Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 1 (1.1.1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Bayerische Israelitische (jemeindezeitung 5 gebt es nicht, so leicht ist. es nicht. Es geht überhaupt nicht von 'beute auf morgen, wie schnell fertige und tiefenlos Bewegte in den letzten zwei Jaihren wohl geglaubt haben und wie ein genügsames Publikum da und dort aus wohl verständlicher Nachsicht sie hingenommen hat. Selbstverständlich werden uns spezifisch jüdische Schicksale doppelt bewegen. Voraussetzung aber ist immer, daß sie uns als niveauhafte Kunst geboten werden, die Gestalt erhält aus echtem Gefühl und ursprünglichem, einmaligem Formgesetz. das dem einzelnen Schaffenden einwohnen muß. Käme es lediglich darauf an, nun einen spezifischen jüdischen Stoff, im anekdotischen Sinn, zu wählen, so waren Hebbel, wie Otto Ludwig und Wilhelm von Scholz — der das Drama des,mittelalterlichen Juden geschaffen hat — oder, um einen Lyriker zu nennen: Börries von Münchhausen, der ein ganzes Buch „Jüdischer Balladen", das noch dazu von J. M. Lilien illustriert war, geschrieben hat, zum Beispiel als „jüdische" Dichter anzusprechen, um es paradox auszudrücken. Aber es braucht auch keineswegs einer tragischen Zeit, wie wir sie jetzt durchleben, nun zwangsläufig ein Dichter geboren zu werden, der gerade sie gestaltet und gerade ihren Menschen Erhebung und Trost geben kann; Gnade des Schicksals wäre es. In einer ereignislosen, gelassenen Zeit könnte einer ebenso gut, nein, viel eher kommen, der die große Tragik der Jahrhunderte gestaltet, weil durch die Ferne Verklärung des Geschehenen uns wird, und Kunst auch dieses 'bedeutet; während andererseits in Zeiten, da das Grauen über die Erde geht, schon die Distanzlosigkeit des Erlebnisses den Zeitgenossen hemmt, es zu gestalten. Und es muß weiter bemerkt werden, daß es kein Volk gibt, von dem man sagen könnte, ihm wohne die besondere Fähigkeit zu einer 'bestimmten Kunstform inne, für das Drama etwa oder für Epos oder Lyrik; so daß wir etwa verlangen könnten, es. möge uns eben heute der Lyriker entstehen, den wir brauchen, oder der Erzähler, weil eine weit verbreitete Meinung besteht, wir Juden seien keine Dramatiker, weil uns aus religiösen Gründen oder nach unserem vol'khaften Wesen der Sinn für das Tragische an sich mangle. Nie aberist bewiesen worden, daß diese Voraussetzung richtig ist;.weil die Kulturgeschichte der Menschheit, also auch die unsere, noch nicht zu Ende und es noch keineswegs ausgemacht ist, daß nicht eines Tages auch uns ein Shakespeare geboren werde. Weder sind um seinetwillen die Engländer ein dramatisches Volk, noch um Balzacs oder Stendhal« willen die Franzosen ein episches; so wenig wie die Juden ein lyrisches wären, wenn sie unvermischt ein Gebiet für sich bewohnten, und die Behauptung stimmte, daß wir im Wesen zur Lyrik neigten. Doch noch ist es so, daß wir unter den Völkern wohnen und ihre Sprache sprechen, die die Form ihrer Wortkunstwerke abgibt, wenn auch ein Neues nun begonnen werden soll. Und wenn wir das oben Ausgeführte fortsetzen, so müssen wir betonen, daß es heute eine ureigene Form für uns noch nicht gibt, trotz aller Bestrebungen, die wir kennen, weder in der Diaspora, noch in Palästina selbst; denn ob es sie in der heiligen Sprache, die jetzt zu der des Alltags gemacht wird, schon gibt, ist zum mindesten zweifelhaft. Die Worte der heiligen Bücher, von denen im Hebräischen ausgegangen werden muß, hatten bis vor kurzem nur eine Bedeutung, die sakrale; es fehlen ihnen die tausendfältigen Beziehungen zum heutigen Leben, die uns aus unserer Heimatsprache, der des Galuth, ja, rühren. Und dieses ist das Wichtige für die Beurteilung unserer Frage: dem dichterischen Wort an sich entströmen Kräfte; so wie das Radium unsichtbare Strählen ausschickt, so sendet der rhythmische Laut sie in unsere Seele unabhängig von den Begriffen und Stoffen. Es ist der Zauber, die Verzauberung durch das Geheimnis neuer Sinn — Bildhaftigkeit, wobei Laut und Bild eins geworden sind; das aber ist nur möglich aus dem mythischen ewigen Melos der Sprache einer lebendigen Gemeinschaft. Hier im Melos vereinen sich Form und Stoff. Und die stärkere oder mindere Ergriffenheit eines bestimmten Dichters vor dem Ewigen ist es, die seiner Sprache gerade sein Melos gibt; wie jede •seiner Eigenschaften, gute wie niedrige, aus diesem, seinem Sprachklang erkannt werden 'kann. Er ist das untrügliche Merkmal des wahren Wesens eines dichterischen Menschen. Unb jeöen tTTorgen ♦ ♦ ♦ Unb jeben iltorgen fd)nurjl bu beute @<bub, <5ebfl ftill bem <Cagt»er£ $tu Unb Stegen raufd)t an beine enjierfebetben, IDu btfi nid>t fcob unb töetfjt, Vom ©eflern wirb niebts bleiben Unb nttbt vom fctlorgen, bas bic nun entgegenrretfl. Unb Stunb' um Stunbe gebt bic Ubr, <Die fcttonbe roecbfeln jiumm in ©ottes Hamen; T>ielleid)t voad>$ VTeues einjl aus beinern Samen, "Dielleicbt läfjt feiner beincr Sd)rittc eine Spur» i£in Heiner Winb f(b©n läfjt bid) tief erfd)aucrn, JSin wenig Tiegen läjjt bid) taglang trauern Unb jeben 2tbenb bijl bu arbeitsmub; Vfrubtfalter ftnb bir JSinfamem (Senoffcn Unb eb bu benFjl ifl alles bies »erhoffen XOic ein von irgenbto© gefungenes Hieb ♦ . Ö>b fei gelaffen im ©eroolF unb bab ©ebulb, Süi>l beine (Bnabe tiefer nod> als beine @4>ulb, XOic alle, bic wie bu berufen ftnb 5u bord>en auf ben grauen Sa)icFfalstoinb, 3u a>ad>en, wenn aus öumpf befangenem ®d)laf jDie anberen flobnen, weil ein Traum fte traf. 3aFob X>icatb B i a 1 i k selbst, der gewiß unverdächtig und vor allem wie keiner berufen ist, hat mit dem tiefen Wissen des wahrhaft und ursprünglich Schöpferischen, der es an sich selbst erlebt hat, die für ihn vielleicht schmerzliche Erkenntnis in seinem jüngst deutsch veröffentlichten Essay „Zur Erneuerung der hebräischen Sprache" den „Leichtmachern", wie er sie nennt, klar und deutlich dieses gesagt: „Es wird noch die Zeit von Generationen darüber hinweggehen müssen, ehe es uns geglückt sein wird, unsern Sprachstoff in seiner ganzen Fülle zu beleben und ihn dem Volk in den Mund zu legen, ehe das Volk seine Sprache im Blute fühlen, ehe die lebendige Sprachempfindung in ihm von innen erweckt sein wird." Ja, dies ist es. Wenn wir also noch keine gemeinsame Sprache haben, und es überhaupt fraglich ist, ob uns die von diesem Meister für notwendig erachtete Zeit der Generationen von der Geschichte gewährt wird, so müssen wir einstweilen noch in der Sprache uns dichterisch ausdrücken, die die Heines ist und Börnes, Rosenzweigs und Beer-Hofmanns und die unserer Mütter und Väter. Ihr Melos muß unseren Gebilden anhaften, ihren Gesetzen sind wir verpflichtet, wie den unerschöpflichen Beziehungen der Worte zu dem Leben, das die vielen Hunderte von Jahren in uns wachsen ließen. Und diese Gebilde können ..jüdisch" sein um ihres Ethos willen, unseres eigenen; also doch eines „Stoffes"; selbst wenn sie anekdotisch nichts mit unserer Geschichte zu tun haben. Man braucht dazu heute nur auf den einen Franz Kafka hinzuweisen. Aber sie müssen auch den allgemeinen ästhetischen Forderungen unserer Sprache Genüge tun. So kommen wir auf den Schluß zu der Frage, ob das, was im Laufe der erst kurzen, doch schweren neuen Zeit earschie- MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII