Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 8 (15.9.1935)
- Date
- 1935-09-15
- Page
- Seite 20 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr. 8 mittteUungen De* JüDiftljen Setjreruereina für Öapern 1935 Schriftleitung: Max Adler, München München, 15. September Nr. 8 Fortbildungskurs für jüdische Lehrer in Bayern Stimmungsbilder Idealismus Ein Begriff, der oft malfcraitiert wird und deshalb viel von seinem Glänze schon eingebüßt hat. Und doch wollen wir ihn hervorholen, wenn vom 'diesjährigen! Fortbildungskurs gesprochen werden soll. Wir wollen aber diesen Begriff dann ordentlich bürsten, entstauben und aufbügeln, -damit er in seiner alten. Schönheit erstehe. Denn es ist reinster Idealismus, (auch wenir wir — mit vielem Dank — die Zuschüsse der Reicbsve'rtrekmg und unseres Verbandes erwähnend feststellen) wenn sich heute eine solche stattliche Zahl der bayer. jüdischen Lehrer versammelt, um vier Tage lang mit größtem Eifer, mit nie" erlahmender Aufmerksamkeit den oft recht schweren Problemen zu folgen und vielfach ganz Neues in sich zu verarbeiten. Heute sagen wir, wo sich in unseren Kultusgemeinden Verhältnisse .herauszubilden scheinen, die wir nach 1923 als endgültig überwunden hielten. Heute, wo durch den Zerfall der Gemeinden der Lehrerschon da und dort wieder die materielle Not in allernächster Nähe zu spüren bekommt. Aber so sehr wir Lehrer — wir an erster Stelle und mit vollstem Verständnis — die Zwangslage der. Gemeinden erkennen, müssen, wiir aber doch ganz deutlich aussprechen, daß es von jüdischem .Opfersinn und der bei uns immer besonders betonten Pflege unserer Tradition weit abliegt, wenn die Mitglieder der Gemeinden yermehien, zuerst bei den religiösen Bedürfnissen Abstriche machen zu müssen. - ihr Gemeinden landauf und landab! Der Idealismus ist auch bei euch noch nicht erstorben! Ihr habt ihn von euren Vätern ererbt! Aber ihr müßt ihn „erwerben, um. ihn zu besitzeni!" — ...... Das Programm; Das Programm, das dem Fortbildungskurs zugrunde lag, darf mit dem sonst etwas überschwänglich klingenden Epitheton: glänzend '• gekenmeitihuet werden. Und die engere Verwaltung .unseres Vereins mag es nach der Zusammenstelluihig mit. berechtigtem Stolze in alle Lehrerhäuser verschickt haben.; Aber den Männern an der Spitze ist es gegangen wie vielen ändern, die Programme zu entwerfen 'haben. Sie haben nicht gemerkt, daß ein Progranijm nur scheinbar ein bedrucktes Papier ist, sie haben nicht gemerkt, daß da ein lebendes Wesen entsteht, ein Polyp, der mit seinen vielen Armen weit hanausgneiift und nur dann zufrieden wird, wenn Leute und Nahrung in übergroßer Masse sich vor ihm häufen. Und so litt auch dieses Programm, in welches noch die General versaminluhg des Vereins hineingebaut; war, unter seiner großen Fülle. Die gute Absicht der Leitung, die lange Pause seit dem letzten Kurs durch eine große Reichhaltigkeit. auszugleichen, soll .aber nicht verkannt werden. — Der Kurs '. Während Rabbiner Dr. Hanover mit großen Pinselstrichen m.meiisierha'fter Weise die hehren Absichten und ewigen Ideen unserer: Propheten aufzeigte und Rabbiner Dr. Weiß ein rethorisch^und methodisch hervorragend durchgeführtes Beispiel1 der1 Behandlung einer Mischnah gab, :* während dabei beide, neben der Befruchtung des Wissens, den Stolz auf unser jüdisches Geistesgut neu weckten, versuchte Direktor. Adler vorzuführen, wie der Lehrer über das Gemüt, mit Hilfe hebräischer Lieder, Leben wecken und seine ihm'anvertraute Jugend hellauf begeistern kann. Denn die Schüler müssen' doch durch diese Methode wie Wachs .-knetbar .werden, wenn schon diese Alten da,~mit ihren gmauen Bärten und den gefurchten Stirnen, sich so schnell, und ohne Vorbehalt ergaben. Wie .süe so folgsam sangen, Zeichen in die Luft setzten, taktierten, Hände wölbten und Finger streckten! So zieht iöin .g'ttbegnadeter Künsifcler alles in seimen Bann, alles mit sich reißend, sodaß man sich willenlos seiner Führung anvertraut. — Die Mitgliederversammlung In den Mittagsstunden von der am Nachmittag von 15 bis 18 Uhr angesetzten Generalversammlung des Jüdischen LehrerveröiMs wurdle lim Meinen Zirkeln über die Arbeit des Vereins in den letzten 3 Jahren debattiert. Von. Versammlungsneulangen und jungen Kollegen konnte man da Redewendungen hören, wie: „Unser Verein muß mehr auf die Zeichen der Zeit hören." „Der Verein muß sich neuen) Aufgaben zuwenden... Umsdhichtunig, Hebräisierung..." Öder andere: „Gegen Stellenaufilösuntgen ainkämpfea" „Dafür eintreten, daß Zweigstellen wicht mehr besetzt werden .. Aber diese Kritiker ließen sich belehren. Sie entnahmen zu ihrer Über naschung (sie konnten es ja nicht wissen, weil sie bisher nicht mitarbeiteten), daß auch die Vereinsleitung so ein klein wenig der Stimme der Zeit lauscht und daß so vieles, was manche von uns erst heute entdeckt haben, von den verantwortlichen Stellen unseres Vereins schon längst in die Tat umgesetzt worden war. So verlief denn die Mitgliederversammlung so ruhig, wie wir es seit Jahren nicht anders gewöhnt sind. Mehr noch! Die gesamte Verwaltung, in ihrer bisherigen Zusammensetzung, ist ohne Widerspruch aufs Neue wiederbetrautworden. . Warum aber vorher die Kritik? Ich glaube, daß die Ursache in einem psychologischen Fehler zu suchen ist. Infolge des ausgedehnten Programms mußten sowohl die Sitzung der Verwaltung als auch die Generalversammlung auf eine viel zu kurze Zeit beschränkt werden. In. einer so wechselvollen Epoche drängen sich die Probleme, waehsemi öle Spannungen, häufen sich die Fragen. Jeder trägt dazu noch seine eigene Sorgen und will sich in gleichgestimmtem Kreise Erleichterung verschaffen, indem er sich ausspricht, Ratschläge holt und Hilfe erwartet. Ein solch kleiner Verein ist mehr eine große Familie. Da ist's nicht gut, wenn bei einer schon so oft zurückgestellten und nun endlich durchgeführten Zusammenkunft der seelenlose Uhrzeiger in Allmacht regiert. 'Das 'nächste Mal soll darum mehr Zeit vorgesehen werden. Jeder soll reden dürfen! Wenn es auch nicht gerade etwas Bedeutungsvolles, für alle Gültiges ist. Denn, wenn's vom Herzen herunter ist, drückt's nicht mehr so arg. Die indische Wunderblume Der begeisterte Beifall für das. trotz seiner schweren Problemstellung, gut verständliche Referat unseres vielseitigen Hirnheimer war vollauf verdient. Er wird mir verzeihen, wenn ich mitten in seinem Vortrag, als er von der indischen Wundenblume als Versuchsobjekt sprach, ein wenig ins Träumen geriet. Ich sah den breiten, träge diahinfließenden Ganges. Und seine grünen Ufer betupft mit dieser Wunderblume, die die Bläue des Himmels widerspiegelt. Wilde Bienen befruchteten sie. Dann warf sie ihre Samen aus. Junge Pflänzchen sproßten, wuchsen heran und lachten wieder mit ihren Blütenaugen hinauf zum sonnendurchfluteten Raum. Und so entstanden Generationen und vergingen. Sie beugten sich dem Sturmwind, der vom Gebirge herzog, legten sich um, wenn die wilden Fluten des mächtigen Stromes über seine Ränder traten. Dann aber richteten sie sich wieder strack in die Höhe. Und flüsterten sie sich nicht zu.?: „Gott, der Herr, hat uns in seine Welt hineingestellt und wird auch sorgen, daß wir nicht vergehen." , S. Brückheimer.