Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 18 (15.9.1935)
- Date
- 1935-09-15
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Bayerische Israelitische Gemeindezeittmg Nr. 18 so mußte das rationalistische Element zum fast ausschließlichen Kraftspender der Religion werden: So ist es kausal bfrdingt, daß das Judentum überreich wurde an großen Denkern: die Notwendigkeit, den heiligen Glauben aius Mangel! an magischem Lebern und ^Erleben müit den Mitteln der Vernunft und logischen Denkens stützen und erhalten zu müssen, erzog durch viele Generationen den jüdischen Menschen naturgemäß 2um Grübeln und Denken; Im Unbewußten seiner Seele vollzog sich die logische Folgerung, daß das, was für den höchstein Lebenswert, des Menschen — den Gottesglauben — gut und zweckmäßig .ist, für alle andern Werte seines Seins gewiß recht und billig sein müsse. — Das magische Element ist im Gaiuthjiudentum nur noch ein sehr schwaches FünkcheiL Die Versuche zu allen Zeiten unserer Geschichte, das Fünkchen zur belebenden Flamme anzufachen, mußten mißlingen, nacndem die Erhaltung religiöser Werte ziemlich restlos von der rationalistischen Seite her gesichert war. Der Mensch zieht eben in allen Bereichen des Seins stets das Sichere dem Unsicheren vor. Der rationalistisch eingestellte Bekenner einer Religion das ist der Mensch, der immer zur Stelle ist, wachbewußt im Gebet und in der Erfüllung ritueller Gebote, wie in der Ausübung der Berufs- und Alltagspflichten; der magisch bewegte Gläubige empfängt in der religiösen Erhebung stets aufs neue die göttliche Offenbarung in seiner Seele, er ist niemals und nirgends zur Stelle, wohl aber entrückt dem Räume wie der Zeit. Schärfer formuliert, könnte man als magisch eingestellten Menschen denjenigen bezeichnen; der seine Seele gleichsam leer mächt, um Gottesempfindungen in sie einströmen zu lassen, während der rationalistische Gläubige Bedrängnis oder Lustgefühl seiner Seele hineinträgt in jedes Gebet, in jede Kulthandlung. Er unterstellt die Vielfalt seines Lebensablaufs zwar auch bedingungslos dem Willen Gottes, aber er setzt dabei — mehr oder weniger bewußt — jene vollkommene Weisheit des Schöpfers voraus, die überall da Rat und Hilfe noch bieten kann, wo Menschenverstand unzulänglich ist. Jeder Zweifler und jeder Abtrünnige kann darum immer nur rationalistischer Bekenner einer Religion gewesen sein: der magische Mensch kann weder zweifeln, noch abfallen. Das stärkste magische Element unserer Religion dürfte die Forderung Gottes an Abraham sein, den einzigen Sohn zu opfern. Keine Bibelstelle beschäftigt die Kommentatoren so stark, wie das Kapitel der Genesis, in welchem von der „Opterung Isaaks" die Rede ist. Die rationalistischen Erklärer haben-die größte Mühe, diese „Kriegserklärung" Gottes an Herz und: Verstand mit der Liebe und Weisheit in Einklang zu bringen, die sonst als die spezifischen Zeichen1 des Göttlichen gelten. Letzten Endes laufen alle Deutungen darum auf die gleiche Formulierung hinaus: Gott wollte Abrahams Treue und Vertrauen prüfen. So schön diese Erklärung sein mag, die auch noch das hebräische Wort „nissoh" als Argument heranzielt (das verbum „nissoh" kann auch vom Substantiv „Ness" Wundler kommen!), so wddeirspruchisvoll ist sie gerade vom rationalistischen Standpunkte aus: die Allweisheit Gottes mußte auch ohne diese Forderung wissen, daß Abrahams Treue unerschütterlich sei! Einzig eine uralte kabbaMstische Deutung kommt der Lösung des Problems nahe. Sie leitet „nissoh" von JfNiess"rWainder-ab; das Wunder ist aber stets magischer Natur. In dieser deutenden Darstellung wird mit Recht diarauf hingewiesen, daß es sich durchaus nicht um eine Prüfung Abrahams handeln konnte, nachdem noch kurz vorher (Gen. Kap. 21,-Vers 12) ihm verheißen worden war: „Durch Isaak wird Dir Nachkommenschaft genannt (-gesichert) werden." Hatte aber Abratem döese Zusage noch iirii Erinnerung, was anzunehmen ist, so wäre seine Bereitwilligkeit zur Erfüllung der. göttlichen Forderung nichts weniger als ein Verdienst zu nennen, denn er wußte doch von Anfang an, daß es nicht zur Tötung. Isaaks kommen würde. Jene kabbalistische Auslegung weist darauf hin, daß Gott Abrahams Auswanderung aus seinem Geburtsorte und seinem Heimatlande nicht allein deshalb gefordert hatte, um ihn und seine Nachkommen ins verheißene Land Kanaan zu führen. Es bestand auch für Abrahams Gottesfurcht in seiner heidnischen Heimat keine Gefahr. Der Midrasch erzählt uns sogar, wie dieser Sohn Terachs einmal im heiligem Zorn die Götzenbilder seines Vaters zerschlagen hatte. DieseT Beweis reiner Gotteserkenntnis—so deutet es die Kabbalah — war dem Schöpfer durchaus nicht wohlgefällig. Gott sah seinen Knecht Abraham auf dem verkehrten Wege zum- Glauben: der prüfende Menschenverstand hatte über die Bedeutung des einzigem, unsichtbaren), allmächtigen! Gottes entsdhdiedteinL In dem Götzenkult des Vaters steckte immerhin noch stärkste magische Kraft, Terach erlebte die Vielheit seiner Götter als einheitliches Ganzes in seiner Seele, die wägende Vernunft war aus ihr verbannt, der hingebende Glaube füllte säe restlos aus. Der Sohn Abraham aber hatte jenen schmalen, gefährlichen Pfad betreten, gegen den später die Propheten Israels wetterten und auf welchem doch die nachbiblische Juderrheit bis heute wandelt, weil sie keinen besseren hat: Gott zu suchen und zu finden vornehmlich durch die Vernunft.. Dieser Gott aber wollte, daß Abraham ihn weniger begreife als empfinde. Der Mensen soll in der :Seele erfahren, wie göttliche Wesenheit so grundverschieden von der irdischen ist, wie wenig ihr all die Attribute entsprechen', .die wir auch in höchster Potenz ihr zusprechen könnten. Und um Abraham, im innersten Wesen erfühlen zu lassen, daß die Zertrümmerung vernunftwidriger Idole an sich noch nicht Gottesverehrung ist, deshalb begehrte der Allmächtige die Opferung des leiblichen Sohnes-, eines Wesens also, das nicht nur mit dem Herzen geliebt, sondern auch vom Verstände bejaht wird. Abraham hatte die Form zerschlagen, weil er seinen Gott von der Vernunft her glaubte; Gott aber wollte mit der Sohnesopferung die Form vernichten, die Abrahams frommen Willen noch allzu sehr ans Wissen band. Der Gott, den der Mensch in sich weiß, ist niemals derselbe wie jener, den ein tiefer magischer Zwang ihn in sich erleben läßt, denn: die Sinnhaftigkeit unseres Denkens und Handelns kann die Sinnlosigkeit göttlichen Wirkens und Wollen« sein — und umgekehrt. In dem-Augenblick, als die magische Flamme in der Seele Abrahams gezündet hatte, war der göttlichen Forderung Genüge getan: es bedurfte nicht mehr der vernichtenden Tat, denn sie ist nur für den Menschen als Beweis und Ausdrucksmittel der Empfindung notwendig. Nicht eine Prüfung war Gottes Verlangen an Abraham, sondern eine magische Läuterung. Es hat in der nachbiblischen Zeit nicht an bedeutenden Menschen gefehlt, die das magische Element der jüdischen Religion in sich empfunden hatten und es wieder stärker zur Geltung bringen wollten. Wenn Maimonides im „More Nebuchim" eine Definition der Wesenheit Gottes in der Weise zu geben versucht, daß er statt positiver Attribute negative setzt — wie z. B. „Gott ist nicht böse", „Gott ist nicht unbarmherzig", „Gott ist nicht ungerecht" —. so liegt hierin bereits eine Wendung vom Rationalen zum Irrationalen. Noch stärker zeigt sich diese Erscheinung in der Blütezeit. der Kabbalah während des Mittelalters, die letzten Reste eines magisch durchglühten Judentums finden wir im Chassidismus. Nicht unbegründet sind darum gewisse Gegenwartsströmungen in der Richtung zum Mystisch-Magischen unserer Religion: die Ratio des religiösen, aber doch stets vernunftgläubigen Juden ist entwurzelt worden, die Logik versagt die Deutung unseres Judenschicksals — heute wie einst. Alles, w.as bleibt, wenn wir uns ehrlich lösen wollen vom Schwall geistreicher Worte und Reden, die nichtigen Aufputzversuche uralter Weisheiten in modern schillernden Gewändern unterlassen —, ist der erbarmungslose Ruf an Israeli, die Seele einzuschalten statt des zergrübelnden Sinnens und Denkens. Es gilt nicht mehr, unser Geschick in diesem oder jenem Sinne zu begreifen, sondern es zu empfinden! Wie einst Abraham nicht fragte und klagte, als er das Liebste hinopfern sollte, so dürfen auch wir nicht mit Fragen und Klagen göttliches Geschehen bestürmen. Es liegt kein anderer Sinn in Ahasvers symbolischer Gestalt, als uns die Tatsache zu zeigen, daß stets noch Resignation die jüdische See^e vor den unverständlichen Hammerschlägen des Schicksals ergriff. Auch beim Frömmsten der Frommen ist Ergebenheit, Hingegebensein an den Glauben noch unbewußte Resignation. Resignation aber ist das Achselzucken der Vernunft. Der magische Ruf Jesajahs ist ein Befehl am die jüdische Seele, der noch nicht erfüllt ist: „Denn meine Gedanken sind nicht Eure —, Eure Wege nicht die meinen...!" j. H e i m a n n (F r a n k f u r t a. M.)