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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-11-15 · 22 (15.11.1935) · p. Seite 485

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
22 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
Seite 485 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 485 furter Juden Vergangenheit",, den Band. 35. „Philo von Alexandrien" der in die Zeit des. Kaisers Caligula einführt, hinweisen. Mit Recht ist häufig betont, worden, daß wir in unserer Bildungsarbeit, nun. aus dem „Betrieb" zu wirklicher Arbeit übergehen wollen. Die jüdischen Volkshochschulen sind jüdische Lehrhäuser geworden. Daß wir die. Möglichkeiten zum Lernen jüdischer Geschichte nun haben,, sollte.hier kurz aufgezeigt werden. Es wird nun an jedem Einzelnen sein, von ihnen Ge1 brauch zu machen, sei es, daß er sich mit Gleichgestimmten zusammentut, sei es, daß er allein für sich arbeitet; auch in der stärksten Vereinsamung wird ihm eine ungeheuer große Welt lebendig werden, und aus ihr wird er neue Kraft für das Schicksal unserer Tage schöpfen. Dr. Willy Cohn. Rainer Maria Rilke über jüdisches Volkstum und Schicksal Zum 60. Geburtstag des verewigten Dichters am 4. Dezember. Im Dezember 1927 starb der Dichter Rainer Maria Rilke. Die verzückte Verehrung, die. ihm die Generation der in den 80iger und 90iger Jahren Geborenen entgegengebracht hat, ist zwar verblaßt, aber seine Anziehungskraft; das Faszinierende dieses reinen Dichterdaseins, ist nicht erlahmt. Neben Stefan George und Hofmannsthal ist Rilke der Dritte im Kreise der großen Lyriker der letzten Dichtergeneration. Die Vergegenwärtigung des Werkes dieser drei Großen ruft in uns . immer von neuem Hemmungen hervor, Gedichte in deutscher Sprache von jüdischen Dichtern der heutigen Zeit der jüdischen'Öffentlichkeit zu bieten; die besten darunter kommen an Hellhörigkeit und Musikalität, an Erfahrungsreichtum und Gefühlsstärke, an der Fülle von Gesichten, die kaum dem Wort zugänglich sind, kaum je einem Gedicht dieser Drei nahe. Die Jahre nach Rilkes Tod waren besonders reich an Deutungen seines Gesamtschaffens; in großer Zahl erschienen neue Gedichte aus dem Nachlaß und vor allem wundervolle Briefsammlungen, zuletzt (im Insel-Verlag in Leipzig, 1935) der Band „Briefe aus "Muzot. 19.21 —1926". Eine ganze Anzahl davon ist an Juden gerichtet; die große Menschlichkeit und reine Ideenwelt, die sich darin manchmal ausdrückt, erschüttert uns gerade heute. Uber das „Volkstum" der Juden und über ihr beispielloses historisches Schicksal lassen sich die beiden folgenden Briefe aus der neuen Sammlung in einzigartiger. Weise aus. Chateau de Muzot, am 28. Dezember 1921. ...Glauben! — Es gibt keinen, hätte ich fast gesagt. Es gibt nur — die Liebe. Die Forcierung des Herzens, das und jenes Für-wahr-zu-halten, die man gewöhnlich Glauben nennt, hat keinen Sinn. Erst muß man Gott irgendwo . finden, ihn erfahren als so unendlich, so überaus, so ungeheuer vorhanden —, dann, sei's Furcht, sei's Staunen, sei's Athemlosigkeit, sei's am Ende — Liebe, was man dann zu ihm faßt, darauf kommt es kaum noch an, — aber der Glaube, dieser Zwang zu Gott, hat keinen Platz, wo einer mit der Entdeckung Gottes begonnen hat, in. der es dann kein Aufhören mehr gibt, mag man an welcher Stelle immer begonnen haben. — Und Sie, als Jüdin, mit so viel unmittelbarster Gotteserfahrung, mit so altem Gottesschrecken im Blut, sollten sich um ein „Glauben" gar nicht kümmern müssen. Sondern einfach fühlen, in Ihrer Gegenwart die Seine; und wo er, Jehova, gefürchtet sein wollte, da war's ja nur, weil es in einzelnen Fällen kein anderes Mittel gab zu gegenseitiger: Nähe von Mensch und Gott, als eben die Furcht. Und Furcht vor Gott ist ja nur, sozusagen, die Schale eines Zustandes, dessen Inneres nicht nach Furcht schmeckt, sondern bis zur unsäglichsten Namenlosigkeit und Süßigkeit reifen kann umden, der darinnen sich verliert. — Sie haben, vergessen Sie das nicht, einen der größten Götter des Weltalls in Ihrer Herkunft, einen, zu dem man sich nicht wie zu jenem Christengott irgendwann bekehren kann — Einen, dem man gehört, von Volkes wegen, weil er einen von jeher in den Vätern gemacht und gestaltet hat, so daß jeder Jude in Ihm (und in dem, den keiner darf« zu nennen wagen), eingesetzt ist, unausreißbar eingepflanzt ■ in Ihm mit der Wurzel seiner Zunge! Ich habe ein unbeschreibliches Vertrauen zu jenen Völkern, die nicht durch Glauben an Gott gerathen sind,, sondern die mittels ihres eigensten Volksthums Gott er-1 fuhren, in ihrem eigenen Stamme. Wie die Juden, die Araber, in einem gewissen Grade die orthodoxen Russen — und dann, in anderer Weise, die Völker des Ostens und des alten Mexiko. Ihnen ist Gott Herkunft und darum auch Zukunft. Den Anderen ist er ein Abgeleitetes, etwas, wovon sie fort und wozu sie hinstreben als eigentlich Fremde oder Fremdgewordene —, und so brauchen sie immer wieder den Mittler, den Anknüpfer, den, der ihr Blut, das Idiom ihres Blutes, übersetzt in die Sprache der Gottheit. Die Leistung dieser Völker ist dann freilich der „Glaube", sie müssen sich überwinden und erziehen, für-wahr-zu-halten, was den Gottursprünglichen ein Wahres ist; und darum entgleiten ihre Religionen so leicht ins Moralische, — während ein ursprünglich erfahrener Gott Gut und Böse nicht sondert und unterscheidet im Hinblick auf die Menschen, sondern für sich selbst, leidenschaftlich besorgt um ihr Nah-an-ihm-sein, um Ihrzu-ihm-halten und -gehören und sonst um nichts! Religion ist etwas unendlich Einfaches, Einfältiges. Es ist keine Kenntnis, es ist kein Inhalt des Gefühls (denn alle Inhalte sind ja von vornherein zugegeben, wo ein Mensch sich mit dem Leben auseinandersetzt), es ist keine Pflicht und kein Verzicht, es ist keine Einschränkung: sondern in der vollkommenen Weite des Weltalls ist es: eine Richtung des Herzens. Wie ein Mensch gehen und irren mag nach rechts und nach links, und sich stoßen und stürzen und aufstehen, und hier unrecht thun und dort , unrecht leiden und hier mißhandelt sein und dort drüben .selber miß wollen und mißhandeln und mißverstehen: alles dies geht in die großen Religionen hinein und erhält und bereichert in ihnen den Gott, der ihre Mitte ist. Und der Mensch, der auch noch an der letzten Peripherie solchen Kreisringes lebt, gehört zu dieser mächtigen Mitte, und hätte er nur einmal, vielleicht sterbend, sein Antlitz ihr zugewendet. — — Chateau de Muzot sur Sierre, 25. April 1922. ...Was das;,Schlaflied für Mirjam" von Beer- Hofmann angeht, so bringt auch dies, wie Sie es nun nennen, mir besondere Erinnerungen herauf; ich kannte es ungefähr seit seiner Entstehung. Es war damals (so um 1902) das einzige Gedicht, das Beer-Hofmann je gemacht hätte —; später kam, in der wunderbaren Auswahl und Seltenheit seiner Produktivität, noch ein anderes, ähnlich volles, zweites Gedicht hinzu —, ich wüßte nicht zu sagen, ob sich die Zahl dieser Köstlichkeiten in- Jüdischer Kulturbund in Bayern Ortsgruppe München Konzert des Streichquartetts des jüdischen Kulturbunds Rhein-Hain am 20. und 31. November im Museum Schauspielauffiihrung „Sonkin und der Haupttreffer*4 (Sonderveranstaltungen) am 27. und 28. November in der Rhea Gins-Bühne, Germaniastrasse 20

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