Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-09-01 · 17 (1.9.1935) · p. Seite 364

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
17 (1.9.1935)
Date
1935-09-01
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2727810-2728025-2728042--10221-2743544
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

364 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 rechtliche und theologische Einreihung der Juden in den christlichen Ländern länger als ein Jahrtausend bestimmt hat, zu skizzieren. Die literarische Form des Prologs ist nur aus dem damaligen Gerichtsverfahren verständlich und harrt bis heute einer erschöpf enden Analyse und Erklärung, wozu nur ein Spezialkenner der Geschichte des römischen Zivilprozeßrechtes bis Justinian imstande wäre. Pflaum ist nach 20 Jahren nicht über Juster hinausgekommen und spricht vor dem „stellenweisen dunklen und auch syntaktisch verderbten" Wortlaut des Prologs, der „durch die Mischung zivil- und staatsrechtlicher Floskeln mit theologischer Ideologie" charakterisiert sei. Der Prolog enthält die kurze Beschreibung des Streitgegenstands in dem fiktiven Erbschaftsprozeß vor den Zensoren. Es handelt sich um den Erbstreit zweier Frauen (matronae, matres familiae); die ältere, die Synagoge, eine reiche Witwe, wegen Ehebruchs enterbt, habe das Erbe der jüngeren, der Kirche, unrechtmäßig in Besitz. Lege agatur, quia de possesione contentio est. Das Protokoll des Prozesses ist der Inhalt des Dialoges. Die Rechtfertigung der Synagoge ist hoheitsvoll und stolz: sie habe über Könige und Völker in Purpur geherrscht, während die Gegnerin wie eine Bäuerin mit den Heiden in den Wäldern und auf den Bergen das Vieh hütete. Die Kirche erwidert: das war einmal, jetzt bin ich die Herrscherin und Braut Gottes, du bist die Magd und Ehebrecherin. Staat, Heer, der Kaiser seien, jetzt christlich geworden, durch die Sünden der Synagoge (das goldene Kalb, die Kreuzigung) schmachte die Judenschaft unter demütigenden Ausnahme- Verordnungen der Kaiser. Nach Erörterung der messianischen Prophezeiungen muß zum Schluß die Synagoge zugeben, daß Jesus der verheißene Messias war; heute stehe sie verwitwet und kinderlos da, zur Strafe dafür, daß sie die Boten Christi wie früher die Propheten ermordet habe. Gegen diesen Angriff lehnt sich die Synagoge zwar leidenschaftlich auf; aber die Kirche beweist ihr aus der heiligen Schrift die Begründetheit der Anklage. Die Synagoge bricht zusammen und beklagt ihre Verblendung; die Kirche triumphiert, der Kontrast der Verzweifelnden und der Jubelnden bildet den Abschluß. Die Sentenz der Zensoren, also das Gerichtsurteil selbst als Abschluß des Prozesses, fehlt in dem Dialog. Das Streitmotiv kehrt in allen Variationen in den Mysterien und Passionsspielen, in der provenzalischen. niederländischen, italienischen, 'besonders in der deutschen Dramatik des Mittelalters, in zahlreichen Christ- und Kreuzaurführungen der christlich-mittelalterlichen Wetl wieder. Der Streit der beiden Herrscherinnen Wird schließlich zu Stein; in den Skulpturen „Synagoge" und „Ekklesia" vor den großen mittelalterlichen Domen. Aus dem Psalmvers (69, 24): „Ihre Augen mögen sich verdunkeln,, daß säe nicht sehen; und beuge ihren Rücken für immer!" leitet das Christentum (Römerbrief 11, 10) die Stellung des Jüdem im christlichen Gesellschaftsaufbau ab. „Das versteinerte Israel ist von den Propheten geweissagt" (Peterson, Die Kirche aus Juden und Heiden; Salzburg 1933, S. 56). Der Volksglauben vergegenwärtigt sich diese theologische Konstruktion in den.populären Christus- und Fronleichnamspielea Man muß das Synagoga-Motiv in einigen Typen der mittelalterlichen Dramatik auf sich wirken lassen, um den Überschwaaiig und die sinnfällige EindringücbkeiLt der mittelalterlichen Vorstellungen über das wahre Gesicht des verräterischen Juden ganz kennein zu lernen. Nehmen wir aus der Fülle der Schauspiele das „Donaueschinger Passions spiel": Die Synagoga-Szene spielt sich darin unter dem .Kreuz ab, an dem Christus hängt. Um dem Kulmi- Eine gute Druckerei ist <eine Einrichtung, die jedem Geschäftsmann Vorteil bringt. Denn gute, •geschmackvolle, zweckentsprechende Arbeit liilft sparen Eine wohlangelegte Drucksache nützt der Werbung ebenso wie überhaupt dem guten Ruf .und Ansehen eines Geschäftes und darum leistet sie .noch mehr, sie liilft verdienen. Sie wenden gut beidient, wenn Sie sich vertrauensvoll wenden an,1; Ihren Dr. HELLER BÜCHDRUCKEREI B. HELLER, PLINGÄNSERSTRÄSSE 64 nationspumkt des Christus-Dramas dramatische Bewegung zu geben, wird die Idee durchgeführt, daß die auftretende Kirche — Ghristiana — Sorge umd Zweifel kundgibt, wer da wohl am Kreuze hänge. Sie' „luogt ob sich und umb sich" und fragt: Was wunders ist hiut hie begangen. oder wer ist der, so hie tuot hangen so elentlich in grosser not und lidet so ein schlantliohen tod? Ist es ein übeltättiger man. oder hat man im recht oder unrecht getan, dass er so grosse pin muos laden? Möcht man nit sin tod vermiden? Als „Ghristiana" Jesus erkennt, ruft sie sofort zur Rache gegen seine Mörder, die Juden, auf. „In dem kümpt Judea, ein' andry kungin" und verweist der Kirche zornig ihr „geschrey", sie rechtfertigt das Verhalten der Juden gegen den Verräter des Glaubens: ... wann der so hanget an dissem holtz, der macht' sich selb so gross und stoltz . und sprach, er were Gottes sun; er nam sich an, grosser zeichen ze tun... Die Kirche erwidert, indem sie noch heftiger die Zuschauer zur Rache anruft und Pfui und ewigen Fluch über die Juden ausschüttet. Nach der Kreuzabnahme kommt Christiana von neuem, „luogt hin uff und spricht mit luter stim": War bistu komen, heiiger prophet, dien, die Juden band getöt mit (ihrem falschen kouf und rat...? Wieder werden die Klagen der Kirche und ihre Drohungen durch „Judea" unterbrochen, die fortfährt, Christus und die Kiche zu beschimpfen. Ihrem Hohn begegnet Christiana mit einer langen Rede: in etwa 70 Versen wird von Adam und Eva an die ganze Heilsgeschichte erzählt; der Sündenfall könne nur durch Christi Tod gesühnt werden; und daran schließt nun der traditionelle mimische Vorgang an: Zum zeichen, daz ir all sind blind und daz ir band ein valschen glouben. so tuond ich dir verbinden die äugen und brich dir din baner ouch enzwey. „Hie mit verbindet die cristenen kunigin der jüdischen die Ougen und zerbricht ir das ban&ier; den gand sy enweg und facht Cayphas an und spricht..." Noch drastischer führt das Künzelsauer Fronleichnamspiel aus dem Jahre 1479 die Juden durch eine „Judenschule" mit kauderwelschen „hebräischen" Sprücheini ein. Bemerkenswert ist hier der Schluß der sehr ausführlichen Diskussion zwischen Kirche und Synagoge, die ungebeugt und nicht überwunden abbricht: Ruscha nitzscha sore lira lysa omessias. Das dir unser bucher sein so kunt, das clagen meora vetter zu aller stunt. Doch bringstu mich in deinen glawbem nicht. Was ymmer mir darumb geschieht. Joseph, Abraham, Jacob, Ysaack und Feyffelman Wissen wol, das ich war und recht han. Ich wil mich Mber brennen lan, Dan ich dir beystan In her Abrahams gartten Will ich meiner gesellen wartten. Keine Geschichte über Juden im Mittelalter, nicht die zahllosen Einzelereignisse noch deren zuatnmenhängende Deutung kann so eindrucksvoll die jüdische Situation in diesen langen Jahrhunderten verstehen lehren wie der allegorische Streit zwischen Synagoge und Kirche in der europäischen Dichtung des Mittelalters und wie die nach Motiven aus dieser Dichtung errichteten Steindenkmäler „Ekklesia" und „Synagoge" der mittelalterlichen Kirchen. In der Gestalt des „Judas" und der „Synagoge" verkörpert sich die Verfemung eines Volkes. Diese Bilderwelt wirkt bis heute nach in der Geneigtheit der Massen der modernen Welt, „den Juden" Verrat und Habsucht zuzutrauen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.