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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-10-01 · 19 (1.10.1935) · p. Seite 406

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
19 (1.10.1935)
Date
1935-10-01
Page
Seite 406 (sequence 2)
Language
German
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4Ö6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 den wir mit unserem äußeren Verhalten fertig werden. Wir werden uns an diesem Tage mehr als je geloben, in äußerster Einfachheit und Bescheidenheit zu leben. Wir sind uns alle darüber klar, daß noch so manche Emschränkung. noch so manche Abkehr von Dängen, die man für unumgänglich hält, notwendig sein wind. Wenn wir uns klarmachen!, was wir ber reits alles aufgegeben haben, so wird! der Abschied) von weiteren nicht so schwer sein, wie es vielleicht dien Anschein hat. Doch das ist nicht die Hauptsache, wichtiger ist, daß wir am Jörn Kippur uns fragen, ob unsere Stellung zur jüdischen Gesamtheit die war, die eine harte Notzeit erfordert. Wir Juden waren in der nun abgelaufenen Geschichtsepoche. starke Individualisten. Jeider ging den Weg, den ihm sein1 Beriuf vorschrieb, den Weg zur Gemeinschaft aber fand er nur sehr selten. Nun aber ist -diese jüdische Gemeinschaft das einzige, was uns geblieben ist. Sie aber ist nichts Abstraktes, sie ist keine Verwaltungsorganisation, dlie neben unserem1 Leben dahinläuit, diese jüdische Gemeinschaft sind wir selbst, und sie ist das, was wir aus ihr machen. Am Jom Kippur scheinen wir eine solche Gemeinschaft zu sein. Die Weihe des Gotteshauses umfängt uns adle gleichmäßig. Die ehrwürdigen Melodien lösen so manche Schlacke von unserer Seele, die sich im Laufe der Zeit gebildet hat. Das Totengewänd, in das sich viele von uns hüllen, deutet auf die Stunde, die uns einstmals alle erwartet. Aber wenn der Jom Kippur beendet ist und der Schofarstoß den Alltag wieder ankündigt, dann besteht die Gefahr, daß wir wieder auseinanderlaufen und ein Leben der Vereins elung führen. An diesem Tage muß jeder einzelne vom uns vor seinem Gotte «das Gelöbnis abgeben,. daß er seine ganze Kraft, soweit sie nicht von dem äußeren Kampf um Dasein in Anspruch genommen wird, seiner jüdischen Gemeinschaft zur .Verfügung stellt. Wenn wir diese' Reserven ins Feld führen, wenn wir alle diejenigen, die heute noch 'indifferent und abseits stehen, für ein positives Judentum gewinnen, dann würden wir einstmals vor dem Urteil der Geschichte besser bestehen können. Die Zahl der innerlich Unerschütterten ist nicht so klein, wie man es annehmen möchte. Gar viele, die dlais Glück hatten, in ihrem äußeren Dasein mehr oder weniger wie bisher weiterleben zu können, glauben, daß sie der Gemeinschaft noch nicht bedürfen. Sie wissen nicht, daß die Stunde der Not auch an sie herankommen kämm. Dann soll das Judentom auch ihnen zur Verfügung sein. Der Jom Kippur aber ruft dazu auf, daß sie zu ihrem Judentum stehen. Wenn vielleicht der eine oder andere, der nach jahrelanger, jahrzehntelanger Pause das Gotteshaus wieder aulgesucht hat, es unbefriedigt wieder verläßt, so wind er geneigt sein, die Schuld dem Gottesdienste zu geben, dem er nicht folgen kann. Sollte er die Schuld Mchit in sich selbst suchen? Wenn er ernsthaft nachdenkt, kann miau vorn Judentum verlangen, daß es diesen altehrwürdigen Gottesdienst deswegen ändert, weil er es verabsäumt hat, die heilige Sprache des Gebetes zu lernen, weil er'lieber Zeit gefunden hat, alles andere zu treiben, und weil ihm die jüdischen Dinge nicht wertvoll-genug wareiiT, sich mit ihm zu beschäftigen? Es ist keine Schande, nichts zu wissen, zumal man der älteren Generation früher dazu kaum eine Gelegenheit gab. Nur schlimm ist es, wenn man nicht versucht, diese Lücken1 in seinem Wissen zu tilgen. Das muß eines der Gelöbnisse sein, die uns der Jom Kippur auferlegt. Wir sind von so vielem (anderem frei geworden, was unsere Zeit 'einstmals ausfüllte, was uns in Anspruch nahm, daß es nun keine Ausrede mehr gibt Auch der Abseitsstehendste wird, wenn er nur einmal den Versuch macht, sich gerade in den Sinn der Gebete des Versöhniungstages hineinzudenken;, von der Fülle des seelischen und gedanklichen Inhalts erschüttert sein. Vielleicht ist ahm so zu Mute, wie dem, der nach langen Jahren zu den Briefen seiner Jugend greift und sich selbst wiederfindet. Äußere Erfüllung von Formen allein gibt keinen Segen. Wer da denkt, daß das Verweilen in der Synagoge am Jom Kippur, ihm ermöglicht, ein langes Jiahr die jüdische Gemeinschalt zu fliehen, der hat dem Tag nicht begriffen. Dieser Jom Kippur 5696 ist für das Judentum in Deutschland ein besonderer. Er kommt zu ihm als ein Tag der Gnade, als ein Tag der Aufrichtung und als ein Tag der Heimkehr. Sache der Juden wird es sein, ob sie seinen Ruf verstehen. Nicht das Äußere des Daseins macht das Leben aus. Alles trägt sich leichter, wenn wir es verstehen, zu uns selbst zu kommen. Andere jüdiche Festtage künden von unserem Volkstum, rufen auif zur nationalen Wiedergeburt. Dieser Tag spricht zu unserer Seele. Ohne seelische Einkehr auch kein Wiederauferstehen unseres Volkes. Zur 25. Wiederkehr der Einweihung der Bamberger Synagoge 11. September 1910—1935 Am 11. September wurden es 25 Jahre, daß die Isr. Kultusgemeinde Bamberg ihre neue Synagoge eingeweiht hat. Es ist die fünfte in Bamberg; sie und ihre Vorgängerinnen stellen das Rückgrat der Jahrhundertelangen Geschichte der Gemeinde dar, die, wie BIbogen in . seiner Geschichte der Juden in Deutschland sagt, bereits im 11. Jahrhundert besonders hervorgetreten ist Bis 1349, in welchem Jahr fast die ganze Judengemeinde in Bamberg vernichtet wurde, stand die erste Bamberger Synagoge am Fuße des Kaulberges, am Eingang zur Judengasse, in der rechten Ecke des am „Judenplatz", dem heutigen Pfahlpiätzchen gelegenen „Judenhof es". Dann ging sie in den Besitz des Fürstbischofs über, der sie an den Pfarrer von Herrmsdorf verkaufte und dieser ließ sie in eine Marienkapeille umwandeln. Ms düese baufällig geworden war, ließ der Domherr Marschalk von Ebnet 1470 an ihrer Stelle eine Marienkirche erbauen, die seit 1874 als Turnhalle benutzt, dm Volksmund -die „Judenkapeile" hieß. Im 15. Jahrhundert finden wir die Judemsiediung in' der Hellerstraße, damals hintere Kesslerstraße genannt und «dort stand die zweite Synagoge, hinter den Häusern 11 und. 13, allerdings nur ein unansehnlicher Betraum (Judenschul) mit einem „Höffeia", in der 1469—1474 Moses ben Isak halevi Mkvz, einer der bedeutendsten Bamberger Rabbiner, gelehrt hat. Im Jahre 1478 traf die kleine Gemeinde, die trotz aller aufgebotenen Mittel ihren Glaube« nicht 'aufgeben wollte, der Ausweisungsbefehl des Bischofs und so mußte auch das zweite Gotteshaus im Stich gelassen werden. Es gelang jedoch einem Nürnberger Juden, Jakob Kerpf. 1487 ein kaiserliches Dekret zu' erlangen, wonach er 10 Jahre steuerfrei die Judenschul innehaben durfte. . Im 17. Jahrhundert siedelten sich die Juden im Zinkenwörth und in der Generalgasse an. Zu Beginn der 60er Jahre mietete die aus ca. 10 Familien bestehende Gemeinide Bamberg das Hinterhaus eines dem Herrn von Rotehhan auf Eyrichshof gehörigen Gebäudes (jetzt Generalsgasse 15) als Synagoge. Dieses Gebäude ging 1678 in den Besitz der Stadt über, von der es die Gemeinde samt Vorder- und Nebenhaus mietete. Im Jahre 1694 konnte die Gemeinde dieses Gotteshaus zu Eigentum erwerben. Es war die Zeit, da Menachem Mendel Rothschild (Aschikenasi) Rabbiner (1686—1718, gest. 1731 in Worms) und Moses Brüll (BrilimO in der Au, der Schwager des Wiener 1 Oberhoffaktors- Samson Wertheimer, als Nachfolger seines reichen 1691gestorbenen Schwiegervaters David ben Elkana im Abtwörth (Kapuzinerstraße), Vorsteher der Bamberger Judengemeinde war. Ein Schwiegersohn des Moses Brüll war der Sohn Samuel (Sanwiil) der Glückel von Hameln. Sein Söhn Elkana war mit einer Tochter Mendel Rothschilds verheiratet. Und der Bruder des reichen David ben Elkana, der alte Moses in der Kessiergasse, ist es gewesen, der im April 1699 durch Verteilen von Zwetschgen unter die Volksmenge, die gegen die Juden vorgehen wollte, schwere Folgen verhinderte. Hieran erinnert noch heute..der „ZwetschgenhTanith", der als besonderer Bambierger Fasttag auf Erew Röseh-chodesch Ijar von - Rabbiner Mendel Rothschild eingesetzt worden ist Bis 1853 war diese dritte Synagoge in Benutzung; dann wurde an ihrer Stelle ein Neubau errichtet, der genügend Raum für die größer gewordene Gemeinde bot. Es erstand infolge

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