Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 21 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 461 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2728025-2728046--10313-2743647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 481 (Schluß des Arti'kels „Aus der Berufsgesc'hichte der Juden" von Seite 457) genötigt waren, das rituell nicht zulässige Fleisch an diese zu verkaufen, so entwickelte sich bei ihnen die Fleischerei zu einem starken Gewerbe. In Frankfurt an der Oder, wo ein schwunghafter Viehhandel getrieben wurde und deshalb ein großes Fleischereigewerbe heimisch war, hatten die Juden hervorragenden Anteil an ihm. Im Jahre 1408 wurde in Guben zwischen den Fleischhauern und den Juden eine Vereinbarung getroffen, die vier Juden ermächtigte, zu schlachten und Fleisch in der Stadt zu handeln. Aus dem Vertrage geht hervor, eine wie starke Rolle die Juden in der Fleischhauerei zukam (vgl. Lehmann, Die Urkunden des Gubener Stadtarchivs in Niederlausitzer Mitteilungen, Bd. 27, 1927/28). Als im 17, und 18. Jahrundert Juden nach Westfalen und Rheinland kamen — zuerst aus der Ukraine —, hatten sie bald teil an der Versorgung des Volkes mit Lebensmitteln. „In Schwalm sind es Juden, die schlachten." In Mühlheim am Rhein sind sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts am Viehmarkt beteiligt. In Ahrweiler und in Bonn haben sie den Fleischhandel in Händen. Im Jahre 1722 ist von sieben Judenfämilien in Bochum die Rede, die „bekanntermaßen überall und mit allerhand Waren handeln und schlachten". Aus Kamen werden fünf Judenfamilien erwähnt, „die schlachten und Handel treiben", aus Kastrop eine Familie, die „mit Kurzwaren handelt und schlachtet", aus Lünen drei Familien, „welche nicht allein schlachten, sondern mit allerhand Kaufmannschaften handeln und vor den Christenleuten die meiste Nahrung treiben". Wir erfahren gelegentlich, daß Juden aus Hemstach und Birkenau mit Fleisch in Weinheim hausieren. Da Vorstellungen beim Magistrat nicht sofort die genügende Wirkung haben, erfolgt Selbsthilfe der Metzger durch Angriffe auf die Juden. Auch im Elsaß zeigen die Juden ihre Bedeutung im Fleischhandel. Der Händler Levy Reiß ersteigert die Fleischlieferungen an die alliierten Truppen für die Stadt Barr (im Jahre 1815). Und ebenso ließen sich die österreichischen Truppen, die noch 1816 in Barr in Einquartierung lagen, durch die Kaufleute Ratisbonne und Salomon Cerf verproviantieren. Billige Herren-Winter-Mäntel 38.7 48.- und 58.- ' Unsere wertvollen Hausmarken 68.- 83.- und 98.- Die erstklassigen TORY-Mäntel 115.- 135.- und 165.- BAMBERGEN HERTZ Die zuverlässigen KI e i d e rf a ch I e u t e Die heutige- Zeit bewirkt in allen Völkern und bei allen Bevölkerungsschichten eine starke Umstellung in beruflicher Hinsicht. Das gilt ebenso von den hochkultivierten Nationen Westeuropas wie von den primitiven Stämmen Afrikas. Auch die Juden, und diese mehr als alle anderen Völker, sind genötigt, ihre Berufe gründlich umzustellen. Die künftige Wirtschaftsentwicklung der Juden wird deshalb einen ganz anderen Verlauf nehmen, als das bisher der Fall gewesen ist Hierzu bilden die Umwälzungen in den europäischen Wohnländern der Juden den negativen Anstoß, der Aufbau eines jüdischen Palästina die positive Grundlage. Dorthin bringen Juden aus den afrikanischen und asiatischen Ländern ihre handwerklichen Berufe, während sich die europäischen Juden zum großen Teile auf die Land- und Gartenwirtschaft umstellen. Aber das sollte hier nicht behandelt werden. Die hier gemachten Ausführungen wollen weder vollständig sein, noch die Gegenwart behandeln. Aber sie lassen einen Rückschluß auf frühere Berufe der Juden zu, und bieten so einen zwar kleinen, aber vielleicht doch beachtenswerten Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte der Juden. Ein Worf an die hündische Jugend Von Kurt Freudenthal, Würzburg Bündische Jugend von heute scheint nicht mehr, was sie einst war. Aus einer, die Gegebenheiten des praktischen Lebens negierenden, weitabgewandten Generationenbewegung ist eine Gemeinschaft geworden, die sich mit der Gestaltung höchst realer Probleme befaßt. Ging ehedem der junge Mensch, der dem zerstörenden und nivellierenden Getriebe des Alltags entfliehen wollte, zum Bund, so findet er heute zur bündischen Gemeinschaft, um in ihr daran mitzuwirken, daß bestimmte praktische Fragen gelöst werden. Diese Entwicklung hat die bündische Jugend grundlegend verändert. Uber die theoretische Forderung hinaus ist sie zur praktischen Erreichung ihrer Ziele geschritten; an Stelle eines in der bloßen Ablehnung des Bestehenden sich erschöpfenden Protestes ist sie nunmehr herangegangen, selbständig Menschen nach ihrem Bild zu formen. Die bündische Jugend ist aus der Opposition in die Verantwortung gewechselt. Dieser Verantwortung hat sie sich bewußt zu sein und sie im Geist der Tradition, aus der sie hervorgegangen ist, zu tragen. Denn schon mehren sich die Anzeichen der Verzerrung und Verfälschung dessen, was sie vordem fanatisch wollte: zu leben nach dem Gesetz der inneren Verantwortung und Wahrhaftigkeit, und nicht nach Opportunität und Sicherheit. Ein solcher Einbruchsversuch gerade des ehedem bekämpften Ungeistes in die bündische Sphäre von heute ist die Folge eines Fortschreitens der Entwicklung, .welche über die Möglichkeit der Einflußnahme auf die Formung der zukünftigen Gestalt der jüdischen Gemeinschaft hinaus der bündischen Jugend nahezu eine Schlüsselstellung verschafft hat: Ausschließlich nur der Bund gibt die Möglichkeit auf Hachscharah und zur Alijah zu kommen. Was läge näher als ihn unter dein Gesichtspunkt der Utilität zu werten? Iwrith nicht um der Idee der Erschließung und Schaffung eigenen Kulturgutes willen, sondern weil man es „braucht", weil ohne seine Kenntnis an Alijah und neuen Daseinsäufbau nicht gedacht werden kann. Einfügung in das Bundesleben nicht aus Gemeinschaftswillen und nicht aus dem Hingezogenwerden zur Schar der nach gleichheitlicher Idee Ausgerichteten, sondern weil Bewährung im Bund Bedingung des praktischen Endzieles ist. Der Bund als Zweck- und Versorgungsverband wäre jedoch der Tod der Jugendbewegung. Die Aufgabe der Verantwortlichen erhellt klar: Man nütze die Not der Stunde, die statt der wenigen und statt der Elite die Masse in den Bund führt zum Guten, forme und präge das Menschenmaterial nach Möglichkeit in dem Geist, den die jungen Väter der Jugendbewegung in jeder Generation sich neu erwarben. Man schaffe eine Generation junger jüdischer Menschen, die in der Lage ist, ein geistiges Erbe zu übernehmen und zu verwalten. Man verteidige die Idee gegenüber dem Materialismus und kämpfe weiter den Kampf der Jugend- . bewegung. MAGISTER KIRSCH dar gute Likör, Magister München VII