Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 9 (15.10.1935)
- Date
- 1935-10-15
- Page
- Seite 24 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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24 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr. 9 [Schülerzeichnune der 5. Klassef aus einer unserer letzten Zeichenstunden (Thema: Jomim hanoraim) Friedrich Rückert trifft mit diesem Ausspruch den Nagel aut den Kopf: „Wie mächtig regt sich im Kinde die Fantasie, sei es nun die, welche sich im Zeichnen und Formen, oder in Worten und Tönen ausspricht. Es will der Geist selbsttätig schaffen und bilden, und das kleinste eigene Erzeugnis ist mehr wert als ein noch so weitsehichtiges Werk der Nachahmung." Wie viel aber oder wie wenig Kinder von allemihnen auf diesem Gebiet mundgerecht Gemachten in sich aufnehmen, hängt von geheimnisvollen Elementen in ihrer Struktur ab, deren geaue Beschaffenheit uns wahrscheinlich für immer ein Problem bleiben wird. Wird aber ein junges Menschenkind Neigung für ein Wissensgebiet verspüren, wird es sich dieses Gebiet trotz aller Schwierigkeiten zu eigen machen. Besitzt es solche Neigungen nicht, bleibt es, medizinisch gesprochen, .„immun" und wir können ihm vorsetzen, was wir wollen, es wird ihm nie gelingen, dieses Gebiet zu einem „integrierenden Bestandteil" seines geistigen Besitzes zu machen. Soll nun unseres zeichnerisches Talent gedeihlich sein, so ist es unbedingt notwendig, daß der Lehrer den Schülern etwas vorzeichnen und zeigen kann. Denn auch Lehrer sein heißt: Gestalter sein! Das gibt der pädagogischen Arbeit einen künstlerischen Einschlag. Zweifellos ist nicht jeder gute Lehrer zugleich ein guter Zeichner. Aber zweifellos ist, daß jeder Ungeübte durch Interesse, Mut, Ausdauer und Übung schöne Erfolge erringen kann. Es wäre daher sehr ratsam, wenn alle diejenigen, die die heute mehr als je heilige Aufgabe erfüllen, unserer Jugend die ersten Stiegen ins Leben steigen zu lernen, sich in Übungskursen zusammenfinden, um neben anderem auch ihre zeichnerischen Fähigkeiten so gut wie möglich zu fördern. Bei maßvoller Zielgestaltung darf man auf Erfolg hoffen. Freilich will gut Ding, Weile haben. Und wahr bleibt immer der Satz: „Der Lehrer ist nur so lange Lehrer, als er selbst lernt." Grundbedingung bleibt aber, daß man diese schwierige Aufgabe nur dann wahrhaft erfüllen kann — wie Dr. J. Bamberger in seinen trefflichen Ausführungen in diesen Spalten einmal sagte — ..wenn man den Lehrern eine Daseinsmöglichkeit gewährt, die ihnen eine volle Hingebung an ihren Beruf und an ihre Fortbildung gestattet." Siegfried Ziegler. Wie entsteht ein Schullandheim? Wenn das Schullandheim die körperliche und geistige Ausbildung der Kinder so wohltätig beeinflußt, und eine so große erzieherische Bedeutung hat, wie wir es in der letzten Nummer unserer „Mitteilungen" nachzuweisen versucht haben, dann ist es die Pflicht jedes Großstadtlehrers sich mit aller Energie für die Einrichtung von Schulländheimen einzusetzen. Zunächst, müssen die Eltern für diesen Gedanken erwärmt werden. Das kann besonders durch Elternabende geschehen.. Daß solche Aufklärungsarbeiten nicht erfolglos sind, beweist uns ja Kollege Berlinger-Stuttgart in seinen anschließenden Ausführungen. Wahrscheinlich werden in Bayern für die Errichtung von solchen Heimen nur die jüd. Schulen in München, Nürnberg-Fürth und Würzburg in Frage kommen. Selbstverständlich verhindert die schwierige wirtschaftliche Situation unserer Kultusgemeinden den Erwerb eines neuen Heims. Es kämen also Räume in Betracht, die bisher einem anderen Zwecke dienten. Für München ließe sich diese Frage ohne große Kosten durch Verständigung mit dem Verein für Ferienkolonien, der sein Heim in Krumlbiaoh 'hat, leicht lösen. Ob für 'die anderen genannten Gemeinden auch ähnliche Möglichkeiten bestehen, entzieht.sich meiner Kenntnis. Vorteilhaft wäre es, wenn das Heim möglichst weit weg von der Großstadt wäre, in landschaftlich schöner und gesunder Gegend. Die Einrichtung des Schullandheimes soll recht einfach sein. Wichtig ist nur, daß der Schlaf räum sonnig und luftig ist, daß ein Eß räum zur Verfügung steht, daß genügend Waschgelegenheiten und saubere Aborte vorhanden sind und daß in der Nähe des Heimes ein großer Spielplatz ist. Die Verpflegung soll möglichst einfach, aber doch kräftig sein, damit der Verpflegsatz recht niedrig gehalten werden kann. Für bedürftige Kinder sollen Freistellen oder wenigstens Teilfreistellen — da eine gewisse Summe jede Familie auch daheim für das Kind aufwenden wuß — geschaffen werden. Der Aufenthalt im Heim sollte ungefähr drei Wochen dauern. Als Beispiel für das Leben im Heime sei der Tageslauf des Landheims in Jöhstadt (Erzgebirge) — nach Rudolf Nicolai, dem Vorsitzenden des „Reichsbundes der Deutschen Schullandheime e. V." — angeführt: 1A7 Aufstehen, anschließend 15 Minuten gymnast. Übungen; 7 Bettenmachen, Waschen; %8 Erstes Frühstück; 8 bis 10 Unterricht, wenn möglich im Freien; /^10 Zweites Früstück; 10 bis 12 Unterricht wie oben; 12 Mittagessen; 1 bis 2 Mittagspause; 2 Ibis 4 Arbeitsdienst, teils geistiger Art (Schularbeit), teils körperlicher Art (Erd- und Gartenarbeiten, Holzsägen, Ausbesserungen am Heim); 4 Kaffee; ^5 bis 7 Spiele im Freien; 7 Abendbrot; 8 Singen, Vorlesen, Spielen; 9 Schlafengehen. Daß auch nach der jüdischen Seite hin die Arbeit im Schullandheim sehr positiv sein kann, beweisen die aus der Praxis heraus entstandenen Ausführungen des Kollegen Berlinger. Ich schließe riiich vom ganzen Herzen' der Aufforderung Berlingers ..Schafft jüdische Schullandheime!" an. Die Kollegen mögen die Elternschaft dafür interessieren und die Verwaltungen der Kultusgemeinden sollten die Heime zur Verfügung stellen. Es handelt sich hierbei nicht um die Verwirklichung einer „modernen Idee", sondern es geschieht für das körperliche und geistige Wohl des jüdischen Kindes. M.A. Erlaß betr. Schullandheime In einem Erlaß des bayerischen Staatsministeriums für Un- terricht und Kultus heißt es: „Nichtarische Schüler und Schülerinnen sind in Schullandheime und dergleichen nicht mehr mitzunehmen. Sie haben während der Abwesenheit ihrer Klasse nach Weisung des Schulleiters am Unterricht einer anderen Klasse teilzunehmen. Als nichtarisch gilt, wer von nichtarischen. insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt. Nichtarische Abstammung ist schon dann gegeben, wenn auch .nur ein Eltern- oder Großelterriteil niohtarisch ist."