Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-11-15 · 22 (15.11.1935) · p. Seite 484

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
22 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
Seite 484 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2727810-2728025-2728047--10337-2743672
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

484 Bayerische Israelitische Gemeindezeitüng1 Nr. 22 Untreue in ihm. Dann dürfen wir, trotz allem, an das unterscheidende Ohr glauben. ' Und das andere: In einer Zeit der äußersten Dürre stellt der Bauer die Aussaat nicht ein. Freilich erscheints ihm, als würde sein Acker ihm nichts tragen, wenn nicht ein Regen das Erdreich lockert. Aber er tut das Seine, schwer besorgt, doch unverzweifelt. Ohne daß er das Seine tut, wirds keinesfalls geraten. Darum wirft er das Korn aus, als hinge alles nur davon und nicht vom Wetter ab. Wird es regnen, so hat er recht getan. Und wird es nicht regnen, — so hat er recht getan. Die rechte Handlung fruchtet auf gewohnte oder ungewohnte Weise. Wetterprophezeiungen sind unerläßlich; aber wenn wir, wohl wissend, wie abhängig wir sind, unseren Acker bebauen, als hätten wir sein Schicksal zu bestimmen,- dann wird etwas durch uns bestimmt, wenig oder viel, was auch komme, — was auch komme, genug. Man wird einwenden, es sei doch zum Erkennen aufgefordert worden und Erkennen sei doch nicht Tun. Ich antworte, daß es Situationen gibt, in denen eine Erkenntnis die vorderste Tat ist. Man ist ja heute geneigt, den Einfluß der Erkenntnis auf das Geschehen zu unterschätzen. Aber der Rückschwung des Pendels hebt in diesem Augenblick an. Aus dem.Schocken-Almanach auf das Jahr 5696 Welche Hilfsmittel stehen uns zum Lernen der jüdischen Geschichte zur Verfügung Jim Mittelpunkt der jüdischen Bildungsarbeit stehen gegenwärtig das Erlernen der hebräischen Sprache und die Beschäftigung mit -der jüdischen Geschichte. Für alle diejenigen^ die zu dem letzteren Arbeitsgebiet nun erstmalig stoßen, dürfte es von Wert sein, einiges über diejenigen Hilfsmittel zu erfahren, die heute zum Studium der jüdischen Geschichte zur Verfügung stehen und die auch demjenigen zugänglich sind, der für sich allein arbeitet und über keine großen Mittel verfügt. Gewiß, die Standardwerke wie Dubnows „Weltgeschichte des Jüdischen Volkes" und Heinrich Grätz „Geschichte der Juden" werden immer herangezogen werden müssen. Daneben greife man ruhig zu einem der Lehrbücher, die man aus seiner Schulzeit noch besitzt, etwa dem Buche von M. Lewin „Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur" oder dem gleichnamigen von Kayserling- Döctor. Für die Geschichte der Juden in Deutschland steht ja auch das so betitelte Werk von Ismar Elbogen zur Verfügung, das vor 'kurzem in der Jüdischen Buch-Vereinigung herausgekommen ist. Dies sind alles Darstellungen. Es gibt ab£r noch eine andere Art, Geschichte zu lernen, die sich im modernen Unterricht immer mehr durchsetzt, nämlich: die Quellen selbst sprechen zu lassen, um sich durch die Lektüre der Quellen ein eigenes Urteil zu 'bilden. Wer sich einmal entschlossen hat, diesen Weg zu gehen, nachdem er natürlich aus der Lektüre eines der darstellenden Werke sich die notwendige erste Kenntnis verschafft hat, wird zweifellos einen außerordentlichen Gewinn haben. Es ist das unbestrittene Verdienst von Julius Höxter, daß er diese neue Möglichkeit für das Studium der jüdischen Geschichte erschlossen hat. Schon vor Jahren erschien sein funfbändiges „Quellenbuch zur jüdischen Geschichte und Literatur" (dies wie alle seine Werke im Verlag von J. Kauffmann, Frankfurt a. Main). Er beginnt mit dem Untergang des Reiches Juda und schließt mit einem Bericht über den 16. Zionistenkongreß von 1929. Mit unendlicher Mühe und Sorgfalt sind Quellenstellen zur jüdischen Geschichte, die in den verschiedensten Sprachen auf uns gekommen sind, in deutscher Sprache zusammengestellt. Sehr oft werden wir in Stand gesetzt, durch Vergleichurig einer jüdischen und nichtjüdischen Quelle zu einer wirklichen Urteilsbildung zu kommen. Auch der Laie, der in die historische Methode niemals eingedrungen ist, wird hier erleben, wie außerordentlich schwer die Bildung eines geschichtlichen Urteils von statten geht. Aber auch für den, der in diesem Buche nur liest, steigen die Zeiten mit einer ganz anderen Gewalt aus dem Dunkel der Vergangenheit wieder auf, wenn die Quellen selbst sprechen. Auch die beste Darstellung kann das nicht vermitteln, was die Zeit selbst uns zu sagen hat. Greifen wir aus unzähligen Beispielen eines heraus: Der Bischof Rüdiger von Speyer schreibt in einem Privileg vom 30. September 1084: „Ich, Rüdiger, auch Huozmann genannt, Bischof von Speyer. Als ich den Weiler Speyer, in eine Stadt verwandelte, glaubte ich die Ehre unseres Ortes noch zu vergrößern, wenn ich die Juden vereinigte. Ich brachte sie darauf außerhalb der Gemeinschaft und des Zusammenwohnens mit den übrigen Bürgern, und damit sie durch den Übermut des Pöbels nicht beunruhigt würden, umgab ich sie mit einer Mauer." Man sieht, wie die Judenstadt entsteht, wie unsere Vorfahren nun aus der Gemeinschaft ausgeschlossen ein Sonderleben führen. Die Zähl der Beispiele wäre unendlich. In richtiger . Erkenntnis der Notwendigkeit, den vielen* die um ihr Judentum ringen, ein bequemes Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, hat den Verfasser veranlaßt, diese fünfbändige Ausgabe zu einer kleinen A u s g a b e zusammenzufassen (Preis Ganzleinen RM. 3.50). Hier hat Höxter das Wichtigste aus den 5 Bänden zusammengestellt. Die kleine Ausgabe ist kein Ersatz der großen, wird aber all denen willkommen sein, die zu einem so umfangreichen Werke nicht greifen wollen. Als 'besonders erfreulich ist es anzusprechen, daß auch in einem 14 Seiten umfassenden Anhang hebräische Quellen beigefügt sind. Wir finden hier neben Stellen aus Mischna, dem jerusalemitanischen und babylonischen Talmud, neben Proben aus Midrasch auch die Dichter Eleasar Kalir, Gabriel, Jehuda Halevi vertreten, vom jüngsten hebräischen Schrifttum Bialik (von ihm u. a. die Techesakna). Als besonderer Mangel wurde es bei all denen, die mit jüdischer Geschichte sich befaßten, immer empfunden, daß die bisherigen Lehrmittel es schwer machten, die jüdische Geschichte in die allgemeine Geschichte einzuordnen. Sie liefen gewissermaßen nebeneinander her. Im Auftrag des Ausschusses für den Religionsunterricht der isr. Gemeinde in Frankfurt a. Main hat Julius Höxter vergleichende Zeittafeln zusammengestellt (Jüdische Geschichte und Literatur und vergleichenden Zeittafeln. Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. Main, Preis RM. 3.20). Das ist kein Buch zum Lernen. Wer dürfte so vermessen sein, zu behaupten, daß er dieses Zahlen- und Tatsachenmaterial im Kopfe hätte? Dieses Buch sollte man vor sich liegen haben, wenn man Vorträge über jüdische Geschichte hört oder an Arbeitsgemeinschaften teilnimmt. Hier finden wir in den Tabellen zunächst in der 1. Spalte die weltgeschichtlichen Daten und Ereignisse. Die jüdische Geschichte ist in äußere und Kulturgeschichte gegliedert, dann wiederum, soweit sie Geschichte des Galuth ist, nach den verschiedenen Ländern untergeteilt. Das Werk ist bis in die jüngste Vergangenheit durchgeführt und gibt auch die Möglichkeit, die weiteren Ereignisse selbst einzutragen. Die ungeheure Mannigfaltigkeit unseres jüdischen Daseins wird so recht klar, wenn man dieses Buch durchsieht. Auf welchen Gebieten sind nicht Juden in den vielen Jahrtausenden ihrer Geschichte tätig gewesen! Daß die Schocken-Bücherei in ihrer Vielseitigkeit auch eine Reihe von Bändchen birgt, die für das Studium der jüdischen Geschichte ergänzend herangezogen werden können, ist bekannt. Im besonderen könnte man auf den Band Nr. 9 „Das Leben des Flavius Josephus", den Band 12 „Von der Frank-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.