Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 23 (1.12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 513 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 513 brochen nahm das Elend der sich in dem freiwilligen Ghetto Amsterdams zusammendrängenden jüdischen Massen in entsetzlicher Weise zu. In das Handwerk wurden sie natürlich auch nicht hereingelassen, und versuchten sie mit Lumpen, Textilien usw. zu handeln, so verfielen die Warenmengen wegen Überschreitung der bestehenden Verbote der Konfiskation. Einen kleinen Einblick in die Lebensverhältnsise der dortigen Juden im 18. Jahrhundert gibt eine Eingabe der christlichen Diamantarbeiter, in der sie der Obrigkeit mitteilen, daß sie gegen die jüdische Konkurrenz nicht bestehe» 'könnten, „weil sie sich nicht so behelfeh könnten, wie die Juden, die zu zehn oder zwölf in einem „hok" (Stall, elendes Loch) hausen, fünf bis sechs Haushaltungen mit Frauen und Kindern unter einem Dach in einem Hause, wodurch sie natürlich weniger zum Leben brauchen als die Christen". Alle zeitgenössischen Berichte sprechen von den schlecht genährten, in Lumpen gekleideten und in grauenhaften Wohnungen untergebrachten Massen der armen Amsterdamer Juden. Im Jahre 1780 gab es bereits 31 000 Juden in Holland, davon 22 000 in Amsterdam. Minimal 18 000 davon erhielten in Amsterdam zu- Pessach Mazzoh auf Kosten der Hochdeutschen Gemeinde. Im Jahre 1805 beziffert die Armenkommission die jüdischen Ortsarmen auf 19 600 bei 24 000 Seelen! Im Jahre 1813,. als allerdings durch die allgemeine Wirtschaftslage von den 180000 Bewohnern Amsterdams die Hälfte völlig verarmt war, mußte eigens eiw Beschluß erlassen werden, daß es den Juden aus den Elendsquartieren bei Strafe der Verhaftung verboten war „sich nackt auf der Straße zu zeigen". Doch die Zahl der armen Juden, die sich nur unzulänglich bedecken konnten, war so groß, daß die Verhaftungen nicht durchgeführt werden konnten. Damals war es, daß der berühmte Rechtsgelehrte Mozes Salomon Asser unter Anspielung auf den Gegensatz zwischen der politisch-religiösen Toleranz und der wirtschaftlichen Ausnahmegesetzgebiing ausrief: „Man 'hat uns hier erlaubt, Psalmen öffentlich zu singen und . . . vor Hunger zu sterben." Allmählich setzte sich aber doch in der öffentlichen Meinung und in der Presse, die sich besonders nachdrücklich und warmherzig der notleidenden Juden annahm, eine starke Bewegung für sie durch, die zur restlosen Emanzipation durch die Nationalversammlung vom 2. September 1796 führte. In den Kreisen der Hochdeutschen jüdischen Gemeinde selbst war man über die Emanzipation nicht restlos entzückt; man fürchtete, und zum Teil nicht mit Unrecht, die religiös-kulturellen Gefahren, die sich aus ihr ergeben würden, und es kam darüber zu einer S pa 1 tu n g in der Gemeinde, und zur Neugründung der „Adass Jessurun", und erst 1808 zur Wiedervereinigung beider Hochdeutscher Gemeinden. Von da ab werden nun energische Maßnahmen zur sozialen Hebung der entsetzlich verelendeten Massen genommen, zur Propagierung des Handwerks und auch in späteren Jahrzehnten von der Stadt selbst zur Assanierung des Ghettos, das mit seiner räumlichen Enge, Licht- und Luftlosigfceit die biologische Lebenskraft ganzer Generationen gebrochen hatte. Ein Teil der Ghetto-Bevölkerung wurde nach dem Osten Amsterdams in neue Wohnviertel umgesiedelt. Nur so, aus dieser langen Geschichte voller Elend und Armut kann man die Uberreste des heutigen Amsterdamer Ghettos, und das auch heute noch starke, für Westeuropa einzigartige und seltsame, Proletariat verstehen. Trotz allen Elends, das die Amsterdamer Gemeinde in ihren eigenen Reihen zu lindern hatte, hat sie zu allen Zeiten als eine wahre „Muttergemeinde in Israel" großzügig und warmherzig für andere Teile des jüdischen Volkes gewirkt. Auch auf politischem Gebiet. Als am 19. Dezember 1744 Maria Theresia von Österreich den Juden befahl, Prag bis zum 1. Februar 1745 und das ganze Land vor dem 1. Juli zu verlassen, wandten sich auf Veranlassung des Bankiers Benedictus Gomperts aus Nijjmegen die Parnassrm von Amsterdam, Rotterdam und Den Haag an die Generalstaaten. Diese ließen in der Tat durch ihren Wiener Gesandten Burmania, einen warmherzigen Menschen, der aus eigener Bewegung sich stark einsetzte, intervenieren. Darauf intervenierten auch andere Mächte, und am IS. Mai 1745 beläßt Maria Theresia die Juden in Böhmen und Mähren. Das Dekret selbst wurde 1748 ganz widerrufen. Und als 1753 auf Grund der Rituallüge wiederum Judenverfolgungen) in Pole n ausbrachen, erreichte die Amsterdamer Gemeinde wiederum, daß die Generalstaaten ihre Gesandten in Polen und Sachsen zugunsten der Juden, von deren Unschuld sie auf Grund ihrer genauen Kenntnis der jüdischen Religionsgesetze überzeugt waren, intervenieren ließen. Der gegenwärtige Name der Hochdeutschen Gemeinde, über deren wechselreiche Geschichte neben ihrem jetzigen gelehrten Sekretär Dr. Sluys Siegmund Seligmann- und T. M. H i 11 e s u m viel wertvolle Beiträge geliefert haben, ist der der „Nederlandsch Israelitische Hoofdsynagoge" zu Amsterdam. Sie hat in den letzten Zeiten in Joseph Hirsch Dünner, der zu gleicher Zeit die Würde eines Rektors des Rabbinerseminars und des Oberrabbiners von Amsterdam bekleidete, -ferner in Wagenaar bedeutende Gelehrte in ihrer Mitte gesehen und im Vorjahre in dem ehrwürdigen Oberrabbiner Onderwijzer eine allgemein verehrte und durch vorbildlich frommen Lebenswandel hervorragende Persönlichkeit verloren. Der synagogale Dienst ist in den Hauptsynagogen, zu denen in neuerer Zeit zwei schöne Bauten hinzugekommen sind, ebenso traditionstreu gepflegt worden, wie in den zahllosen kleinen „Chewra Schulen", in die der richtige alte Amsterdamer am liebsten geht. Das Chasonus ist gerade von manchen Vorbetern sehr gefördert worden. Schon in der frühesten Zeit finden wir R. Eleaser b. R. Elia Kottenheim aus Frankfurt und R. Wolf b. C h a j j i m aus Hamelburg, R. Wolf H a n a u u. a. m. Die Reihe der ganz großen Chasonim wurde 1906 mit dem Tode Isaak Heymanm's aus Gnesen abgeschlossen, von dessen Gesang und Innigkeit des Gebets die alten Schulbesucher auch heute noch nicht sprechen können, ohne daß ihnen die Tränen in die Augen steigen. Als Friedhof ist noch, stets durch Feldankäufe erweitert, der alte Begräbnisplatz zu Muiderberg in Gebrauch, der bereits 1639 erworben wurde. Er wirkt mit den grob behauenen. riesigen Steinen in seiner Einfachheit und Strenge ungleich erschütternder als die „modernen" Friedhöfe mit ihrer noch moderneren „Grabkunst". Aus der ältesten Zeit ragen noch einige „ohelim" der rabbinischen Größen jener Periode grau und verwittert empor, aber daneben entbehrt urplötzlich ein großes Feld des alten Teils jeden Grabsteines! Nur eine Tafel besagt warnend, daß auch dieses Feld bis zum letzten Fleckchen mit" nicht mehr sichtbaren Gräbern ausgefüllt ist. Sie sind nicht etwa versunken, in die Lehmerde und den Morast hineingesackt, wie Tausende von Gräbern des portugiesisichen Friedhofs in Ouderkerk — durch Ruijsdaels Schilderung und Goethes Bemerkungen zu diesem Bilde der Welt bekanntgeworden —, sondern ihre Grabsteine sind in der „Franzosenzeit" von französischen Truppen zu Straßen- und Verteidigungsbauteni weggeschleppt worden und nur noch die Register geben Kunde von den niederländischen Juden deutscher und polnischer Herkunft, die dort die letzte Ruhe gefunden haben. In der heutigen Zeit steht die „Nederlandsch Israelitische Hoofdsynagoge" in nicht leichter Position. Die Aufklärungszeit der französischen Revolution hatte gerade nach Holland herüber starke Wellen geschlagen. Ihre Nachwirkungen und die der religionslosen öffentlichen Schule haben, wie für Westeuropa so typisch, einen erheblichen Teil der Intellektuellen und einen nicht minder großen Teil des Proletariats der Gemeinde und dem traditionellen Judentum entfremdet. Der allgemein individualistische Grundzug des Holländers hat diese zentrifugale Bewegung begünstigt. Hinzu kommt eine gewisse Passivität, die es zuläßt, daß nur ein Teil des jüdischen Lebens von der Gemeinde ausgefüllt wird, und daß sich in einer Reihe anderer Sektoren dieses Lebens außerhalb von ihr abspielt. Die alte zentrale Stellung der „Kehilla", die Brennpunkt aller jüdischen Interessen, sowie Anreger und nicht nur Verwalter war, müßte wieder entstehen. Der stark jüdische Grundton und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit auch der bereits Entfremdeten wird mit dem Aufbauwillen der in jüdischer Tradition verwurzelten Elemente die Möglichkeit schaffen können, in dieser an jüdischen Erinnerungen so überreichen Stadt und in der Hauptstadt des Landes, dessen Gesetzgebung der Eigenart jüdischen religiösen und kulturellen Lebens nicht nur mit größter Duldsamkeit, sondern auch mit weitgehendem Verständnis gegenübersteht, wieder ein wirklich starkes, alle Teile der jüdischen Bevölkerung durchflutendes jüdisches Leben entstehen zu lassen — würdig großer Vergangenheit. Und das ist wohl der beste Wunsch, den man der Kehillo Kedauscho b' Amsterdam zu ihrem Jubeltage aussprechen kann! . Hans Goslar.