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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-11-15 · 22 (15.11.1935) · p. Seite 483

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
22 (15.11.1935)
Date
1935-11-15
Page
Seite 483 (sequence 1)
Language
German
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Ha#tU#tenfrfo^^ tmfl dt$ Utetfamfltä Uagecifdlfet JftadMfrfjet (Btmeinfcn Erscheint am l.u.15. jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Plinganserstr. 64, Tel. 73 6 64 u. 73 6 65. Postscheck München 39 87, Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach anfliegendem Tarif; Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. Nummer 22 XL Jahrgang München, 15. November 1935 Inhalt: Erkenntnis tut not! — Welche Hilfsmittel stehen uns zum Lernen der jüdischen Geschichte zur Verfügung? — Rainer Maria Rilke über jüdisches Volkstum und Schicksal —: Neue jüdische Dichtung — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus der Gemeinde Bamberg — Jüd. Turn- und Sportverein — Jüd. Kulturbund in Bayern, Ortsgruppe München — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern-— Geschäftliches — Personalia. Erkenntnis tut not! Von Martin Buber Wir brauchen eine Bestandaufnahme unseres Daseins, und zwar eine, die die Perspektiven mit umfaßt, die also über das Vorhandene hinaus zukünftige Möglichkeiten, insbesondere auch Möglichkeiten von Verbesserungen aufzeigt. Das bedeutet zum ersten, daß keine andere Absicht die einer redlichen Erfassung der Wirklichkeit beeinträchtigen oder gar durchkreuzen darf; die Selbstkritik,, wo sie nottut — und sie ist ja die unerläßliche Voraussetzung aller gesunden Änderungsvorschläge—, muß sich vollziehen, als redeten wir in einem geschlossenen Raum, in dem nur wir uns befänden. Und es bedeutet zum zweiten, daß, da die Möglichkeiten von Verbesserungen nur insofern zu betrachten sind, als sie von uns selber abhängen — wiewohl es naturgemäß auch nicht das Geringste zu tun gibt, was von uns allein abhängt —, jede andere Instanz unberücksichtigt bleiben muß; unser Schicksal muß also betrachtet werden, als hätten wir es zu bestimmen. Beides ist richtiges, situationsgerechtes Verhalten. Ein Mensch gerät unversehens in eine Lage, die die Grundfesten seiner Existenz in Frage stellt. Was soll er tun? Er muß den Bestand aufnehmen: muß ermitteln, woran er hält, was er besitzt, über welche Kräfte er verfügt; alles weitere wird sich daraus, kann sich erst daraus ergeben. Es mag sein, daß es ihm sinnlos vorkommt, dergleichen zu beginnen, weil er sich für Bankrott hält; aber ohne ein echtes Wesens- und Lebens- Inventar aufgenommen zu haben, darf sich kein Mensch dafür halten, und wer es aufgenommen hat, der wird zumeist nicht mehr geneigt sein, sich dafür zu halten, denn es haben sich ihm Reserven der Lebenstiefe erschlossen, die er vordem nicht kannte. Wie nun aber, wenn dem inventarmachenden Ladeninhaber die Leute von der Straße durch die Fenster zugucken? Wird er den Raum verdunkeln? Wenn seine Seele gelassen ist, wie eine rechtschaffene Menschenseele es in. allen Lagen bleibt, wird er unbeirrt seine Arbeit zu Ende führen. Es gibt den Raum nicht mehr, in dem wir zu den anderen, sprechen und von ihnen vernommen werden können. Es gibt den Dialog nicht mehr. Also gibt es auch die Apologie-nicht mehr. Keine Apologie, nicht einmal die sokratische, wäre je erklungen, wenn die Versammlung der Ankläger und Richter ihr nicht gelauscht hätte. Der Raum ist taub geworden. Und doch auch wieder nicht. Denn was wir im ertaubten Raum der Öffentlichkeit zu uns selber, nur noch zu uns selber sagen, kann ja doch von jedem Beliebigen, dem es gar nicht zuger dacht war, gehört werden. Wohl, so werde es gehört! Dieses ganz unapologetische, nichts als feststellende Sprechen ist. für unsere Ohren gemeint — so ist es das für die Ohren der Welt, wo sie noch etwa Ohren hat für diese unsere Beredurig, sie die für unsere Anrede keine mehr hat. Die Türen bleiben auf, wer hören mag höre, was im Hause gesagt wird, unsere Verlassenheit kennt keine Scheu. ■. ■ , Aber es geziemt uns, wie auf offenem Markte Selbstkritik zu üben, wo rings um uns eine Kritik laut ist, die uns das Recht auf Dasein bestreitet, unseren Wert und unsere Würde verneint? Es geziemt uns. Denn von alledem hebt sich unsere Eigenkenntnis, wenn sie rückhaltlos vordringt, dadurch ab; daß sie weiß und zum Ausdruck bringt, wie unser Höchstes stets unserem Niedersten entsteigt und aus der. Uberwindung unserer Entartungen die Größe unserer Arbeit sich gebiert. Nicht Rechtfertigung trete in den tauben Raum gegen die Beschuldigung, sondern unbefangen erhebe sich die niemandem, erwidernde, unbemühte, gelassene Stimme des Wissens, um Licht und Finsternis in unserem eigenen Leben, um Treue und Religiöse Feierstunde In der Hauptsynagoge Sonntag, den 24. Nov. 7» 6 Uhr nachmittags

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