Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 9 (15.10.1935)
- Date
- 1935-10-15
- Page
- Seite 25 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 25 Schafft jüdische Schullandheime Von WoLf Berlinger -Stuttgart (Fortsetzung u. Schluß) Es wurde beschlossen, vorerst einmal versuchsweise die II. Klasse (2. und 3. Sahlujahr) unter meiner Leitung für drei Wochen in ein Schullandheim zu schicken. Hierzu war das Ferienheim (SohwarzwaMheim) der Stuttgart-Loge in Mühringen bei Horb bereitgestellt worden. Ein in 'dieser Angelegenheit erfolgreich verlaufener Elternabend ließ die große Freude der Eltern an diesem Plane erkennen. So dampfte ich endlich mit meinen 26 Kindern (11 Buben und 15 Mädchen) am 4. Juli nach Mühringen ab. Dort verlebten wir drei wirklich schöne und wertvolle Wochen. Unser zusammengesetztes Schüler-Tagebuch, aus dem Teile in der Kinderrundschau abgedruckt waren, beweist dies mit überzeugender Klarheit. Ebenso eindringlich zeigt es die Fülle von bindenden und tiefwirkenden Erlebnissen, die bei einem Schullandheim-Aufenthalt auf .das Kind einstürmen. Kein Wunder! War doch der Boden 'aufgelockert durch ständiges, dien ganzen Lebensbezirk umfassendes Gemeinschaftsleben; das Klima erwärmt durch sonnige Freude, überstrahlt von gegenseitiger Kameradschaft und Liebe, manchmal sogar befruchtet von Tränen erlebten Schmerzes; und -diese ganze Atmosphäre bewegt von einem frisch-fröhlichen Wind der Natürlichkeit und'Sportlichkeit. Hier konnte ausgestreuter Same nicht unfruchtbar bleiben, wie überhaupt das Leben in der.Natur die ganze Erziehung auf eine natürlichere und -berechenbarere Grundlage stellt. Welch reiche Möglichkeiten der Schullandheimaufenthalt gerade für die heute wieder so stark geforderte jüdische Erziehung bietet, sollen einige Kurzbilder aus unserem Aufenthalt zeigen. Der Orientierung halber folgt hier eine gedrängte Dartsellung des Tageslaufs in unserem Heim: Um 7 Uhr war großes Wecken. Anziehen, Waschen und Frühgymnastik füllten die Zeit bis 8 Uhr aus. Vor dem Frühstück sprachen wir gemeinsam das Morgengebet für Kinder. Dann folgte der Segensspnudh über das Essen. Jede Mahlzeit wurde durch 'das Tisohgebet abgeschlossen und zwar die Hauptmahlzeiten durch das ganze Gebet, sonst nur durch den 1. Abschnitt. Das Tischgebet wurde abwechselnd von einem Kinde vorgesprochen. Am Sabbat trug ich es vor, da wir es sangen. Als Auftakt erklang dann das gemeinsajm gesungene Schir-Hamaloth (Psalm 126). Am Sabbat-Morgen wurde vor dem Benschen noch der Inhalt des laufenden Wochenabschnitts besprochen, woran sich der Synagogenbesuch anschloß. Den Vormittag füllten aim gewöhnlichen Tagen Unterrichtsgänge in den- Wald oder Ausflüge in die weitere Umgebung aus. Dem Mittagessen zwischen 12 und 1 Uhr folgte strenge Bettruhe bis 2.30 Uhr. Dann durfte bis 3 Uhr liegend gelesen werden. Nach dem Nachmittagskaffee war gewöhnlich Spiel, Unterhaltung und Brief- oder Tagebuchschreiben. Um 6.30 Uhr aßen wir zu Nacht. Daran anschließend sprach ein Kind das Nachtgebet vor. Je nach der verfügbaren Zeit wurden dann nach der "folgenden großen Körperwäsche Theatervorstellungen veranstaltet oder Geschichten vorgelesen. Das ,,Betthupfe'rie'' (Süßigkeiteni) sorgte für einen süßen Abschluß des Tages. Um 8 Uhr war dann absolute Nachtrühe (abgesehen vom Freitag-Abend). Schon diese kurze Schilderung des Tagesablaufs zeigt das bewußte und sich stets wiederholende Einbauen religiöser Anordnungen in den Erlebniskreis der Kinder. Spielend und so nebenbei wird hier Wissen und Üben jüdischer Bräuche und Vorschriften vermittelt, wozu wir in der Religionsstunde schwere Opfer an Zeit und Kraft benötigen. Auffallend war hierbei das Benehmen der Kinder aus unreligiösem Hause, die sich sehr empfänglich für religiöse Formen zeigten und sich dabei häutig päpstlicher als der Papst benahmen. Audi der starke Einfluß religiöser Kinder auf ihre weniger religiösen Kameraden — bei tatkräftiger Unterstützung des Heimleiters — kam hier deutlich zum Ausdruck. Einführung gewisser religiöser Riten in manchen Elternhäusern nach der Rückkehr der Kinder und der viel später geäußerte Wunsch eines Jungen, sein religiöses Leben als Großer nach Mühringer Muster zu gestalten, zeigen doch mehr als äußere Freude am der neuen Form. Es ist dies vor allem der Symbolbunger des Jugendlichen, der einen sehr fruchtbaren Boden für die Forderung nach jüdischen Riten entstehen läßt. Verstehen wir dann noch, diesen empfänglichen Seelenboden durch starkes Erleben und gefühlsbetontes Tun zu unterbauen, so wirken wir stark nach innen und weit in die Zukunft. Und das Schullandheim bietet auf Schritt und Tritt echtes jüdisches Erleben — wenn der Führer Auge und Herz dafür hat. Wir stehen vor dem wogenden, kornschweren Getreidefeld. Das Stadtkind, das das Brot nur als käufliche Ware keimt, wird seltsam berührt vom Geheimnisvollen des wachsenden Lebens, von der wunderreichen Entwicklung des Korns zur Ähre. Von selbst landen wir bei der Frage des Wunders schlechthin. Wir sprechen vom schweigenden Arbeiten der Blätter, hören schweigend das tiefe, beruhigende Rauschen des Waldes und empfangen eine kleine Ahnung vom Weben und Leben, von der Wucht- und der Schönheit der Natur. Hier entsteht erlebtes Gefühl für den Heimatboden, sproßt echte Natürlichkeit aus innerem Naturerlebnis und keimt bei Einzelnen Ehrfurcht vor der schweigenden Größe des Alls. Der innere Boden zum Einströmen des G'ttlichen ist aufgelockert Das segenschwere Kornfeld veranschaulicht uns die Güte G'ttes, die wundervollen Formen unserer Umgebung seine Liebe und im furchtbaren, plötzlich hereinbrechenden Gewitter spüren wir des Herrn Allmacht. Aus diesen strömenden Gefühlen heraus ersehnt das Kind Danksprüche für das Essen. Bittgebete um Seinen Beistand und Ausüben religiöser Anordnungen als Umformung des Eindrucks in einen spürbaren Ausdruck. Genau so reich sind die Beeinflussunigsmöglichkeiten auf dem Gebiet de_r Gemeinschaftserziehung. Hier vor allem ist der Platz für die so inhaltsreichen und schönen jüdischen Erzählungen. Als am Anfang unseres Heimaufentbalts die Kinder sich im zwei feindliche Parteien teilten, die schwere Kämpfe miteinander führten, brachte ich unsere Unterrichtsgespräche gelegentlich auf das friedliche Zusammenleben der Menschen. In den Mittelpunkt dieser ungezwungenen Unterhaltung stellte ich die jüdische Erzählung von „Kamza und Bar Kamza", in der 'ein häßlicher Streit zum ^Untergänge des zweiten Tempels führt. Der.bevorstehende Tag der Tempelzerstörung gab auch einen äußeren Anlaß hierfür. Natürlich fielen sich die streitenden Parteien nicht sogleich um 'die Hälse. Ich hütete mich, es zu verlangen. Schließlich ist das Schullandheim keine Wunderfabrik. Aber ganz kurz danach hörte ich von der Gründung eines Friedensbundes unter den Kindern — in der Erzählung war davon die Rede gewesen —, es wurden sogar Orden ausgeteilt und zuletzt waren fast sämtliche Kinder Mitglieder geworden. Der Friedensbund ging mitsamt seinen Ordern den Weg alles Irdischen — aber Parteibildungen unter den Kindern konnte ich seither nicht mehr beobachten. Und so bot jede Phase des Zusammenlebens, des Teilens von Freud und Leid, von Süßigkeiten und sonstigen Geschenken ständige Hinweise auf jüdische Gesetze, jüdische Sagen. An die philosophischen Betrachtungen über den Wert nutzloser Geschöpfe (Tgb. 4. Tag) schlössen wir die Erzählung von König David an, in welcher d'er Wert auch unscheinbarster Geschöpfe zum Ausdrucke kommt. Durch liebevolle Ausschmückung der Geschichte konnte darauf hingewirkt werden, auch im ekelhaft erscheinenden Tierchen ein g'ttliches und damit liebenswertes Wesen zu sehen. Zu einem Erlebnis gestaltete sich auch eine biblische Geschichtsstuinde im Walde. Wir hielten am Bau des Stiftszeltes. Da wuchs vor unseren Augen der Wald zum G'ttestempel, in dem die Bäume die Säulen darstellten, die Sonne als Ewiges Lieht erstrahlte, unser Sitz der Altar war und die Naturstimmen sich in die Laute der Beter verwandelten. Auch eine Lehrstunde in hebräischer Sprache, die in der Synagoge nach vorheriger seelischer und erzählerischer Einstimmung stattfand (Tgb. 16. Tag), bewies die Möglichkeit, auch Stoffe von außen her in den Rahmen des Schullandheims einfügen zu können. Daß nicht nur Freuden-, sondern auch Trauertage für Kinder erlebnistief unict kindertümlich dargeboten werden kämen, zeigte der im Heim verbrachte Tischah-Beaw mit aller Deutlichkeit (Tgb. 19. Tag). Es wäre hier noch viel zu erzählen, von unserer Sabbatgestaltung, von unserem Simsren. Spielen. Wandern, von unserem ganzen dortigen Leben. Aber dies würde den Rahmen dieser