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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1935-09-15 · 8 (15.9.1935) · p. Seite 21

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1935
Issue
8 (15.9.1935)
Date
1935-09-15
Page
Seite 21 (sequence 2)
Language
German
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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 21. Nr. 8 Das Schullandheim Dem Ruf -aus Stuttgart: „Schafft jüd'. SchuMamlheime!" seien einige grundsätzliche Bemerkungen vorausgeschickt. ■ Die neuzeitliche Schule will das Kind in seiner Totalität umfassen -und will für Körper. Geist und Seele eine gleichmäßige Ausbildung geben. Außerhalb der öfifentlichetn Schule entsprachen den Forderuingen der Gegenwart die Laride rzi ehungsheime. Sie können als Bahnbrecher des neuen Er- .ziehungsziiels bezeichnet werden. Der Nachteil bei ihnen bestand .aber darin, -daß ihre Wirksamkeit auf engere Kreise beschränkt blieb. , .Für das öffentliche Schulwesen wurden später die Schul- J-aindh eii m e eingerichtet und zwar ausschließlich für Groß- ' stad-tschulen, •' 'Die Aufgabe des Schullandheimes ist es. -dem Großstadtkind ein Erleben in -der Natur zu ermöglichen, die körperliche Entfaltung wohltätig zu beeinflussen, eine harmonische Ausbildung :des ganzen Menschen in die Wege zu leiiten. .■ Daß durch diese „Landverschickung" vom Großstadtkiodern starke Wirkungen auf -das körperliche Befinden der Kinder ausgeübt werden, ist ganz selbstverständlich (Klimawech- ,sel, Bewegung in Licht, Luft, Sonne, geregeltes Leben usw.). /Die geistige Ausbildung wird durch geregelten Unterricht bei größeren und diurch weniger geregelte, mehr zufällige Unterweisung bei kleineren Kindern ungestört fortgesetzt. •Fördernd kommen hier in Betracht -das' ständige Zusammensein von Lehrern und Schülern, bessere Konzentrationsmögiacbkeit. Beobachtungsmöglichkeiten usw. "vUnid die erzieherische Wirkung? Kennenlernen der Kinder; die daraus sich ergebenden Einblicke in das Innenleben der einzelnen. Gewinnung des Vertrauens — für den Lehrer. Für die Schüler: Zusammenleben mit anderen, Verpflichtung zurRücksichtnahme, Mitverantwortung, Überbrücken der sozialen Gegensätze -des Elternhauses -usw. Solche gewonnene^ Werte wirken dann noch später nach und vertiefen die ganze Bildungsarbeit. In der nächsten Nummer wollen wir die Frage behandeln: Wie entsteht ein Schullandheim? Läßt sich »diese Einrichtung auch im jüdischen Schulwesen -durchführen? Eine Antwort auf die letzte Frage gibt uns nun Kollege Berlinde r von Stuttgart. M. A. Schafft jüdische Schullandheime! Von Wolf B e r 1 i n g e r (Stuttgart). Je weiter wir in der Geschichte der Menschheit zurückschreiten, desto natürlicher und geschlossener tauchen vor uns ihre Gestalten auf. Je stärker wir ums im dier menschlichen Kuiltuirentwicklung der Gegenwart nähern, desto gekünstelter und zerrissener begegnen uns ihre Träger. In tausenderlei Formen stürzen sich die Lebenseindrücke auf den Menschen, zerren ihn hin und her zwischen Technik -und Kunst, jagen ihn von der Berufshast zur Genußsucht und! zerstückeln sein Ureigenstes in Hunderte von Interessengebieten. Dazu harter, zermürbender Lebenskampf in baziillenverseuchten Großstädten, wo Fabrik rauch und Straßenstaub die Lungen zerfressen, wo Autolärm und Mortorgeratter die Nerven unterminieren und wo Licht, Luft und Sonne nur für Geld zu erkaufen sind. Aus -der Tiefe unserer Seele löst sich der Schrei: Zurück zur Natur! Zur o-rganischen Lebensgeschlosseniheit! Zur Stille in, Gott! Unser Körper verlangt dringend: Heilspendendes Spiel in der Sonne! Wandern in frisch-reiner Luft! Sport im beruhigenden Grün! Das menschliche Leben ist nur in Gemeinschaft denkbar. Wenn Judentum und Christentum die Nächstenliebe als Grundlage aller Religion hinstellen, so begegnen sich hierin höchste göttliche Weisheit mit uralter menschlicher Erfahrung. Der wer-dem-de Mensch muß in alle Probleme der Erwachsenen hineimigeleitet werden.. Aufgabe der Pädagogik ist es somit, dien Jugendlichen in eine geistig-seelische, sozial-ethische und natürlich-gesunde Lebenseimheit hineinzustellen. (, ..In 'den' Anfängen der menschlichen Kultur, als der Vater noch Erzieher und Lehrer in einer Person war, bildete die Familie diese Lebenseinheit. Dieser patriarchalische Zuistamd wurde ein Opfer der vorwärtsstürmenden Kulturentwicklung. ftdOlphSCllteSlliPBr Prielmayerstr. 12 Gegr. 1881 Das Spezialhaus, für Trikotagen Wir führen die Markenfabrikate: Bleyle Strickwaren Wbf»?r'Jä*er } Unterwäsche Schachenmayr Wolle F.T.O. Strümpfe Sie finden aber auch in den unteren Preislagen Qualitätswaren. Großhandel in Strumpf-, Wirk- und Strick» Waren Da.trajt 'die Schule mit dem Totali'tätsanspruch: auf. Ein sich verstärkendes Gegeneinander- und Auseina-nderschaffen der verschiedenen Erziehunssiaktoren gaben ihr das innere Recht dazu. Doch die um sich greifende seelische Verflachung, die unterrichtliche Unzufriedenheit und die verderbende Wirkung der Straße zwangen zur Abkehr , vom üblichen Schuterstem. Die an sich idealste Lösung des Lande rziehoingsheimes mußte sich aus finanziellen und familiären Gründen auf einen sehr kleinen Kreis beschränken; So kam der Gedanke des Schullandheims auf, der im letzten Jahrzehnt überall in Deutschland siegreich durchdrang und durchdringt. Es .ist dies ein ländliches Herrn, in dem geschlossene Klassen einer Stadtschule unter Leitung ihrer Lehrer einige Wochen ihrer Schulzeit verbringen. Wesentlicher Zweck dieser periodischen Verschickung ist die Erweiterung und Ve r t i e f u n g der schulischen Arbeitsgemeinschaft in eine soziale Lebensgemeinschaft, unter Überwindung gesellschaftlicher Gegensätze und wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Die ländlich-gesunde Umgebung soll zugleich der körperlichen Erholung und geistigen' Entspannung dienen und für. den Unterricht wertvolle Anregungen bringen. Dieser kann auch dort, je nach den Umständen, als Gelegemheits-, Gesamt- oder Fachunterricht fortgeführt werden, tritt aiber hinter dem erziehenden und bildenden Einfluß des Gemeinschaiftsilebens zurück. Das Schullandheim ist also ein Land-erziehungsheim für den Bruchteil e i n e s S c h u 1 i a h r e s. Seit April vorigen Jahres besteht in Stuttgart eine jüdische Volksschule. Zu all dien Gründen, die sonst die Schulen zum SchuMandheimgedanken führten, traten hier noch besondere Erwägungen hinzu. Die Jüdische Schule Stuttgart ist ein Sammelbecken von Schülern aus fast allen Schulen und Stadtteilen Stuttgarts, ein Gemisch aus allen sozialen Schichten und religiösen Strömungen des Judentums. Das einzig Gemeinsame des Jude s e i n s war eine schwache Bindung, da für einen großen Teil das Judentum nichts Erlebtes und Innerliches darstellte. So galt es vor allem, dieses Sammelsurium von Jugendlichen in eine stark verbundene Gemeinschaft zusammenzuschweißen und diese mit jüdischem Erleben und verinnerlichter Solidarität anzufüllen. Dazu noch die oft krasse Formen amnehmende Verzärtelung und Unselbständigkeit des Kindes in jüdischen Familien. Eine Trennung von Eltern und Kindern für einige Wochen im Jahre erschien für beide Teile dringend notwendig Auch die im Zeitalter der Berufeumschichtung geforderte praktische Betätigung des jüdischen Schülers ließ den bisherigen Schulbetrieb als alleinige Form nicht mehr befriedii'Sren. Denken wir dann noch an die sprichwörtliche .Nervosität jüdischer Kinder, an das Vorherrschen des Sprachlich-Logischen in ihnen, so war dieser Ruf nach den wohltuenden Wirkungen der Waldesruhe, nach den segensreichen Lehren von der schweigenden Größe der Natur eine' "zusätzliche Notwendigkeit. Trotz großer wirtschaftlicher, "religiöser und organisatorischer Schwierigkeiten war deshalb der Schullandheim-Gedanke an 'unserer'' Schule.'beim ersten Auftauchen siegreich. "(Schluß folgt) LevIngerZigarren Kaisen ihre Stammkunden! S.LEVINGER, Bayersir. 21 im Höfel Rheinischer Hof Gegr. 1886 Femsprecher 54897

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