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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-01-01 · 1 (1.1.1936) · p. Seite 4

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
1 (1.1.1936)
Date
1936-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 XOas find toit anders? "Don Htanfreb Stur mann Xöas ftnb wie anbers, ibie uns ber 3ufall treibt Über bte galten 6er i£rbe, 2Us lEmtaßsflus 3m leu^tenbcn 3abr. Unter uns lauern £>ie febroaraen ©rufte Unferer Dermeffenbeit, Unb bie Iäcbelnbe XDange Streift ber perborgeneCob, /ßb' f«c es abnt. lEtntnal »erben urir fallen TDic Vogel vom tobltdjen 23Iei ber Verfolger, JEbe wir fagen fonnen, XDas uns erbtelt 3m gütigen £td)t. Aus dem Gedichtband „Wunder der Erde" Hesse & Becker Verlag, Leipzig 1934 sich nicht 211 einem Licht vereinen können: hier jüdischer Stoff — dort nichtjüdische, entliehene Form. Deshalb muß der jüdische Dichter in Deutschland den wohl gangbaren Weg seiner großen deutschen Vorbilder 'gehen: er kann weder auf die hymnische Ungebundenheit Hölderlins, noch auf das klassische i Maß. Kleists verzichten..Und gäbe es wahrhaftig einen Sprachgenius in unsern jüdischen Reihen, und erdächte er sich eine völlig neue geniale Form, in die zu kleiden den jüdischen Stoff ihm gelänge — es wäre immer nur eine große geistige Tat im deutschen Sprachgebiet. Die absolute jüdische Dichtung aber würde von dieser Tat nachts profitieren. Dem jüdischen Dichter .deutscher Zunge bleibt die Einheit, von der wir sprachen, versagt. Er und sein Kritiker müssen sich damit abfinden. Die Einheit von Form und Stoff, von Sprache und Intuition im Jüdischen kann nur den lebendigen, elementaren Fluß der neuhebräischen Sprache zur Voraussetzung haben. Wir finden diese Einheit nur in Erez Israel und vielleicht im Osten Europas im hebräischen Schrifttum. Auch hier wird es neben der völligen Erreichung der Einheit auch nur stufenweise erreichte Annäherungen an diese Einheit geben. Die absolute jüdische Dichtung setzt also das Hebräische als Muttersprache voraus. Ob der jüdische Dichter, dessen Schriftsprache nicht das Hebräische ist, und das er erst im Mannesalter sich anzueignen versucht, die altneue Sprache seines Volkes bis zu dem Grad meistern lernt, daß er auch intuitiv, also ohne Hfifsstellung des Intellekts, hebräisch nicht nur schreiben, sondern auch dichten kann — wer wollte das zu entscheiden wagen! Nicht die jüdische Form zu finden, ist Aufgabe des jüdischen Dichters in Deutschland. Er ist nicht von nur ästhetischem Standpunkt aus zu bewerten; man rücke vori dem rein philologischen Momenten ab, wenn man ihn verstehen will. Seine Aufgabe ist, im edelsten Sinne, eine politische: fühlt er das Leid seines Stammes in der eigenen Brust, die Sturmzeichen einer historischen Vergangenheit in der Gegenwart seines Volkes erneut aufleuchten, so weiß er um seine Aufgabe. Sie wächst mit der seelichen Not und Vereinsamung seiner jüdischen Brüder. Jüdisch a'ber kann er nur schaffen, wenn er heraustritt aus dem begrenzten Bezirks seines Einzelschicksals, hinaus an die Stätte der Stürme — an die Stätte jüdischen Geschehens in dieser Zeit. Und wenn er dann formt, was in allen ist, was gültig er allein aber nur aussprechen kann; wenn er den Zugang zum Herzen findet und das Herz anzurühren vermag — dann ist er auf dem Wege, die Aufgabe des jüdischen Dichters in unsern Reihen zu erfüllen. Unsere jüdische Dichtung in diesen Tagen Von Jakob Picard Vor einer Reihe von Wochen rührte ein einsichtiger Kritiker bei der Besprechung mehrerer Versbücher, obwohl er es nur mit Einzelfällen zu tun hatte, daanit doch an ein Thema, das brennend ist schon lange, schon seit der beginnenden Neugestaltung unseres Lebens. . „Versbücherei?" wird man fragen, „was gehen die uns an in dieser Zeit, da Not uns bedrückt wie nie zuvor, Lebensnot?" Aber vergessen wir gerade heute nicht, daß die geistige Not gegenüber der rohen Notdurft des Körpers nicht übersehen werden darf, vor der sie keineswegs zurücksteht. Trost der Seele brauchen wir durch Gestaltung der ewigen Gefühle, die nie ihre Wirkung verliert. Er ist so wichtig wie Sättigung des Magens; diesen banalen Satz auszusprechen, wollen wir uns nicht scheuen, da Zahllose unter uns vor Verlassenheit nicht aus noch ein wissen. Das Ziel kann neben der Religion nur durch die Kunst erfüllt werden. Und eben Lyrik war immer der Urmund jeder seelischen Bewegung, sei es zu Kampf, Tröstung oder Klage. Auch gilt, was für diese reinste Form der Kunst zutrifft, 'die sich der Sprache als Ausdrucksmittel bedient, für alle anderen gleicherweise. / . Worum geht es in unserer allgemeinen Situation? Es geht darum, eine Gefahr zu beseitigen, die sehr drängend •ist. nämlich die, daß unser künstlerisches Schaffen durch die Zeitverhältnisse aus stofflichen und persönlichen Gründen an Niveau verliere und banalisiert werde, weil einerseits die Schaffenden fehlen, die den rechten Maßstab vertragen, und weil oft diie persönliche Umgebung derer, die sich für berufen halten, sie nur darum bejaht, weil sie ihresgleichen sind und überhaupt etwas von sich geben. Auf diese Gefahr hinzuweisen, heißt schon, sie zu bannen. Und es gilt, festzulegen, was dazu nötig ist, das heißt, zu bestimmen versuchen, was das ist: Dichtung. Vom Schaffenden aus gesehen ist sie Beschwörung und Gnade und gibt ein Sinnbild des Lebens in großer Vereinfachung; und der Dichter ist der, dem das Schicksal auferlegt ist, Leid und Schwere und Lust der Erdenmenschheit in sich zu erleben, um es für sie durch Gestaltung zu bannen. Dichtung ist Geheimnis von den Untergründen des Lebens; sie läßt sich im Grunde nicht genau umschreiben, es sei denn mit den Kategorien des philosophischen Apparates; aber damit wäre nicht viel getan. Und sie kommt aus demselben Quell wie es der ist, dem religiöse Erhebung entspringt. Darum aber soll sie gefeit sein gegen1 Eitelkeit und Zweckstreben des Tages. Vom Genießenden, vom Aufnehmenden aus gesehen aber darf sie niemals zur Unterhaltung dienen oder der Zerstreuung, wie ein gerade in unseren Kreisen, sagen wir es offen, sehr verbreiteter Irrtum es will. Und niemals erhält Kunst allgemein durch neue Stoffe neue Formgesetze; immer sind es dieselben seit je, was auch Menschen in den Zeiten erlebten. Und es ist auch' nicht so, daß ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Zeit an gewisse Stoffe gebunden sei. Keineswegs kommt es zum Beispiel darauf an, nur jüdische Stoffe, seien es solche aus dem heiligen Buch oder aus unserer späteren Geschichte zu wählen und sich zu diesem Zweck damit vertraut zu machen. Schnell ein wenig Dubnow, ein wenig Grätz oder gar Rastein gefällig, nicht wahr, in flott gereimten Versen dargeboten! Nein, so

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