden war, folgt: „Alle rät mal fähigen Völker sollen Hebräerritual machen." Das heißt in einem: Sie sollen ethische Volkstümer einrichten. 3. Für 'die Zukunft ergibt sich somit: Das Warten auf den Messias ist sinnlos. Das messianische Zeitalter wird nur dann anbrechen, Wenn der Mensch von sich aus die Initiative ergreift, um eine neue Offenbarung nach Art der sinaitischen zu provozieren. Die Sinaigesetzgebung ist entgegen dem'neunten Glaubenssatz des Maimonides kein prinzipiell einmaliger Vorgang, sondern die Aufgabe des Menschen ist es gerade, neue Offenbarungen hervorzurufen. In alter Zeit haben nur die Juden die Thora angenommen, welche allen Völkern angeboten war. Da aber das Hebräertum im nicbtaiationalen, sondern im programmatischen Sinne, als Bewegung zur Gerechtmachung der Welt durch die Ausbreitung des göttlichen Manifestationsbereiches, kein Monopol einer Rasse oder einer Nation sein kann, da es auch in der heutigen Zeit durch Betätigung des allgemein-menschlichen Organs der Lebens-not, der Vernunft, betätigt werden muß, so ist es heute die Sache derjenigen Juden, die noch pentateuchfähig werden können, in Gemeinschaft mit den noch ■ritualfähigen sogenannten Heiden, in denen noch gewisse göttliche Schöpfungs- — das sind Urzeugungskräfte lebendig sind, und unter Mitwirkung aller sonst zustimmenden Individuen, die messianische Aufgabe durch Schaffung neuer Hebräerrituale in Angriff zu nehmen. Die Gegenwartsaufgabe der Juden „ist 'die Schaffung der jüdischen HeMenmission". 4. An diese systematische Erwägung knüpft sich eine historisch-politische. So groß die geschichtliche Bedeutung des Maimonides sein mag. der über Albertus Magnus und Thomas von Aq.uin maßgebenden Einfluß auf das Lehrgebäude des Katholizismus gewonnen hat, von dem Spinoza und in neuester Zeit Hermann Cohen Wesentliches entlehnt haben, so verhängnisvoll war seine Rolle für das Judentum. Maimonides hat zur Vertiefung der Kluft zwischen dem heutigen Judentum und dem Hebräertum der Pentateuchzeit entscheidend beigetragen und die Zukunftsmöglichkeitön 'des Judentums hierdurch untergraben. Durch die allegorisierende Auslegung und die aufklärerische Behandlung der Texte zerstörte er den ursprünglichen Sinn der Quellen, wofür die grauienhafte Erklärung des Opfers als Konzession Gottes an die heidnischen Instinkte des jüdischen Volkes ein markantes Beispiel ist. Indem Maimonides seine Jad-Hachasaka an die Stelle der Halacha setzt und d'e talmudische Agada bei der Auslegung unberücksichtigt läßt, schneidet er die Entwicklung des Überlieferungswesens ab. Indem so die Zugänge zum Verständnis der ewigen Aufgabe des Hebräertums verbaut werden, verschwindet die Kraft zur Abwehr fremder Einflüsse, und die Fähigkeit zur Initiative zur Inangriffnahme der Weltaufgabe wird untergraben. Das Judentum wird zu einem besinnungslosen und uuitergangsreifen Volk gemacht. Die Welt ist, wenn sie sich nicht jetzt auf ihre messianische Pflicht besinnt, im buchstäblichen Sinne dem Untergang verfallen. Erjist Fraenkel. II. In diesem Jahr sind 100 Jahre verflossen, seit denen der Begründer der deutschen Neu-Orthodoxie, Samson Raphael Hirsch, s. A., in jungen Jahren unter dem Namen Ben-Usiel seine berühmten „Neunzehn Briefe über Judenthum" (in Altona, J. F. Hammerich'sche Verlags-Buchhandlung, 1836) herausge-