Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 9 (15.10.1935)
- Date
- 1935-10-15
- Page
- Seite 23 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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(Mitteilungen Des JüDifrfjen ietjreroerefnB für Ütapem Schriftleitung: Max Adler, München 1935 München, 15. Oktober Nr. 9 Der Zeichenunterricht in der jüdischen Schule Die. j ü d i s c h e Schule hat heute in besonderem Maße die Aufgabe im Rahmen des allgemeinen Lehrplanes in allen Fächern das jüdische Bildungsgut besonders zu pflegen. Die „Mitteilungen" werden in der nächsten Zeit diesem Ziele ihre besondere Aufmerksamkeit schenken und einzelne Aufsätze veröffentlichen, in denen der Versuch gemacht wird, zu zeigen, wie das jüdische Kultur- und Bildungsgut in der jüdischen Schule besondere Berücksichtigung finden kann. Wir haben nun Herrn Kunstmaler Ziegler, den Zeichenlehrer an der jüdischen Volksschule in München, gebeten, seine Ansichten über den Zeichenunterricht in der jüdischen Schule zu veröffentlichen. Wir danken ihm, daß er unserer Aufforderung so bereitwillig nachgekommen ist. Die Schriftleitung. Wenn heute die heranwachsende Jugend in stärkerem Maße als bisher sich Berufen zuwenden soll, die den Gebrauch der Hände bedingen, so ist es eine Notwendigkeit für die Erziehung dieser Jugend, daß ihr künstlerisches Formgefühl beizeiten geweckt und gefördert wird. Dieses Ziel kann am besten ein früh einsetzender Zeichenunterricht erreichen. Der Zeichenunterricht wird sich vor allem auf schärfstes Schauen einstellen müssen, auf beständiges Sachprüfen des Dargestellten an der Wirklichkeit, auf genaues Messen und Abschätzen, und er wird die Kinder auf Wiedergabe solcher Dinge hinweisen, denen ihr technisches Können gewachsen ist. Ferner soll der Zeichenunterricht die Schüler befähigen; sich der Formen und Farben als Ausdrucks- und Verständigungsmittel zu bedienen. Denn bildhaftes Gestalten ist eine Art die Welt aufzufassen und nachzuschaffen, die als Ganzes parallel zum übrigen Unterricht steht, diesen nach der anschaulich sinnlichen und künstlerisch fühlenden Seite ergänzend. Daher ist es notwendig, das verstandesmäßige Zeichnen und das. gefühlsmäßige Gestalten nebeneinander zum Vorteil der Erziehung sich entfalten zu lassen. Es ist mehr als ein Zufall, daß das Wort „Zeichnen" und ..Zucht" mit den gleichen Buchstaben beginnt. Denn eine saubere Linie ziehen können verlangt eine gewisse Selbstzucht. Dieses Sich-in-der-Hand-haben fördert auch nach außen hin die Linie, die Umgangsform und den Geschmack, den zu pflegen wir in unseren Tagen als eine besonders wichtige Aufgabe betrachten dürfen. Das Zeichnen ist aber nicht nur das Ausdrucksmittel für unsere konkreten Gesichtsvorstellüngen, es dient sogar ihrer Ausbildung, wie der Gebrauch der Sprache auch der Ausbildung der Sprache dient. Wir haben nur das verstanden, was wir selbständig sprachlich ausdrücken, und wir besitzen nur jene Gesichtsvorstellungen, welche wir selbständig zeichnen können. Es ist nichts anderes, wenn Pestalozzi sagt: „Die Natur gibt dem Kinde keine Linien, sie gibt ihm nur Sachen, und die Linien müssen ihm nur darum gegeben werden, damit es die Sachen richtig anschaue, aber die Sachen müssen ihm nicht genommen werden, damit es die Linien a 11 h i n seh e." Nebenher wirkt auch das' Studium dekorativer Schriften äußerst vorteilhaft auf die Bildung des Geschmackes ein. Hierbei bietet sich uns wieder die dankbare Aufgabe — ohne vorerst die unverwüstliche Kraft des Wortes zu berühren — die Patina Jahrtausende alter Kultur an der Schönheit des hebräischen Buchstaben empfinden und begreifen zu lernen. Gerade jetzt, da die hebräische Sprache neben der Festtagssprache eine Alltagssprache wird, ist der hebräische Buchstabe lebendiger als je geworden. Dabei wäre besonders darauf Bedacht zu legen das Auge für die uns erhaltenen, oft prachtvollen Kultgegenstände und Kunstdenkmäler zu schärfen. Schülerzeichnung der 5. Klasse aus einer unserer letzten ZeichenstundenH (Thema: Jomim hanoraim) Der große Maler Hans Thoma sagte einmal: „Wenn ich einen Himmel male, denk ich an die Engel, die dort oben fliegen." Und wirklich, wenn man die Darstellung der Luft auf einer Thomaschen Landschaft betrachtet, hat man das Gefühl, als ob dahinter Engel fliegen müßten. Es sind die Engel, die auch Raffael oft in die Wolken um seine Madonnen gemalt hat. Es ist scheinbar ein weiter Weg von diesen Höchstleistungen der größten Sterblichen bis zu unserer Aufgabe, Schülern das Wesen der Dinge und ihren geistigen Gehalt klar zu machen. Aber es ist bereits ein Bedürfnis der Kleinsten hinter die Sachen schauen zu können, in 'den Geist, der diese umgibt Einblick zu bekommen. Sie wollen etwas wissen von den Objekten, die sie zu zeichnen haben. Denn dieses Träumen um die Dinge ist es ja, das bildhaftes Gestalten nicht nur zu einer geistlosen Handbewegung macht. Und so werden die Kinder nach eingehender Form- und Sachanalyse ihr „Namenschild", ihr „Wagenrad", ihr „Hufeisen" und ihr „Schneckenhaus", um nur einige runde Formen zu nennen.^ später ihre mit Farbe und Pinsel gezeichneten Blätter, die Älteren ihre perspektivischen Zeichnungen, und Alle die bereits oben erwähnten dekorativen Schriftübungen, dabei besonders das hebräische Schriftbild, das in Anlehnung an zeichnerisches Gestalten der jüdischen Feste besonders geübt werden soll, mit einem eigenen Erleben ausstatten, das selbst dem primitivsten Erzeugnis zeichnerischer Darstellung dann den Reiz der Originalität und Ausdrucksfähigkeit verleiht.