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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-11-15 · 22 (15.11.1935) · p. Seite 488

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
22 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
Seite 488 (sequence 6)
Language
German
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488 Bayerische^ israelitische 'Gemeindezeitung Nf . 22 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig W Jj*Uj Umfelder Cm.bf}. Ttlündjrn, im9totentat Weit mehr als 90 Prozent aller poetischen Literatur besteht aus solchem Sich-weiter-Dichten der Sprache in empfindsamen aber inieigenen und unkritischen Geistern. Nur 'in den seltenen Fällen von schöpferischem Genie wind die Sprache umgebildet und zu neuen, erschütternden Leistungen aufgerufen. Als diie Juden vor fünf Generationen den produktiven Verkehr mit der deutsehen Sprache aufnahmen, wurden sie natürlich sehr häufig Literaten, für die diese Sprache „dichten und denken" mußte. Ein paar Fälle von schöpferischem Genie sind allerdings auch bei ihnen aufgetaucht, und wie weit das, was diese Autoren nun in der deutschen Sprache zu neuer Entfaltung brachten, seinem .Wesen nach „jüdisch" war, das ist eine unendlich viel umstrittene Frage, die wir hier im Augenblick -nicht untersuchen wollen. Tatsache aber ist, daß dieses Genie, das eigene neue Wesenskraft zum Einsatz bringt, immer etwas ganz Seltenes ist, und daß die große Mehrheit, die unendlich große Mehrheit aller Schreibenden innerhalb der Grenzen bleibt, die die bestehende Sprache für das Dichten und Denken gesetzt hat. Es ist also eigentlich selbstverständlich, daß die erregten jungen und älteren Leute, die jetzt in deutscher Sprache spezifisch jüdische Themen behandeln, durchaus nur deutsche Dichtung produzieren, denn die Sprache dichtet und denkt für sie — weil sie eben keine Genies sind! Man verstehe mich recht: ich behaupte durchaus nicht, daß die Autoren, die jetzt die jüdischen Stoffe behandeln, im Drama, in der Erzählung, im Gedicht, Konjunkturäger sind. Es mag auch solche unsympathischen Gestalten unter ihnen geben, aber die meisten werden sicher von einem echten und ernsten Gefühl zu diesen Themen geführt. Ich behaupte auch gar nicht, daß diese Literatur unnütz oder überflüssig sei. Die Hinführung zu diesen Stoffen hat gewiß ihren Wert. Wenn sie auch durchaus nicht Sache der Dichtung zu sein brauchte und wahrscheinlich in belehrender Form gründlicher erfolgen könnte, so ist doch die poetische Form für Menschen, die nicht gerne lernen, eine nützliche Verführung, sich gleichsam unbewußt Kentnisse anzueignen. Nur ist es nicht ungefährlich, wenn die jungen Dichter sich vielleicht einbilden, diese gute und nützliche Poesie wäre neue jüdische Dichtung, und wenn das Publikum derlei von ihnen verlangt und erwartet. Denn erstens einmal stiftet das Verwirrung sowohl über den Begriff der Poesie wie des Jüdischen. Poesie ist nicht Mitteilung bestimmter Stoffe, sondern Gestaltung des Lebens in einer bestimmten, unvergleichlichen Haltung, die vielleicht das Ergebnis dieser Historie ist. In seinen großen Hymnen, aber auch in gewissen ganz intimen lyrischen Gedichten hat Franz Werfel vielleicht ein jüdisches Element, etwas, das die religiöse Bid'kraft der Psalmen an neuem Stoff bewährt. Wenn er aber unlängst die ganze biblische Geschichte in revueartigen Szenen vorbeilamfen ließ, so ist das gar keine jüdische Dichtung — weil es überhaupt nicht Dichtung ist. Nur im Durchbruch schöpferischer Kräfte, die aus dem' Tiefsten und Unbewußten des Menschen kommen, kann jüdisches Wesen sich vielleicht auch in deutscher Spraohe abformen. Wahrscheinlich ist bei Heine, bei Mombert und in jenen Höhenpunkten auch bei Werfel derlei geschehen; vielleicht auch hie und da bei Wassermann, bei Beer-Hofmann, bei Georg Herman. Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß jene Scheidung der Juden vom allgemeinen deutschen Leben, die seit zwei Jahren eingesetzt hat und die unsere Besinnung auf jüdisches Wesen notwendig verstärkt, solche Fälle häufiger machen," und die Entwicklung einer eigentlich jüdischen Literatur deutscher Sprache beschleunigen wird. Aber „beschleunigen" heißt hier noch immer: ein sehr langsamer Prozeß. Wenn man nicht mit der Übermittlung jüdischer Stoffe zufrieden ist, wenn man wirklich auf eine dichterische Form jüdischer Art wartet, würde es nicht Jahre, sondern Jahrzehnte, ja wahrscheinlich Menschenalter dauern, bis man ein so tiefgreifendes Ergebnis erwarten bann. Die zweite Gefahr aber liegt in der Hast, in der Unruhe, in der Unsicherheit, die dieses Verlangen nach einer im Augenblick gar nicht möglichen Dichtung erzeugt, Leo Baeok hat eben jetzt sehr gute Worte darüber gesaigt, daß die entstandene „Biildungsenge" mehr Gewinn als Schaden für die deutschen Juden bedeuten kann. Sicherlich war ihre Gefahr, die oft sinnlose Hast, mit der sie alles Neue, alles Interessante, alles irgendwo Bewegliche sich anzueignen suchten — eine Hast, eine Uberfüllung, die sie an wirklicher Besitzergreifung und Vertiefung hinderten. Wahre Bildung entsteht in dem Augenblick, wo der erworbene Stoff zur formenden Kraft wird — das ist wahrscheinlich die beste Definition, die man vom Wesen des viel mißbrauchten Wortes „Bildung" bisher gegeben hat. Aber das Entstehen dieser echten Billdung setzt Ruhe, ja Langsamkeit voraus. Es besteht die Gefahr, daß diese hastige Jagd nach einer neuen jüdischen Dichtung deutscher Spraohe auf eine neue Weise diese Sammlung und diese Ruhe gefährdet. Wer dichterische Kraft innerhalb 'der deutschen Juden zu spüren glaubt, der möge didhten von den Dingen und in der Art, die seine Natur ihm eingibt; aber er möge Geduld und Ehrfurcht vor der eigenen Natur haben, er for^ dere ihr nicht mit gewaltsamem Entschluß vorschnell nnmögliche Leistungen ab. Etwas so Neues und Bedeutsames wie eine jüdische Dichtung in deutscher Sprache kann vielleicht wachsen. Aber es kann ganz bestimmt nicht gemacht werden. Aus der Gemeinde München Hauptsynagoge, München, Herzog~Max~Sfr. Sonntag, den 24. Novemfo'er 1935 WVi Uhr . RELIGIÖSE FEIERSTUNDE Rabbiner Dr. Baerwald Wie lesen wir die Bibel? Musikalische Umrahmung dlurch Irma Stern Eintritt gegen Lösung eines Programms zu 20 Pfennig einschließlich Steuer. Besucht die Schulungskurse der Zionistischen Ortsgruppe I Siebe Programm in der letzten und Notiz in dieser Nummer.

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