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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-11-15 · 22 (15.11.1935) · p. Seite 486

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
22 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
Seite 486 (sequence 4)
Language
German
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m Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nri 22? fltottjen im (Bebirg T)on VOetttec Ca^nmann. MTorflens, wenn bic Vlcbel jtnfen, Steffi bu auf tiefen talts ©trunb. Don Cucmen, ©pigen, 3acfcn, 3mfen Umbrobt bas rocite ^clfentrunb. ©teile VDänbe, S#runbcn, "Hiffe Starten bact »on alten Seiten, ^od)0etücmte ^mbccnifje ©o im T)<>tr» wie :HÄcfoäctsfcbceiten. Jßnge Pfabe mufjt bu fletßctt, S?tc ft<$ &ut:d> bie Xlufte ujinben, Spät roenn fid> bie ©Ratten neigen, tOitrjl bu Gimmel« #Iaue finben. zwischen noch vermehrt hat. Wenn ich das „Schlaflied", von der ersten Bekanntschaft an (da es herrlich in den Seiten des damaligen „Pan" erschien), überaus bewunderte, so war es mir vergönnt, ihm (ich wußte es auswendig) in späteren Jahren auch unbedingte Bewunderer zu gewinnen. Als ich, ein halbes Jahr lang, in Schweden wohnte, ging das so weit, daß man mir nach unserem Gute hin, von anderen Gütern den Wagen schickte, wie man einen Arzt holen läßt, nur damit ich sonst fremden Menschen, die von der außerordentlichen Schönheit dieses Gedichtes gehört hatten, die Verse vorspräche —: eine Forderung, der ich mich jedesmal, ergriffen und mit dem ganzen Glück meiner eigenen Bewunderung, unterzog! Hier dürfte ich an ein anderes Thema anschließen, das Ihrem vorletzten Briefe angerührt war: das vom Schicksal der Juden. Beer-Hofmann (während so viele jüdische Menschen dieses schwere Schicksal nur in seinen Brüchen und ausweichenden Bügen vorzustellen scheinen), war mir immer ein Beispiel seiner Größe und Würde, von der auch im langen und bedrängten Exil nichts Wesentliches aufgegeben werden mußte. — Sie wissen aus einem meiner früheren Briefe (dem vom „Glauben"), wie sehr mir der Jude — neben dem Araber und dem orthodoxen Russen, um nicht weiter in den Orient zu weisen — bevorzugt scheint durch die in ihm eingeborene Einheit von Nationalität und Religion, die ihm einen, immer wieder offenbaren, Vorsprung sichert. Daß er unter sich den Boden verloren hatte und auf-einem Stück Leih-Erde sich halten mußte, durch die Jahrhunderte, hat sein Gutes und sein Arges; er hat, von wenigen großen Ausnahmen abgesehen, seine avantages m i ß brauchen müssen, um im Bestrittenen und Bodenlosen zu überstehen —, er hat, meistens, sich mißbraucht und die Anderen. Er hat, mit einer List, zu der ihn die Selbsterhaltung erzog, sein Unbefestigtsein aus einem Unglück in eine Überlegenheit gewandelt, und wo er etwa diese theuer erkaufte Überlegenheit kleinlich, habgierig und feindsälig gebraucht, wo er sich — unwillkürlich — rächt, da ist er zum Schädling, zum Eindringling, zum Auflöser geworden. Wo aber der gleiche Vorgang, das gleiche dem Schicksal abgewonnene Uberstehen in einem groß entschlossenen Wesen sich vollzog, da ist aus denselben Unerbittlichkeiten jene Herrlichkeit entstanden, für die Spinoza ein berühmtes Beispiel wäre. — Die Mobilität und Versetzbarkeit des inneren Zentrums, seine Unabhängigkeit (aber zugleich freilich Wurzellosigkeit, wenn nicht die Besinnung bis zur Wurzel in Gott hinunterführt) — der eigentlich transportable, Geist ist durch das Schicksal des Juden in die Welt gekommen: eine unerhörte Gefahr und eine unerhörte Freiheit der Bewegung. Und je nachdem man die eine oder andere Seite dieses jüdischen Auswegs" betont, wird man ihn fürchten oder rühmen müssen; wobei bestehen bleibt, daß das durch ihn Bewirkte uns allen schließlich unentbehrlich ist, nicht wegzudenken und nicht wegzuwollen. Vielleicht muß dieses Ferment, wenn es lange genug gewirkt hat; wieder zurückgezogen und in seinem eigensten Gefäß gesammelt werden. Die aus rein jüdischem Impuls stammende zionistische Besinnung wäre ein Anfang zu dieser, vermuthlich gebotenen, Austrennung. Diese Wiedererwerbung des alten, einstigen Bodens, diese neue Bodenständigkeit, wird dann ebenso wörtlich wie symbolisch aufzufassen und auszulegen sein. Wenn wir — was wahrscheinlich ist — das jüdische Volk nur in seiner Entstellung kannten, in seiner Rathlosigkeit, in seinem gebogenen und schrägen Eigensinn, und wenn wir ein Maß der Kraft aus seinem Uberstehen abnehmen, so erschreckt uns erst die Vorstellung der Stärke, die es aus sich aufbringen müßte, als ein eingesetztes, gewährtes, begünstigtes! — Das Wachstum dieser, selbst in ihrem Ausgerissensein so fruchtbaren Menschen, käme dann zu einem uns kaum vorstellbaren Gedeihen. Ihre Fruchtbarkeit wäre unaufhaltsame Fruchtbarkeit in Gott —, die Fortsetzung jener Geschichte gewichtiger und leidenschaftlicher Ernten, die uns das Alte Testament, wo immer wir es aufschlagen, zum Ereignis, zum Klima macht. Neue jüdische Dichtung? Von Julius B aib. Man hatte mich aufgefordert, über die neue jüdische Dichtung in Deutschland etwas zu sagen. Ich habe lange und ernstlich darüber nachgedacht und bin nicht weiter als bis zw der Frage gekommen: gibt es denn eine neue jüdische Dichtung? Gibt es seit zwei Jahren Sn deutscher Sprache eine Dichtung, die nach der Wahl ihrer Bilder, nach der rhythmischen Verbindung ihrer Worte, nach der geistigen Anordnung ihrer Vorstellungen — kurz nach allem, was den eigentlichen Gehalt, die innerste Wirkung einer Dichtung ausmacht, jüdisch ist? Natürlich, ich bekomme beinahe jede Woche ein neues Theaterstück zu lesen, das entweder ein biblisches Thema hat MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister Manchen VII oder von der Zerstörung Jerusalems durch Titus oder vom Aufstand des Bar Kochba oder aiuch einmal von den spanischen Juden oder, ganz selten, von der Geschichte der polnischen Juden handelt. Diese Stücke sind allermeist undiskutabel dilettantisch. Aber wenn ein Funke von Talent in ihnen glimmt, so ist es Nachklang von Shakespeare, von Schiller und am häufigsten von Hebbel. Also doch wohl im besten Fall noch keineswegs jüdische Dichtungen)! Denn Hebbels „Judith" und Otto Ludwigs „Makkabäer" gehen gewiß die Juden besonders an, weil sie bezeugen, daß große jüdische Tradition auf Dichter anderer Herkunft befrachtend wirken konnte — aber es sind' doch durchaus und ganz und gar deutsche Dramen.. Gewiß: es erscheinen seit geraumer Zeit Novellen und Romane, die von jüdischen Menschen und von jüdischen Schicksalen handeln. Einige haben sogar lebhaften Erfolg. Aber sofern sie überhaupt etwas wie eine eigene Form zeigen, so ist

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