Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 21 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 456 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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456 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 auf keinen grünen Zweig kommen solltest; so ruht doch der Segen auf diesem Berufe. Darum verliere keine Zeit, wenn es gilt, Feld zu kaufen usw." (Talmud Jeruschalmi Jebamoth 24.) Auch in Italien waren die Juden noch zur Zeit des Papstes Gregors des Großen vielfach Landwirte und Pächter. Zu allen Zeiten haben die Juden in verschiedenen Ländern einen großen Anteil an der Färberei gehabt. So erwähnt u. a. im 12. Jahrhundert Benjamin von Tudela ihre Betätigung als Färber besonders für Unteritalien und für das sonst damals von Juden sehr entvölkerte Palästina. Im Kaukasus sind die Juden seit Jahrtausenden heimisch. Sie gehen vor aüeii. in Georgien auf die assyrische Verbannung der israe*«tischen Nordstämme zurück. Aber eine spätere Einwanderung, die immerhin über ein Jahrtausend zurückliegt, von medischen und persischen Juden wird im Kaukasus darauf zurückgeführt, daß der König der Kazikumücken Juden herbeigerufen habe, um die Kultur der Krapp-Pflanze und die Färberei im Lande heimisch zu machen. Jedenfalls sind auch heute noch die kaukasischen Juden zum Teil ausgezeichnete Färber. Die Färberei hat sie zur Pelzbearbeitung geführt, an der die Juden ebenfalls einen großen Anteil haben. In Europa gab es unter den Juden in den Zeiten des frühen Mittelalters zahlreiche Großkaufleute, die namentlich den Orienthandel vermittelten. Ganze jüdische Flotten kamen nach den französischen Küsten. Der Volkshumor, der sich über den Erzbischof Hatto von Mainz lustig machte, setzt es als selbstverständlich voraus, daß Juden regelmäßig mit ihren Schiffen zwischen dem Frankenreich und dem Orient verkehren. Gleichwohl war es immer nur ein Teil auch der europäischen Juden, die zum Handel übergegangen waren. Erst als im späteren Mittelalter die Juden dauernden Vertreibungen ausgesetzt waren, wurden sie dem Landbau vielfach entfremdet. Noch im achtzehnten Jahrhundert wurden in den christlichen Ländern, besonders aber in Deutschland, den Juden von den Christen nur selten gestattet, Vieh zu halten, und auf „christlichen Boden" zu treiben, sondern ihnen an den meisten Orten „Wunn und Waide versagt" (Beck, Tractatus de iuribus Judaeorum; 1731 pag. 189). Trotzdem hat in Süd- und Mitteldeutschland, wo sich die Juden auch zu allen Zeiten mit Weinbau beschäftigt hatten, niemals der mit dem Viehhandel verbundene Ackerbau bei ihnen aufgehört. Natürlich hat die Unstetheit ihres Aufenthalts sie mehr und mehr dem Boden auch da entfremden müssen, wo sie nicht schon durch das Gesetz vom Landbesitz ausgeschlossen waren. Dagegen bleiben die Juden immer am Handwerk stark beteiligt, obwohl die deutschen Zünfte sie ausschlössen. Wo sie in Massen saßen, wie in Polen und Litauen, da waren die Handwerker bei ihnen in starker Uberzahl. Überall firden wir dort jüdische Handwerkerzünfte und Innungen und noch heute bis weit nach Rußland hinein besondere Handwerkersynagogen, wie die Schneiderschulen und die Synagogen der Schuhmacher (vgl. Wischriitzer, Jüdische Handwerker- Innungen in Polen und Litauen; 1922 [in jiddischer Sprache]).. In vielen europäischen Ländern, vor allem in den Niederlanden, sowie in Polen und den angrenzenden Ländern, stellten die Juden einen zum Teil hohen Satz zu den Glasern, Goldschmieden, Uhrmachern, auch Klempnern, besonders aber zu den Glas-, Diamanten- und Brillenschleifern. Dabei waren die Juden so wenig engherzig, daß sie sogar keinen Anstand nahmen, rituelle Gegenstände von nichtiüdischen Handwerkern herstellen zu lassen, solange diese nicht das ihnen entgegengebrachte Vertrauen mißbrauchten. Aus einem Schreiben des Rabbiners Lipman-Mühlhausen in Erfurt an alle jüdischen Gemeinden Deutschlands geht hervor, daß (zu Beginn des 15. Jahrhunderts) die Schofaroth in allen jüdischen Gemeinden des Reiches von einem christlichen Handwerker in Erfurt bezogen wurden. Damals fing Salin Cohn an, die Herstellung des Schofar zu erlernen und entdeckte hierbei, daß der christliche Arbeiter bisher Bockshörner, und nicht, wie vorgeschrieben, „Keren schel Ajil" hierzu verwendet hatte. Es wurde daher allen Gemeinden in dem offenen Schreiben kundgetan, daß von jetzt an Sali Cohn, Göttlieb Gans und noch andere Juden solche Schofaroth aus rituell einwandfreiem Material herstellen würden (vgl. Berliner nach dem von ihm in der hebräischen Zeitschrift „Libanon", Jahrgang VI, S. 278 ff. aus einer Hs. veröffentlichten Brief in „Magazin f. d. Wiss. des Judentums", Jahrg. 13). Natürlich hatten die Juden in großen Handels- und Umschlagszentren andere Berufe als auf dem Lande und in den Kleinstädten. So wissen wir aus einer der bedeutendsten Handels- und Verkehrsstädte der beginnenden Neuzeit, aus Konstantinopel, daß sie dort in allen möglichen Berufen tätig waren und ebenso Lastträger stellten wie hoch angesehene Politiker, Bankiers und Ärzte. Am Anfange des 19. Jahrhunderts waren die dortigen Juden größtenteils Krämer, Makler und kleine Bankiers, auch Ärzte, Dolmetscher und Bedienstete auf dem Kömruk (Zollamte) oder Geld- und Güterverwalter von reichen Türken. Während eine geringe Anzahl vermögender Juden in Polen und seinen Nebenländern zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts am polnischen Außenhandel stark beteiligt waren, waren vier Fünftel z. B. der galizischen Juden schon damals auf den kleinsten Handel als Krämer und Budenbesitzer angewiesen oder in die Schankwirtschaft gedrängt. Immerhin war fast die Hälfte der Arbeiter im galizischen Handwerk Juden. Tm Gouvernement Minsk gab es fast nur jüdische Schneider und gut vier Fünftel aller Barbiere waren ebenfalls Juden. Aus dieser Vorgeschichte der Ostjuden erklärt es sich auch zum Teil, daß ungefähr die Hälfte der Juden in den Vereinigten Staaten Amerikas Industriearbeiter sind. Aber die Verteilung der Juden auf verschiedene Berufe hängt von den immer sehr der Veränderung unterworfenen politischen Verhältnissen ab, unter denen die Juden leben. So waren die hochgeschätzten Hammais von Saloniki, die Hafenarbeiter und Berufsfischer fast ausschließlich spagnolische Juden. Sie werden aber jetzt, wo Saloniki eine griechische Stadt geworden ist, zum Teile aus diesen Berufen verdiängt. zum Teile auch veranlaßt, für ihre Arbeit neuen Platz im jüdisch werdenden Palästina zu suchen. Zu allen Zeiten sind die Juden Liebhaber der Musik gewesen. Die Bibel gibt von der Pflege der Musik für den Tempelgottesdienst Zeugnis. Aber auch im Mittelalter und in der Neuzeit waren die Juden Freunde der Musik, und so gab es immer Juden, die ihren Beruf in ihr sahen. Wir kennen auch ganz Polen und also auch aus der früheren Provinz Posen jüdische Musikerzünfte, die vielfach privilegiert waren. So hatte die jüdische Musikerzunft in Lissa besondere Vorrechte. Sie durfte beanspruchen, auf Hochzeiten aufspielen zu dürfen, oder wenn ihr andere bevorzugt wurden, abgefunden zu werden . Die bekannten Kempener Klesmorim z. B. gaben in den kleinen Städten Polens und Schlesiens sehr beliebte Straßenkonzerte. Aber auch in Mittel- und Westdeutschland gab es solche Musiker. So scheinen die Juden an den Musikgesellschaften auf dem Münzenberg bei Quedlinburg beteiligt gewesen zu sein. Die älteste im Staatsarchiv für Aurich in Ostfriesland vorhandene Judenurkunde bezeugt die Pflege der Jüdische Arbeitnehmer! Steuert zum Jüdischen Winterhilfswerk bei entweder durch Lohnabzug des jüdischen Arbeitgebers oder durch Spenden unmittelbar an das Jüdische Winterhilfswerk.