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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1935-11-15 · 10 (15.11.1935) · p. Seite 27

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1935
Issue
10 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
Seite 27 (sequence 1)
Language
German
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(Mitteilungen üea Äfften Setjrernereina für ßapern Schriftleitung: Max Adler, München 1935 München, 15. November Nr. 10 Vererbungslehre und Rassenkunde des jüdischen Volkes Von J. B. Hirnheimer (Würzburg). Zwei wichtige Gründe lassen die Behandlung rassenkundlicher Fragen in der jüdischen Schule geboten erscheinen. 1. Die Rassenkunde spielt im heutigen Leben eine bedeutende Rolle und in Rücksicht auf die Umwelt ist es für den Juden notwendig, ihre Grundtatsachen zu kennen. 2. Eine von jüdischen Gesichtspunkten ausgehende Rassenkunde kann ein wertvolles Mittel sein, dem Selbstbewußtsein des jüdischen Menschen einen Halt zu geben. Sinn und Bedeutung rassenkundlicher Erkenntnisse kann aber nur der verstehen und beurteilen, der einigen Einblick in den gegenwärtigen Stand der Vererbungslehre hat; deshalb muß die jüdische Schule auch einen Begriff von den Gesetzen und Bedingungen der Vererbung vermitteln. Für den jüdischen Lehrer ist es nun schwierig, sich die nötigen Vorkenntnisse selbst zu verschaffen. Über Vererbungslehre gibt es zwar eine Anzahl guter Einführungen — ich nenne z.B. Goldschmidt: Die Lehre von der Vererbung, Die Leitfäden über Rassenkunde aber und die populären Bücher über Rassenfragen, die in den letzten Jahren erschienen sind, sind als Informationsquelle für den jüdischen Lehrer recht wenig geeignet. Die wissenschaftlichen Werke über Rassenkunde wiederum sind nur für1 den fachwissenschaftlich geschulten Biologen brauchbar. Auf mehrfach geäußerten Wunsch habe ich deshalb gelegentlich des Schulungskurses des Jüdischen Lehrervereins für Bayern in der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg den Versuch unternommen, in sechs Stunden eine Einführung in die genannten Gebiete vom jüdischen Standpunkt aus zu geben. Diese Darlegungen, die schon selbst einen konzentrierten Extrakt des Unterrichtsstoffes >'n Biologie während eines ganzen Jahres in der 5. Klasse der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt darstellen, kann ich nicht nochmals in einem Auszug zusammenfassen, abgesehen davon, daß sie ja nur im Zusammenhang mit den etwa 100 Lichtbildern und Zeichnungen, die sie begleiteten, verständlich sind. Ich will mich deshalb darauf beschränken einige Grundgedanken wiederzugeben, welche zur richtigen Erfassung und Verarbeitung der Rassenkunde notwendig sind. 1. Die Bedeutung der Vererbung. Die Ergebnisse zahlreicher wissenschaftlicher exakter Beobachtungen und Untersuchungen der letzten Jahrzehnte haben ergeben, daß für die Entwicklung und den Lebensablauf eines Individuums der Vererbung eine weit größere Bedeutung zukommt, als den Einflüssen der Umwelt. Das „E r b g u t", das von den Eltern übernommen wurde, bestimmt das Bild des Lebewesens in einer Weise, daß die Umwelt daran nur noch engbegrenzte „Modifikationen" anbringen kann, die sogar — bei einer großen Zahl der Nachkommen — selbst wieder nach mathematischen im voraus formulierbaren Gesetzmäßigkeiten sich auswirken. Die Abänderung unter dem Einfluß der Umwelt haben überhaupt keinen Einfluß auf das Erbgut selbst, das vielmehr unverändert bleibt. Man kennt diese Erfahrungstatsachen aus vielen Beobachtungen, aber man weiß heute sogar, wie der Mechanismus der Vererbung verläuft. Man hat in den Vorgängen bei der Befruchtung und Zellteilung erkannt, daß kleinste Teilchen des Zellkerns — die Chromosomen —, die für jedes Lebewesen in einer charaktristischen Zahl auftreten, die Träger der Erbeigenschaften sind. In der Vereinigung der väterlichen und mütterlichen Chromosomen in der Keimzelle — ein Prozeß, der, wie überhaupt die Reifung und das Schicksal der Geschlechtszellen, Wunder über Wunder einschließt, liegt das Geheimnis der Vererbung. Wie sich bei der Befruchtung der Eizelle väterliche und mütterliche Chromosomen kombinieren, davon hängt das ganze Schicksal des neuentstehenden Lebewesens ab. (Eine interessante Parallele zu diesem Gedanken siehe Talmud Nidda 16.) Aus der Keimzelle entstehen nämlich durch fortgesetzte Teilung der Zellen immer wieder neue; bei jeder Zellteilung werden sämtliche Chromosomen halbiert und je eine Hälfte jedes Chromosoms auf die beiden neuen Zellen gleichmäßig verteilt. Schließlich enthalten sämtliche Zellen des vollentwickelten Individuums die gleiche Chromosomenkombination wie die Keimzelle sie hatte. Das Individuum wird nun durch die Umwelt „modifiziert'1, in seiner Entwicklung in mancher Richtung gefördert, in anderer gehemmt und dadurch werden natürlich auch seine Zellen beeinflußt. Aber zu einer Stelle dringen diese Einflüsse nicht vor: in jene Zellgruppe, aus welchen die Geschlechtszellen und damit die Grundlage der nächsten Generation entstehen. Bei vielen Tieren macht man direkt folgende- Beobachtung: Schon ganz am Anfang der Entwicklung des Lebewesens, nachdem sich erst die Keimzelle zu einem Zellhaufen entwickelt hat, sind schon jene Zellen abgesondert, aus denen sich später die Geschlechtszellen entwikkeln; sie bleiben von der ganzen Weiterentwicklung des Individuums unberührt. Und ganz so, .wie sie das Erbgut in den Chromosomen von den Eltern empfangen haben, so geben sie es der nächsten Generation weiter und diese wieder unverändert an die nächste und so fort. Das Erscheinungsbild der einzelnen Generation ist nur ein vorübergehendes Anhängsel der immer sich gleichbleibenden Keimzellen, in welchen das „Erbbild" sich „ewig" erhält. Hierzu ausnahmsweise ein Beispiel: Bisher glaubte man folgenden Fall für möglich: Ein von Natur aus schwächlicher Mensch ergreife das Schmiedehandwerk. Durch Arbeit und Übung stählen sich seine Muskeln; sein Sohn erbt nun diese stärkeren Muskeln vom Vater, treibt ebenfalls das Schmiedehandwerk und entwickelt dadurch seine Muskeln noch mehr; im Enkel setzt sich dieser Prozeß wieder weiter fort und so werden die Menschen von Generation zu Generation immer stärker. Man kann sich so eine unendlich aufsteigende Entwicklung denken. (Wir haben hier den Glauben an die ewige Höherentwicklung, wie er das vergangene Jahrhundert auf allen Gebieten beherrschte.) Die Ergebnisse der Zellforschung zeigen nun, daß diese ganze Vorstellung total falsch ist. Die Stärkung der Muskeln, die sich das 1. Glied der Generationenreihe durch Training verschafft hatte, hatten gar keinen Einfluß auf den Körper des Sohnes. Dieser erbte vielmehr vom Vater die gleichen Anlagen wie sie jener bereits von Anbeginn an hatte und muß sich die Kräftigung seiner Muskeln genau so erarbeiten und wird daher im allgemeinen auch nicht über die vom Vater erreichte Stufe hinauskommen. Und selbst wenn ausnahmsweise ja, muß trotzdem der Enkel wieder an derselben Stelle von vorne beginnen wie der Großvater. (Die Beobachtungen, die scheinbar dieser wissenschaftlichen Feststellung zu widersprechen scheinen, findet man in den Werken über Vererbungslehre hinreichend erklärt. Wieso es kommt, daß eine Population nach mehreren Generationen ihrer Umgebung besser angepaßt erscheint als früher, wird später noch erklärt werden.) 2. Allgemeine Vererbungslehre. Jede Züchtung kann keine Änderung des Erbgutes herbeiführen; sie liest nur aus. Das Material, das dem Züchter vorliegt, ist gewöhnlich eine Mischung verschiedener Rasseh und durch systematische Auslese isoliert er jene Rassen, welche seinem Ideal am besten entsprechen; er kann aber nur solche Eigenschaften herauslesen, die wirklich von Anbeginn an im Erbgut enthalten waren. Sie können ja in der Mischung verdeckt gewesen sein durch eine größere Zahl andersrassiger Individuen, oder es kann auch der Fall sein, daß die Anlagen zu den gewünschten Eigenschaften von anderen entgegenstehenden Anlagen überdeckt waren, wie das oft der Fall ist. (Wenn z. B. eine rotblühende Erbse mit einer

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