Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 19 (1.10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 407 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2727810-2728025-2728044--10263-2743591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 19 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 407 des Raummangels im Jahre 1910 die fünfte Bamberger Synagoge, deren 25jädriges Besteben eben gefedert werden konnte. Die Gedenkstunde am .15. September 1935, abends in der Synagoge, war der Zeit angemessen würdig und weihevoll. Der Vorstand der Ku'Ltusgemeinde Bamberg, Rechtsanwalt Dr. Morgenroth, gedachte der geschichtlichen Stunde, der in der Ferne weilenden- Männer lunid Frauen aus Bamberg, die den Bau des Gotteshauses betrieben und ermöglichten, namentlich des verewigten Altraobiners Dr. Eckstein wind des Bhrenvorstandes der Gemeinde, des Geheimen Justizrates Dr. Werner, der m »diesen Tagen seine ZeLte im Heiligen Land aufschlägt. Des Rabbiners Dr. Katten Priestersegen und seine Worte über die waihre Bedeutung der Synagoge als Betn-ha-am trafen eine tief bewegte Zuhörerschaft Der Präsident des Verbandes bayer. israelitischer Gemeinden Dr. Alfred Neumeyer nahm zu folgenden Ausführungen das Wort: Sehr, geehrte Festversammlung! Ich bringe der Gemeinde Bamberg zu dieser Gedenkstunde die Grüße des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Was schließen diese Grüße heute in stich? Das Bekenntnis des innigsten Verbundenseins, des tiefsten seeiichem Miterlebenis, der Hilfeleistung mit allen inneren und äußeren Mitteln, die wir beschaffen können. Vor mir steigen idie unvergeßlichen Tage auf, die wir im Juni 1928 hier erleben dürften. Damals stand der Verband auf der Höhe seines Wirkens. Den Verhandlungen ginigen voraus geschichtliche Betrachtungen des verewigten Herrn' Rabbiner Dr. Eoksteiiii Wir hörten von dem Reisebericht des Benjamin v. Tudela aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts,- in dem er von Bamberg als der Stätte sprach, wo sich viele Gelehrte und wohlhabende Männer befanden. Im 13. Jahrhundert kam die Wanderung, und der jüdische Minnesänger Hugo v. Trimbeng spricht in einer Dichtung von dein Tage „da die Juden in Franke wurde geslage". Es entstand im Anschluß an das Lamdesrahbinat, gewissermaßen ein Vorgänger unseres Verbandes, eine Korporation, die 55 Gemeinden umfaßte. Sie wurde 1813 durch das bayerische Juideneidükt .aufgelöst, weil man darin einen jüdischen bürgerlichen Soniderverband erblickte. So traten wir am 17. und 18. Juni 1928 zusammen „in unserer schönen Stadt Bamberg" in dem lichtdurchfluteteni, wunderbaren Kaiisersaal der ehemals bischöflichen Residenz. Der Vertreter der Staatsregierung sprach von dem lebhaften Interesse des Unterrichtsministeriums an der Erledigung unserer Angelegenheiten, er sprach von der Genugtuung der Staatsregierunig. 'daß 'der Verband es verstanden habe, in verhältnismäßig so kurzer Geschichte eine gedeihliche Tradition zu .schaffen und zu pflegen. Der Vertreter der Kreisregierung hob aus iden Beratungsgegenständen die Siedlungs-und Wohlfahrtsfraige hervor und anerkannte mit großem. Dank, daß die israelitischen Gemeänden auf dem Gebiete der Wohlfahrt infolge der Opferwilligkeit .ihrer Mitglieder Hervorragendes geleistet hätten. Das Hauot der Stadt führt uns: Wenn man mich fragt, wer hat in den Zeiten vergangener Jahre und trostlosester Gegenwart mit Taten geholfen, .so muß ich den Angehörilgen der israelitischen Gemeinde die Palme zuerkennen Wie oft bin ich .als Bittender gekommen und ich kann gesteh ea nicht einmal eine Fehlbitte getan zu haben. Ein Betriebsfonds. LandeswoihlifahTtsfonds.und» Pen^ionsfonds wurden in jener Sitzung, mit erheblichen Beträgen begründet und eine namhafte Summe «des Reiehsbundes jüdischer Frontsoldaten für Siedlunigszwecke .gegeben in dem. Bestreben, allmählich eine Umschichtung der jüdischen Bevöllcerung. zu einer gesünderen Berufs Verteilung herbeizuführen. Der Vorsitzende dieser Gemeinde.. Dr. Josef Werner, aber erinnerte an das Wort eines griechischen Denkers, daß alles Leben und Geschehen auf zwei Kräfte zurückzuführen sei, auf* den Kampf, der die Elemente trennt, und auf die Liebe, diie sie verbindet. Der Kampf, der die Elemente trennt, hat immer schärfere Farmen angenommen, an die der Redner jener Tage gewiß nicht gedacht hat, und es dringt an unser Ohr das Wort des Propheten: Wird dein Herz fest bleiben und .deine Hand stark in den Tagen, die ich idir schicke. Wir hatten vor kurzer Zeit eine Sitzung unseres bayerischen Landesverbandes und' eine Beratung der süddeutschen Verbände, die mich in diesen Tagen auch nach Berlin zu unserer Reichsvertretung geführt haben. Ich darf Ihnen versichern, daß von den verantwortlichen Stellen alles geschieht, was die Verhältnisse nur zulassen. Wir werden auch das berechtigte Verlangen nach einer eingehenderen Information und Beratung der Gemeinden durch Reisen unserer Beamten und durch Schaffung eines Netzes von Beratungsgebieten und Vertrauensmännern erfüllen. Wir haben uns in Berlin bei der zuständigen Stelle jetzt diafür eingesetzt, daß uns ein erhöhter Steuersatz für unsere Bedürfnisse gewährt wird und haben auf die Sicherung von Recht und Wirtschaft als .der Grundpfeiler der öffentlichen Ordnung nachdrücklichst hingewiesen. •Uhziulängliich aber sind die Taten der Menschen', wenn) mit elementarer Macht 'die Flügel der Geschichte rauschen. Aber auch 'dieses gewaltige Vergehen und Werden unserer Tage beherrscht ider Wille der Vorsehung: ..Ein Gott des Wissens ist der Ewige und vor ihm werden die Taten gewogen" (1. Sam. 2, 3.) Wir vertrauen .auf .unsere Jugend, die mit ungeheurem Wollen die Last 'der Zeit auf sich genommen. Es schreibt uns ein Jugendlicher: „Ich .hin durchaus froh in einer Zeit zu leben, die zwar viel Schweres bringt die aber auch an den Einzelnen höhere Anforderungen stellt, und ich sehe.mit aller Zuversicht in die Zukunft." So wollen auch wir Älteren uns von den Jungen nicht beschämen lassen. Möge dieses ehrwürdige Gotteshaus als Mittelpunkt der Gemeinde auf friedlichere Zeiten schauen. „Deine Tore sollen stets offen stehen und Tag und Nacht nicht geschlossen sein" Oes. 16. 11). Mögen' diese Tore offen stehen dem Flehen der Menschen zu Gott und dem tiefsten jüdischen Empfinden, mögen aus ihnen hervorgehen die Werke der Liebe, des Rechts und der Gerechtigkeit. — 'Die Feier war umrahmt von Gesängen des Synagogenchors unter Leitung des 1. Kantors, Herrn Sehapiro. und unter Harmoniiumbeglei'tung des Herrn Kurt Klestadt. Der 1. Satz aus der Violin-Sonate F-Dur von Händel (Violine Gert Palm. Harmonium Stefan Fried), das Arioso von Händel mit der gleichen Violin- und Harmoniiumhegleitung. von Frau Berta Simon zu Gehör 'gebracht, und die Schlußstücke aus der Liturgie: Priestersegen und Sim Scholom von Herrn Kantor Lent weihevoll vorgetragen, vervollständigten das Programm, das seine Einleitung durch einen stmwnungsvollen von Hilde Marx gedichteten, von Justin Isner mit viel Verständnis gesprochenen Prolog fand. Die Gemeinde hat den Gemeindemitgliedern eine ausgezeichnet gelungene Lichtbilider-Sammlung als Erinnerungsblätter überreicht. 7 Photos, davon 5 Aufnahmen von Margot Wassermann in Bamberg, zeigen die Innenansicht der alten Synagoge (1853—1910). ferner einen Ausschnitt der Einweibunsrsfeier vor 25 Jahren, das prachtvolle Titelblatt des Sefer Tekanoth der Bamberger Chewra-vom 14. Adar 1778. des Bamberger Memorbuches von 1798 mit einem Purimteller von 1787. Thorasdhil'd unidt Thorakrone von 1703 (von Esther Kronach) und 1812,. das Mittelstück eines Vorhanges vor dem Oron-hakodesch. gestiftet von Hoffaktor SeEgmanri Samuel Kesslern rm Jahre 1809. Die Blätter bilden ein bleibendes wertvolles Andenken an das Jubiläumsjahr 1935. Don nerstag, 3. Oktober, 20.15 Uhr, Hauptsynagoge Vortrag Ministerialrat L R. Dr. Hirsch-Berlin und Dr. Franz Meyer-Berlin: „Arbeit und Z i e I d er J uden in Deutschlan d". Näheres Seite 412