Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 23 (1.12.1935)
- Date
- 1935-12-01
- Page
- Seite 512 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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5l2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 gemeinsamer brüderlicher Arbeit in allen großen jüdischen An-, gelegenheiteil führt, und ini dem auch Heiraten zwischen den beiden Gemeinden längst nicht mehr zum Ungewöhnlichen gehören. Es liegt in der Natur der romantisch-tragischen Entstehung der marannischen portugiesischen Gemeinde Amsterdams und der .großen Rolle, die ihre königlichen Kaufleute im Uberseehandel Hollands gespielt haben, daß die jüdische Welt und auch das deutsche Judentum mehr von ihr weiß und gelesen hat als von der an Kopfstärke mehr als zehnmal so starken hochdeutschen Gemeinde. Sehr zu Unrecht gerade bei den deutschen Juden, denn, weist auch die hochdeutsche Gemeinde nicht das tragische Moment der Entstehung aus Marannen-Flüchtlingen auf, die auf tausend Irrwegen übers Meer den Weg in den sicheren Schoß der spanienfeindlichen und toleranten Generalstaaten fanden, so ist doch das erste Mini an aschkenasischer Juden, das am Rosch ha Schanah 5396 in Amsterdam zusammentrat, der Herkunft nach aus Deutschland. Schon 1615 und 1616 waren vereinzelte Flüchtlinge aus Frankfurt a. M. und Worms in Amsterdam angekommen. Allmählich wuchs die Zahl, um so mehr als die portugiesischen Juden sie mit größter Brüderlichkeit und Liebe aufnahmen und unterstützten. Und so „leint" denn auch dieser erste Minjan von Juden aus Deutschland in Amsterdam Torarollen, die ihnen die portugiesische Synagoge aus dem Besitz der Franzisco Comez da Costa und Isaac Muscato als brüderlichen Gruß übersendet. Und am Sukkoth-Feste finden wir diese Juden sogar — da sie keine eigenen Esrogim besaßen — ganz beim Gottesdienst der Portugiesen. Von da ab wird aber das eigene Minjan zur Regel, um so mehr als nun auch polnische Flüchtlinge aus den Verfolgungen der Kosakenkriege in. entsetzlicher Armut „nackt und bloß" ankommen. Auch Litaue.n stellt ein Kontingent, als 1655 Russen und Schweden gegen Polen Krieg führen und gegen die unglückliche jüdische Bevölkerung von beiden Seiten vorgegangen wird. Uber Texel kommt nach Amsterdam aus Memel ein Schiff mit 300 aller Existenzmittel entblößter Flüchtlinge, die von Juden und Christen gut aufgenommen und zum Teil nach anderen Ländern weitergeleitet werden. Den größten Teil der aschkenasischen Gemeinde bilden aber doch die Juden aus Deutschland. Ihr erster Oberrabbiner ist R. Mose Weil, ihr Vorsteher und Notabel Amsel Rood, Comprich Levy, Jaacob Peckhoven (Berghofen?) und Michael. Unter den folgenden Oberrabbinern finden wir R. I. D ekinge n und R. Abraham ben R. J o s ua aus Worms. Dem ersten kleinen provisorischen Minjan folgen schnell nunmehr eigene kleine Synagogen. Die Gemeinde wächst, wird aber zeitweilig dadurch geschwächt, daß sich um 1660 ein Teil der polnischen Juden von ihr trennt, eine eigene Synagoge und einen Friedhof begründet und nur wenige polnisch-litauische Juden unter Führung des um die spätere Wiedervereinigung und auch sonst um die Gemeinde hochverdienten R. Josef ben R. Abraham zurückbleiben. Es kommt über ein Jahrzehnt lang zu inneren Kämpfen, bei denen die portugiesische Gemeinde sich ausdrücklich auf die Seite der polnischen Juden stellt. Weder ein ziemlich scharfes Eingreifen der polnischen Vierländer - Synode zugunsten der polnisch - litauischen Gemeinde, noch ein von der deutschen Gemeinde vorgeschlagenes Schiedsgericht unter Vorsitz des kurze Zeit in Amsterdam weilenden berühmten Frankfurter Oberrabbiners R. Samuel Kaidanower, der selbst Pole war, vermochte einen Friedensschluß herbeizuführen. Obrigkeitlicher Zwang setzte dies aber endlich 1673 durch, sehr zum Vorteil beider Gruppen, aus denen nun eine einheitliche starke Gemeinde erwuchs. Zwei Jahre vorher hatte die hochdeutsche Gemeinde ein sehr bedeutsames Fest feiern können. Alle ihre großen Schwierigkeiten, für ihre Mitglieder ausreichend Raum für alle gottesdienstlichen Übungen und Funktionen zu finden, waren endlich durch die Einweihung der „Groote Synagoge" 1671 beendet. Der große niederländische Baumeister Daniel Stalpaert hatte ein in seiner Einfachkeit doch erlesen schönes und würdiges Gebäude geschaffen, das der Gemeinde einen starken inneren Rückhalt gab. Auch an sich war sie schon keine kleine Flüchtlingsgemeinde mehr; zählte die hochdeutsche Gemeinde doch schon 1669 230 männliche Vollmitglieder und dazu noch eine Anzahl nicht vollberechtigte, mit Frauen und Kindern also sicherlich über 1000 Menschen. Nach der Vereinigung mit der polnischen Gemeinde stieg die Zahl der Gemeindemitglieder entsprechend weiter an. Zum Vergleich sei herangezogen, daß 1651 400 Marannem-Famirien die portugiesische Gemeinde Amsterdams bildeten. .Wirtschaftlich entwickelte sich die hochdeutsche Gemeinde nicht ungünstig. Eine Anzahl der deutsch-jüdischen Flüchtlinge lebte in einem gewissen Wohlstand und hatte gute Bank- und Handelsbeziehungen aus Deutschland mitgebracht. Als nach dem Frieden von Breda, 1667, der die englisch-sehwedisch-holländische „Tripelalliance" einleitete, eine Zeit allgemeinen Aufschwungs einsetzte, konnte auch die hochdeutsche Gemeinde daran in großem Umfange teilnehmen. In dieser Zeit entstanden auch die drei hebräischen'Druckereien, die den Ruhm Amsterdamer Buchdruokerkunst und Gelehrsamkeit weit hinaus trugen, soweit, daß 1685 der Magistrat der Stadt Breslau in einem Beschluß davon abrät, einer geplanten hebräischen Buchdruckerei in der Nähe von Breslau (Dyhernfurth?) die nachgesuchte Konzession zu erteilen, weil „in Holland zu Amsterdam drei starke jüdische Druckereien seien, aus welchen die Bücher zur See nach Danzig und der Memel gebracht und damit die Juden in Polen und Litauen versehen werden". Spätere Zeiten sehen aber ein wirtschaftlich stark veränderte Situation, die die beiden jüdischen Gemeinden Amsterdams nicht verschont. Unglückliche Kriege mit England und später der finanzielle Zusammenbruch der Ostindischen Kompanie vernichten viel kommerziellen Wohlstand bei den niederländischen Juden. Vor allem aber setzte im merkwürdigen Gegensatz zur politischen Freiheit eine lan'gandauernde Periode der wirtschaftlichen Benachteiligung ein. Die politische religiöse Toleranz, war äußerst weitgehend. 1593 waren die ersten portugiesischen Juden nach den Niederlanden gekommen und, nachdem man unter der Hand ihnen schon längst vorher die Freiheit des Gottesdienstes gegeben hatte, konnten sie schon 1619 inmitten eines sonst von Glaubenskämpfen zerrissenen Europa in voller Öffentlichkeit ihren Synagogendienst abhalten. Als Bürger wurden sie und die hochdeutschen Juden sehr bald betrachtet, und es bezweckte eigentlich nur eine ausdrückliche Schutzmaßnahme der holländischen Juden, die als Kaufleute Handelsbeziehungen pflegten gegenüber dem Ausland, daß am 12. Juli 1667 die Staaten von Holland in einer Erklärung feststellten: „Juden sind tatsächlich Untertanen der Generalstaaten und Einwohner der Niederlande und erfreuen sich darum der Verträge und Rechte dieses Staates, die für die Einwohner gelten." Uberhaupt stützt die Regierung die Juden bei jeder Gelegenheit, weil sie ihren großen Wert für den Aufbau der holländischen Volkswirtschaft sowie ihren Anteil in den Wissenschaften hoch einschätzt. Auch als 1663 das R i t ua 1 mo r dmär ch en auftauchte, schritt die staatliche Justiz mit nachhaltigem Erfolg sofort dagegen ein, im übrigen aber überließ der Staat den Städten die Regelung der Judenfrage. Und je nachdem, welchen Einfluß die Gilden, die, wie in allen Ländern, eifersüchtig, über ihren Rechten wachten, auf die Stadtverwaltung hatten, gestaltete sich das Schicksal der Juden. In Amsterdam wurde die Zahl der Handelsbeschränkungen, die im Interesse der Gilden in der rigorosesten Weise durchgeführt wurden, so groß, daß ein gewaltiger Verarmüngsprozeß unter den Juden einsetzte. Man sah sie zwar gern als Makler wegen ihrer Gewandtheit und Sprachkenntnisse, man ließ ihnen auch die Beschäftigung im hebräschen Buchdruck, in der Tabaksindustrie und in der Diamantenschleiferei — zum Teil deshalb, wie einmal öffentlich erklärt wurde: aus Dankbarkeit, weil sie seiner Zeit die Diamantenindustrie aus Antwerpen nach Amsterdam gebracht hatten, — und man ließ sie auch als Ärzte und Rechtsgelehrfe zu. Aber darüber hinaus war ihnen beinahe alles verboten, und ununter- Helft die Nof lindern! Spendet zur Jüdischen Winterhilfe!