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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1935-11-15 · 10 (15.11.1935) · p. Seite 29

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1935
Issue
10 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
Seite 29 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 29 nannte Degenerationserscheinungen, Verminderung der Fruchtbarkeit, Schwächung der Lebenskraft. Man denke z. B. an die Maultiere. Es ist auch zu bedenken, daß bei den Menschen mit ihren komplizierten Erbanlagen es ausgeschlossen ist, daß aus der Mischrasse sich wieder die ursprüngliche Rasse je rein herausspalten könnte: eine Rasse, die ihre Reinheit aufgegeben hat, erhält sie nie mehr zurück. Alte, hochstehende Rassen werden aber nicht nur durch die aufgezählten Erscheinungen bedroht, sondern man hat oft den Eindruck, als ob gewissermaßen das Keimplasma im Laufe langer Kulturentwicklung mehr und mehr seine ursprüngliche Kraft einbüßen würde. Der Grund ist folgender: Die Rasse ist unter gewissen Lebensverhältnissen ausgelesen und stelM für jene eine optimale Gruppierung von Anlagen dar; im Verlaufe des Aufstiegs zum Kultur- und zum Herrnvolk hat sich die Lebensweise oft in den für die seinerzeitige Auslese wesentlichsten Punkten stark geändert. Die'Kongruenz zwischen Lebensweise und Rasseneigenschaften besteht nicht mehr und kann zu schweren Störungen führen, (Forts, folgt.) Karl Adler bei der bündischen Jugend in München Unter Leitung des den Kollegen von der Würzburger Tagung noch in guter Erinnerung stehenden Herrn Dir. Karl Adler fand in München ein Singkurs für die bündische Jugend statt. Der Wert derartiger Veranstaltungen, insbesondere aber einer solchen, die sich mit dem von lebenssteigernder Kraft erfüllten Bildungsgutes des Gesanges befaßt, ist abhängig von der leitenden Persönlichkeit. Die hervorragende musik- und gesangspädagogische Befähigung Karl Adlers zieht die Teilnehmer in den Bann der tiefgehenden Wirkungen, die von dem einfachen deutschen und hebräischen Volkslied und von den hebräischen synagogalen und häuslichen Festesweisen ausgehen. Das Geheimnis seiner Arbeitsweise liegt im zielsicheren Streben und in der unfehlbaren Fähigkeit, den in jedem Menschen naturhaft vorhandenen, schlummernden, oft verschütteten und .verbildeten musikalischen Sinn zu wecken, zu veredeln und ihn selbsttätig schaffend oder wenigstens nach- und miterlebend zur Entfaltung zu bringen. Den auf gesangs- und musikpädagogischem Gebiete tätigen Kollegeri dürfte eine enge Fühlungnahme mit Adlers Persönlichkeit fruchtbare Anregungen für die Gestaltung ihres Unterrichtes bringen. Die früher gebotenen Möglichkeiten zu der Teilnahme an Kursen zur Fortbildung in der Methode des Schulgesanges sind uns verschlossen. Durch Karl Adler eröffnen sich uns neue Wege, diese Lückewieder auszufüllen. Julius Kissinger. Bericht über die 5. Fortbildungskonferenz der Freien Vereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz in Landau .am 27. Oktober 1935. Nach kurzen Begrüßungsworten durch den Vorsitzenden des Verbandes pfälzischer israelitischer Gemeinden, Herrn Kommerzienrat A. Joseph, des Herrn Kultusvorstandes A. Schwarz und des Vorsitzenden der Freien Vereinigung und nach einem kurzen Bericht über den Fortbildungskurs' des bayerischen jüdischen Lehrer in Würzburg hielt Herr Prof. D. B o n d i ein Referat über „Neue Strömungen in der Pädagogik", das bei allen Zuhörern, Schul- und Nichtschulmännern, großen Beifair fand. Ausgehend von den drei Erziehungsinstituten: Familie, Schule und Bund, die für die Gestaltung der Jugendlichen . in Frage kommen, stellte der Redner die Probleme 1. Freiheit und Autorität, 2. die Lebenstauglichkeit des jüdischen Menschen in den Vordergrund der Behandlung. Prof. Bondi beleuchtete die Erziehungspririzipien von einst und heute und wies auf die Entwicklung der Autoritätserziehung, zu dem heutigen Prinzip Autoritäts¬ und. Freiheitserziehung, die gleichermaßen zur Anwendung kommen, hin. Er zeichnete den Unterschied an den verschiedenen Menschentypen von 1896, 1901 und 1910, die sich in Art und Wesen voneinander unterscheiden. Zu der Frage'Berufsumschichfung Stellung nehmend, stellte , er fest, daß 'däs Schlagwort'der jetzigen Zeit laute : Weg von geistigen und kaufmännischen Berufen.. Die Eltern, so betonte er, verlieren die Sicherheit und überlassen die Entscheidung dem Bünde. Der Bundesführer kann aber nur von seinem idealen Standpunkte ausgehen und trifft dadurch viele Fehlentscheidungen. Der eigentliche Berufsberater aber sei der Lehrer. Noch nie waren dem jüdischen Lehrer so schwere, aber desto dankenswertere Aufgaben .zugewiesen wies gerade in dieser Zeit. Wir haben ein starkes Geschlecht zu erziehen. Unsere Parole heißt deshalb: Erziehung zur Wendigkeit, und Lebenstüchtigkeit. ~ Am Nachmittag fand dann unter Leitung Prof. Bondis eine Arbeitsgemeinschaft über Jugendfragen statt An der sehr interessanten Aussprache, die zu einer Weltanschauungsdebatte führte, beteiligte sich vor allem Schottland (Frankenthal), Marx (Speyer) und ein als Gast anwesendes Mitglied der Stuttgarter Werkleute. Viel zu früh mußte die arbeitsreiche Tagung geschlossen werden. Aber noch lange werden die Teilnehmer an diesen Stunden zehren. Li.B. Zw." Vereinsmitteilungen 1. In den letzten Wochen sind zwei verdiente Kollegen, Oberlehrer Frank in Fischach und Oberlehrer Blumenthal in Unsleben in den dauernden Ruhestand getreten. Kollege Frank hat seinen Wohnsitz nach Ichenhausen, Blumenthal nach Würzburg verlegt. Die Verwesung der Volksschulstelle in Fischach wurde dem Schulamtsbewerber Heinrich Goldschmidt übertragen, die Schulstelle in Unsleben wird von dem Schulamtsbewerber Felix Kuhn in Hofheim versehen. 2. Hauptlehrer Sonn (Regensburg) wurde mit Wirkung vom 1. November zum Oberlehrer befördert. 3. Frau Rabbiner Bamberger (Würzburg), die Witwe unseres unvergeßlichen Lehrers Nathan Bamberger s. A. vollendete in diesen Tagen in körperlicher und geistiger Frische ihr 85. Lebensjahr. Wir beglückwünschen die verehrte Frau aufs herzlichste und hoffen, daß ihr noch viele Lebensjahre in Gesundheit beschieden sein mögen. 4. Kurz vor Redaktionsschluß erhalten wir die Trauerbotschaft vom Heimgange der Witwe unseres früheren Vereinsmitgliedes, Frau Mittel (Unsleben), im BQuLebensjahr. Wir sprechen auch an dieser Stelle den Angehörigen unser herzlichstes Beileid aus. M . 5. Jüdische Winterhilfe. Es ist den Kollegen sicher bekannt, daß in diesem Jahre eine eigene jüdische Winterhilfe eingerichtet worden ist. Die näheren Bestimmungen sind ja in allen jüdischen Zeitungen veröffentlicht worden. Wir fordern unsere Mitglieder auf, dieses soziale Werk aufs tatkräftigste. zu unterstützen und insbesondere auch die Schule in den Dienst dieser Sache zu stellen (Pfundsammlung — Strickarbeiten etc.). Auf die Bestimmung, wonach Beamte in jedem Monat 10 Prozent ihrer Lohnsteuer für die Winterhilfe abgeben sollen, wird noch besonders hingewiesen. Es muß jedem einzelnen Kollegen anheimgegeben werden, entsprechenden Antrag an seine Zahlstelle zu richten. München, den 10. November 1935. M. Rosenfeld M.Adler. Buchbesprechung Theodor Herzl. Biographie von Alex Bein. Fiba Verlag, Wien. Der Aufbau des heiligen Landes ist heute in den Mittelpunkt des jüdischen Lebens gerückt. Das neue Werden in Erez Israel zieht alle jüdischen Menschen in seinen Bann und veranlaßt sie, sich auch mit der Persönlichkeit zu befassen, der das jüdische Volk so vieles verdankt: Theodor Herzl. Alex Bein hat sich nun an die gigantische Aufgabe gewagt, Herzls Entwicklung zum Zionismus und seine Tätigkeit als Führer der zionistischen Bewegung, seine politische undseine literarische Tätigkeit zu zeichnen. Es muß ihm zugestanden werden, daß er diese Aufgabe verzüglich gelöst hat. Was uns Bein da bietet, das ist mit den bekannten Biographien Herzls nicht zu vergleichen, das ist das Herzlbuch. Auf diesen 736 Seiten -steht alles, was heute jeder Jude, auch der Nichtzionist, über Herzl wissen sollte. Besonders der jüdische Lehrer darf es nicht versäumen, das Buch eingehend und gründlich, durchzuarbeiten und die gewonnenen Erkenntnisse in-Arbeitsgemeinschaften, .bei Kulturbundveranstaltungen, an Heimabenden der Bünde etc. zu verwerten Es ist hier nicht möglich, Einzelheiten aus diesem wertvollen, interessanten, sich leicht lesenden Werke zu bringen. Möge jeder Lehrer das Buch selbst zur Hand nehmen und sich Aufklärung über Herzls Jugendzeit, über seine oft vergeblichen Mühen und seine unermüdliche Tätigkeit für das jüdische Volk und das jüdische Land erholen. M. A. Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München

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