Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 20 (15.10.1935)
- Date
- 1935-10-15
- Page
- Seite 431 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 431 den Bedeutungswandel ausgesetzt sind,, in' der Weise, daß ein- und dasselbe Wort, vor allem in 'der Aussage über die iaußerweltliche Sphäre, in verschiedenen Texten- und Epochen Grundverschiedenes ausdrücken will. Wenn daher in einer Übersetzung bei der Wortwahl wicht auf das Problem des Bedeutungswandels, namentlich des Matterwerdens von Worten und der.Begriffsverengung 'die subtilste Rücksicht genommen wind, so ist eine solche Vermittlung fremden Geistesgutes ein sehr schlechter Dienst für die Wahrheit, die ans Licht kommen soll; Das Spätjudentum bediente sich der griechischen Weltsprache und goß seinen Geist in die fremde Spracbform: der semitische Ursprung und Gehalt der Christlichen Religion, ihre engste Verbinldurag mit der Synagoge in Pallästina und in der Diaspora wird durch die exakte Beobachtung des Umschmelzungsvo'rganges vom Hebräischen ins Griechische einldeutiig sichtbar. In den wichtigsten Fällen »lernen wir in dem neuen „Wörterbuch" zuerst den griechischen Sprachgebrauch in der klassischen und in der hellenistischen Literatur unter voller Entfaltung der gesamten sprachwissenschaftlichen, religionsgesühichtlichen und theologischen Forschung kennen; dann folgt in der gleichen Vollständigkeit der alttestamentliobe Sprachgebrauch, die Verwendung des Begriffes in der Septuaginta, im palästinischen und ihellenistischeni Judentum, im alten Christentum und endlich die spätere Entwicklung (Apologeten, Alexandriner etc.)1. So sind einige Artikel große selbständige Abhandlunngen geworden, die tief in den historischen Verwandlungsprozeß vom Jüdisohen zum Christlichen eindringen. Beispiele: Unter dem Stichwort yow von Schlier wird man. in gleicher Weise über den Kmiefall bei Griechen und Römern wie in der Synagoge belehrt; bei yvvh kann man sich über die Stellung der Frau im Griechentum, in Rom und bei den Juden unterrichten. Wichtiger sind die großen zentralen Abhandlungen über ganze Wortstamim-Familien; so ist unter Yodcpco, Ypdcpri, YPCtuwa etc. die Schriftauffasung des Judentums, das Herausspinnen der ganzen Hälacha aus der heiligen Schrift behandelt. Was geschichtliche und übergesohichtlicbe Schri'ftauslegung 'bedeutet, kann man hier lernen. Die Abhandlung von Bultmann über yivcoöxco (erkennen) und über die abgeleiteten Worte enthält eine Grundlegung über den altestamentliChen Sprachgebrauch von jn\uua.die Begründung, „daß sich in Israel keine Wissenschaft ausgebildet hat, die objektiv die Wirklichkeit erforscht und sie konstatierend beschreibt." Die „Gotteserkenmtnis" ist die Anerkennung der Taten Gottes, nicht ein Wissen um Gottes Wesen; im späteren rabbinisChen Judentum ist „Wissen" schlechthin die Kenntnis der Gebote and ihre Befolgung im Gegensatz zum „am-ha-arez". dem Ungebildeten. Daß auch ein Wissender die Gebote nicht befolgen könnte, wird ignoriert; es gibt nur ©ine Vernachlässigung der Plichtenlehre aus Unkenntnis der Gebote. Die Aufteilung von dWifleia („Wahrheit") unter drei Mitarbeiter (Quell, Kittel, Bultmann) entspricht der Verschiedenheit dieses Begriffs im Alten Testament, im Rabbinismus, im Griechentum, im Hellenismus und im Urchristentum. Der etwa 126mal im Alten Testament vorkommende Ausdruck na« wird auf das exakteste als Begriff der Rechtsspruche und der religiösen Sprache analysiert. Der Grundsinn von mo« und äXifr&eio: deckt sich nicht; in der Septuaginta ist nox durch die verschiedenartigsten griechischen Ausdrücke wiedergegeben. Mit ay&JO] („Liebe") steht es ähnlich: die Vielgestaltigkeit der biblischen „ahawa" und des „emeth" — Begriffes, der religiöse und der profane Liebesgedauike, die Zartheit und Tiefe des Gedankens von der „Liebe Gottes" etwa bei Hosea, diese ganze Begriffswelt, die zur Grundlage der abendländischen Kultur mit einem so entsetzlichen Ausgang in unserer Zeit geworden ist. kann nur durch eine peinlich genaue Durchmusterung des gesamten Spraohschatzes geordnet und verständlich gemacht werden. Mit den Vokabeln „Liebe" und. „Wahrheit" ist nach einer derartigen Bestandsaufnahme wenig mehr anzufangen". Sehr klar Ctaum unb i&tf&Jhitig SDec eine fragt im ^ofcttt n>as gilt VKod> eures Traumes reines 23üb, Um bas fo »tele warben Unb opferten unb färben? IDae Aeben war ju anberem gewillt» XOit aber iptffen: Feine "Evaft £>ättt btes anbre beraufgerafft 2lns tUcfct bes totrHicben Raumes d>bne bes ewigen Craumes Vfteberflieg in unfre bumpfe ^aft. ©er jioeite fragfim Scbm«r$: was gilt, Will unfres Cr au mes reines 23ilb iEs ni$t gereebt »erleiben, iDies lötrr Iebenbige treiben? £>te ewige @ebnfu<bt wirb bran nitbt gefüllt. XOit aber anfielt: tEraum »erlobt 2tm Äujj ber Welt unb jeugt ibr im »Cob Äinbcr, bie Faum ibm gleiten, 2lber 3U fernen deichen hinüber retten fein 23ilb unb fein ©ebot. Aus dem neuen Zyklus „Land Israel" des Dichters Ludwig Strauß (Band 41 der Bückerei des Schocken-Verlags). gegliedert und stofflich reich die Artikel über das „Gebet" (eijyojiai): Die unvergängliche und unerreichte Größe der Psalmen ist von Herrmann treffend herausgestellt; die Sprache der „religiösen Lyrik Israels" in der Einfachheit ihrer Satzbildung, in dem Reichtum der anschaulichen Bilder, in der unerhörten Kraft des Ausdrucks kommt hier gut zu ihrem Recht. „Wären die ersten Jünger Jesu nicht Juden gewesen, aufgewachsen in dem reichen Gebetsleben ihres Volkes und durchdrungen von der Bedeutung und Kraft inständigen Betens, so wäre es fraglich, ob die Überlieferung eines kraftvollen, allumfassenden, vorbildlichen Gebetes... auf uns gekommen sein würde." Die erstaunliche Spannweite der Bedeutung des griechischen Wortes eyeiv arbeitet Hanse ausgezeichnet heraus: „Mein Gott" — „Wenn ich nur dich habe" — Gott als Israels Eigentum, alle diese Begriffe gehören hieher. Die große Leistung, die schon jetzt mit den ersten beiden Bänden des Werkes (mit fast 1000 eng bedruckten Seiten) vollkommen deutlich wird, konnte hier nur angedeutet werden. Eine tiefere Beschäftigung mit der jüdischen Geistesgesohichte, namentlich mit der Wortgeschichte in den klassischen Texten und mit den Schätzen des religiösen Weltbildes bei den Juden., wird ohne das „Theologische Wörterbuch" nicht mehr möglich sein. Seine glückliche Weiterführung muß der Wunsch aller bleiben, denen echte Forschung und die Grundlagen der jüdisch-christlichen Lebens-, Welt- und Gottesauffassung oberste Werte bleiben. F. Ortsgruppe München des Jüdischen Kulturbunds in Bayern KONZERT PAULA LINDBERG am 20. und 28. Oktober im Museum VORTRAG RABBINER Dr. JACOB am 29. und 30. Oktober im Museum ~ 1