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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-09-15 · 18 (15.9.1935) · p. Seite 381

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
18 (15.9.1935)
Date
1935-09-15
Page
Seite 381 (sequence 1)
Language
German
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Jfcadrtifdjc (BcmcmÖcjcitung ftaigtUtyttnfclattfc^ unö 6t$ Utecfamtitä ^ayecif^et Ijta^ttifi^et <B*meinÖen Erscheint am l.u. 15. Jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München, Pünganserstr. 64, Tel. 73664 u. 73665. Postscheck München 3987, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XI. Jahrgang München, 15. September 1935 Nummer 18 Inhalt: Eine Betrachtung zu dlem, Kapitel über dlie „Opferung Isaaks" — Relia (AuireMa) Hörngsmainm: — Aus der Gemeinde Münoben — Aus dem Veinbantdte — Aus dem Rieiiche — Jüdischer Totr.ni- und Sportverein — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereiins für Bayern — Jüd. Kulturbund in Bayern — Bücherscha-u — Amtlicher Anzeiger: Bekanratmachiünigen 4er Israel. Kuitusgemieiinde München: iBebanntrniaichiuüig über Glückwuinsichablösumg 1935 — PersonaEa Eine Betrachtung zu dem Kapitel über die „Opferung Isaaks11 Das magische und das rationalistische Element im jüdischen Weltbild Anläßlich des Neu3 ahr-Festes 569 6 (2 8. und 29. September 1935) Die Akeda („Die Opferung Isaaks"), als Erzählungsstück der Bibel eines der ganz großen erhabenen, in der epischen Feingliedrigkeit unerreichten Erzeugnisse der Weltliteratur - ist auch als Motiv des jüdischen Gebetes, besonders an den hohen Feiertagen, an Roschhaschana und Jom-Kippur von unvergänglicher Majestät. Die Opferwi'lligkeit des Vaters und die Bereitschaft des Sohnes wurden schon nach ältester Vorstellung als Verdienst des gesamten Volkes Israel angesehen. Die Rolle der Akeda in. der synagogalen Poesie, besonders bei der Behandlung der zweiten Benediktion des Achtzehngebetes in den Kerobot, ferner in den Selächot, in den poetischen Bußgebeten, ist zu allgemein bekannt, als daß an dieser Stelle die liturgischen und literarhistorischen Einzelneitem wiederholt werden müßten. Dagegen ist eine kabbalistische Auslegung idles eigentümlichien; bäibfeahen Vorganges einer „Prüfung" Abrahams durch Gott den meisten - so neu, daß davon hier 'anläßlich des bevorstehenden Rosch-haschana-Festes die Rede sein soll. Red. Die Sprache, das Wort, obwohl nicht ahne magische Kraft, gehört zu sehr der rationalem Sphäre an, um mit der ihnen eigenen Darstellungsweise in die Tiefe des „Magischen" eindringen zu können. Das innerste und eigentliche Wesen des Magischen ist der vollkommene Gegensatz zum Intellekt und fordert von uns Aufgabe unseres wachbewüßten Verstandes und damit ein Sieh-verlieren-köranen an die unmittelbare Schau des Lebens. Die Wissenschaft handhabt den Verstand gleichsam als geistiges Greifwerkzeug und .kann so all das weitergeben durch Raum und Zeit, was sie be-griffen hat. Wissenschaft ist daher im Abstraktem stets „An-schauung" der Dinge das Magische ist mehr und anderes, es ist Innenvschau, ist Er-innerung an die'Totalität: der lebendigen Natur, stärkstes Gefühl der Verbundenheit eignen Lebens mit allem Geschaffenen und Schöpferischen zugleich. Nachdem das magische Zeitalter bereits im geschichtlichen Altertum — etwa seit, dem Aufkommen der .platonischen Philosophie — zu Ende ging, hat auch das Weltbild des Meav sehen sich vom magischen zum rationalistischen gewandelt. Die verschiedenen philosophischen Systeme, die seit Piaton einander ablösen, haben das rationalistische Fundament gemeinsam. Nur selten klingt ein magischer Ton in den Wunderwerken menschlichen Denkens an. Erst in allerjümgster Zeit wagen es bedeutende Philosophen, der geheiligten! abstrakten Vernunft zu mißtrauen, die ganz Kühnen drängen, sie sogar in den Hintergrund, wenn es gilt, die Seele und ihr Wirken als bedeutsam, schöpferisch und gestaltend im Leben des Einzelmenschen wie der Völker nachzuweisen. Die Erschütterungen und Veränderungen so vieler Werte und Anschauungen durch die Kriegs- und Nachkriegszeit haben auch .vor den abstrakten Wissenschaften nicht Halt gemacht. Vor ihnen am allerwenigsten, weil die exakten Forschungen der Gegenwart manche Bresche in althergebrachte Auffassungen schlugen. Am stärksten wurde wohl der religiöse Wert im Menschen erschüttert; das Gerüst fast aller Glaubensformen schwankt bedenklich. Keine Religion — die jüdische nicht ausgenommen — hatte ihre Bekenner ethisch und seelisch so vertiefen können, daß die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Weltordnungen von wahrhaft edler Gesinnung und sittlich bewußter Tat verklärt und umgestaltet worden wären. Die christlichen Völker können es aber immer noch leichter wagen, Inhalt und Form ihres Glaubens entweder umzugestalten, oder selbst ganz oder teilweise aufzugeben: sie haben lebenswichtige und lebenerhaltende andere Werte, sie haben ein Land und sind in diesem Land eine geschlossene Einheit. Sie besitzen .eine. Kultur eigener nationaler Prägung. Wir Juden besitzen all das nicht mehr und haben seit zwei Jahrtausenden am Werden und Wachsen der verschiedenen Kulturen gewiß nicht, in so starkem Maße mitgewirkt, als unsere Wesensart vielmehr dadurch verändert und umgeformt wurde. Einzig das jüdische Glaubensgut hielt sich im Auf und Ab der Umweltkulturen». Es hielt sich nicht zuletzt deshalb, weil seine mystisch-magische Wurzel aus fremdem Grund und Boden keine Nahrung ziehen konnte, auch nicht durfte. Nachdem die eigene Scholle verloren war, hatte die Religion der Väter kein Erdreich mehr, der den Nährboden magischer Kraft bieten konnte, um den Glaubens-Inhalt immer neu in der Seele des jüdischen Menschen zu befestigen. Da das religiöse Erbgut dem'Juden, aber immerhin zu heilig und zu wertvoll war, als daß er es — wie etwa ändere Güter — gegen fremdes hätte eintauschen können.

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