Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 10 (15.11.1935)
- Date
- 1935-11-15
- Page
- Seite 28 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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28 Mitteilungen des . Jüdischem Lehrervereiins in Bayern Nr. 10 weißblühendens'gekreuzt würde, so sind die Nachkommen alle rot, obwohl natürlich das Merkmal „weiß" sich ebenfalls mitvererbt haben muß; die Anlage „rot" ist aber stärker und überdeckt jene. Pflanzt man diese rotblühende „Mischrasse" nur unter sich fort, so haben von den Nachkommen wieder ein Viertel rein weiße Blüten: das überdeckte Merkmal „weiß" wurde wieder „herausgemendelt", wie der Fachausdruck lautet.) Neue Rassen können auch durch Mischung alter Rassen entstehen. Bei Mischungen verschiedener Rassen kombinieren sich deren Eigenschaften in der verschiedenartigsten Weise. Die allermeisten entstehenden Mischungen stellen ja unerwünschte Kombinationen dar, aber der Züchter wählt die wenigen günstigen Kombinationen, welche die erwünschten Eigenschaften beider Eltern vereinen, aus und bringt nur diese weiter zur Fortpflanzung. Aber es gibt noch eine-dritte Möglichkeit für die Entstehung neuer Rassen und diese ist insbesondere für die menschlichen Rassen von Bedeutung. Wenn auch das Erbgut, das im „Keimplasma" verankert ist, von den Bedingungen des Lebens unberührt bleibt, so treten doch mitunter auf noch fast völlig ungeklärte Weise plötzlich einzelne Änderungen auf, die man „M u t a t i o n e n" oder „Erbänderungen" nennt. Diese Änderungen des Erbgutes sind meist krankhafter Natur und benachteiligen das von ihnen betroffene Lebewesen. Dieses kommt entweder gar nicht zur vollen Entwicklung oder es bleibt immer den anderen Individuen gegenüber im Lebenskampfe im Nachteil, d. h. es kommt später und weniger häufig als diese zur Fortpflanzung. Im Bilde der nächsten Generation tritt diese Mutation infolgedessen schon seltener auf und nach wenigen Generationen ist sie wieder „ausgemerzt". Manchmal aber ist eine solche Mutation gerade in der betreffenden Umgebung günstig. Die Träger derselben sind an dem betreffenden Orte vermöge der Mutation im Lebenskampfe im Vorteil; sie entwickeln sich schneller und stärker, kommen rascher und häufiger zur Fortpflanzung; im Bilde der nächsten Generation tritt diese Mutation viel häufiger auf, bis sie schließlich im Verlaufe mehrerer Generationen das gesamte Bild der Gruppe beherrscht; man sagt diese Mutation wurde „ausgelesen". Schließlich, wenn solche Auslesen günstiger Mutationen im Laufe großer Zeiträume immer wieder vorgekommen sind, herrscht jene weitgehende Harmonie zwischen dem Lebewesen und seiner Umwelt, die man fälschlich als „Anpassung" bezeichnete. In Wirklichkeit hatte aber nicht die Umwelt, das „Milieu" das Lebewesen gestaltet, sondern das Primäre sind Mutationen und die Träger dieser Mutationen konnten sich in der für sie günstigen Umwelt entwikk e 1 n. — Es sind eine Unzahl von Versuchen und Erfahrungen bekannt, welche die Unmöglichkeit der alten „Milieutheorie" offenkundig machen. Ein Beispiel sei hier angeführt. Die sogenannten einseitigen Zwillinge haben gemäß ihrer Entstehung genau die gleiche Chromosomenkombination aus dem väterlichen und mütterlichen Chromosomenbestand, also das gleiche Erbgut. Solche eineiigen Zwillinge entwickeln sich in einer derart übereinstimmenden Weise, selbst wenn sie in verschiedenartigster Umgebung und. verschiedenartigsten Lebensbedingungen aufwachsen, daß man immer wieder verblüfft ist, wenn man ihr Leben vergleichend beobachtet. Zum.Begriffe einer „Rasse" gehört eine Menge von körperlichen und geistigen Merkmalen. Man darf sich aber nicht vorstellen, als ob alle diese Rassenmerkmale in sämtlichen Individuen, die der Rasse angehören, zum Vorschein kämen. Im Gegenteil, man wird nur ganz wenige Individuen finden, wenn überhaupt welche, in welchen sämtliche ■ angegebenen Eigenschaften der Rasse gleichzeitig vorhanden sind. Wenn wir z. B. hundert Merkmale als typisch für eine Rasse festgestellt hätten, so werden die einzelnen Lebewesen, die der Rasse, angehören, 70—90; von diesen Merkmalen aufweisen, während; sie in 10—30 Punkten vom Idealbild der Rasse abweichen. Die Hauptsache ist aber, daß die gleichen Merkmale in derselben Häufigkeit auch in der Nachkommenschaft immer wieder auftreten; nur wenn die Nachkommenschaft in jeder Richtung innerhalb, der Gruppe bleibt, welcher .die Vorfahren angehören, können wir von einer Rasse sprechen. Wenn aber Kinder in Rassenmerkmalen von den Eltern abweichen, so beweist das — unter der Voraussetzung, daßdie Rasse selbst richtig definiert ist —, daß die Eltern nicht reinrassig waren. Wie denkt man sich nun die Entstehung von Menschenrassen? Die Auffassung, daß die verschiedenen heutigen Rassen an verschiedenen Punkten der Erde unabhängig voneinander entstanden seien, widerspricht der jüdischen Auffassung von d'er Einheit des. Menschengeschlechtes (z.B. Tosefta Sanhedrin VIII, 4). Es ist vielmehr anzunehmen, daß innerhalb einer ursprünglich gleichen Menschheit in einem frühen Stadium der Geschichte Mutationen aufgetreten sind. Die natürliche Auslese bewirkte, daß die in der jeweils gegebenen Umwelt vorteilhaftesten Mutationen allmählich das Gesamtbild der Menschheit in diesem Gebiete beherrschte (wie eine solche Auslese vor sich geht, wurde im vorhergehenden Abschnitt geschildert). Von größter Bedeutung sind dabei Eigenschaften des Geistes und des Willens. Solange die natürliche Auslese unbeschränkt herrscht, nähern sich die Menschen eines geschlossenen Gebietes in ihren Merkmalen infolgedessen einander immer mehr, wobei die geistige Durchschnittsfähigkeit zunächst sich fortgesetzt steigert, da ja die Minderbegabten mehr und mehr, ausgemerzt werden. Schließlich ist das Gebiet von einer einheitlichen Rasse bevölkert, die in sich geschlossen ist und mit der Umgebung in einem gewissen harmonischen Gleichgewicht sich befindet. Nun aber führt die geistige Entwicklung weiter zur Kultur. Die hohe Rasse tritt mit anderen in Berührung (Eroberung!), dann aber biegt sich die Auslese in die,sogenannte „Gegenauslese" um. Die begabten Schichten eines Volkes, die im allgemeinen der höheren Rasse angehören, pflanzen sich weniger stark fort, so daß die Nachkommen der niederen Schichten (evtl. der überwundenen Vorrassen) allmählich ein Ubergewicht bekommen. Dazu kommt, daß in den Kriegen und auf den schwierigsten Posten des Lebenskampfes gerade d i e besten Kräfte ausgemerzt werden; .die Kraft der Rasse nimmt nun ab; ihr „Keimplasma" zerfällt, eine bisher minderwertige Rasse steigt auf. Die rassische Zusammensetzung der-Völker wird im Laufe der Kulturentwicklung noch durch zwei weitere Faktoren nachteilig beeinflußt: durch erbliche Krankheiten und Rassemischung. Während des Naturzustandes der Völker merzt die natürliche Auslese die kranken Erbstämme immer wieder aus; im Stadium der Kultur vermischen sie sich jedoch fortgesetzt mit gesunden Erbstämmen, so daß immer größere Teile des Volkes mit der betreffenden Krankheit erblich belastet sind. (Das braucht ja nicht hervorzutreten, wenn es sich um eine Krankheit handelt, die verdeckt vererbt wird.) — Die Rassenmischung mag in einem frühen Stadium der Rassenentwicklung, solange die natürlichen Auslesegesetze noch unbeschränkt herrschten, vielleicht sogar günstig sein. Bei höherentwickelten Rassen dagegen ist Mischung in größerem Ausmaß immer eine sehr bedenkliche Erscheinung. Die Ausgangsrassen besitzen in sich geschlossene, aufeinander und auf die Umwelt abgestimmte Anlagegruppen. Diese Harmonie Wird durch die Rassenmischung bei Kulturrassen gestört. Es können zwar gelegentlich ganz hervorragende Mischlinge entstehen, in welchen sich die wertvollen Anlagen beider Rassen kombiniert haben. Die Zusammensetzung der menschlichen Erbanlagen — besonders der geistigen und seelischen — ist aber außerordentlich kompliziert. Man bedenke, daß die Zahl der Chromosomen 48 beträgt, daß sowohl in einem Chromosom viele Anlagen zugleich vererbt werden, anderseits aber das Entstehen der meisten Merkmale auf das Zusammenwirken mehrerer Chromosomen zurückgeht. In der ursprünglichen Rasse besteht zwischen den verschiedenen Tendenzen ein Gleichgewicht, da sie ja das Produkt einer natürlichen Auslese sind. Eine Mischung führt nun zu Komoinationen der Chromosomen beider Rassen, welche nur in ganz wenigen Fällen günstig sein können. (Die Bedeutung der durch Mischung erhaltenen Rassen bei Tieren und Pflanzen kann hier nicht in Vergleich gebracht werden; denn der Züchter läßt ja immer nur die wenigen, nach seinem Gesichtspunkt günstigen, Kombinationen sich fortpflanzen. Aber auch bei diesen Pflanzen und Tieren zeigen die Mischrassen viele söge-