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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-09-01 · 17 (1.9.1935) · p. Seite 363

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
17 (1.9.1935)
Date
1935-09-01
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 363 Zur Geschichte der Juden im Miffelalfer Der allegorische Streit zwischen Synagoge und Kirche. H. Pflaum, Die religiöse Disputation in -der europäischen Dichtung des Mittelalters. Erste Studie: Der allegorische Streit zwischen Synagoge und Kirche. Lex.-8°. 100 Seiten mit 8 Abbildungen. Preis 50 Lire. Leo S. Olschki, Editore, Firenze 1935. — Der neuerdings wieder viel erörterte Vorschlag, die Meisterwerke der „Ekklesia" und „Synagoge" am Westportal des Bamberger Doms durch verläßliche Kopien zu ersetzen und die Originale im Inneren des Domes vor der drohenden Zerstörung zu schützen, rückt das Thema wieder in den Vordergrund. Die christliche Vorstellung, daß durch die Menschwerdung des verheißenen Messias die Herrschaft des alten durch Moses offenbarten Gesetzes gebrochen und die Christenheit das wahre Israel geworden sei, schafft das Alte Testament als göttliche Urkunde nicht ab. Im Gegenteil: der christliche Glaube sieht in der. Bibel des jüdischen Volkes bei richtiger Auslegung das gesamte Neue Testament, im besonderen das Leben Christi vorgebildet und unsichtbar eingezeichnet. Alle Ereignisse, Vorschriften, Gestalten des Alten Bundes deuten nach dieser Vorstellung in geheimnisvoller Weise auf die Begebenheiten des Neuen. Die bildende Kunst des Mittelalters ist stofflich nur bei der genauesten christlich-theologischen Kenntnis dieser „Typologie", des Systems der im Alten Testament angelegten „Vorbilder" für die Gedanken und Gestalten der Evangelien, zugänglich. Das Aufstellen und das scharfsinnige Auffinden dieser Parallelen war ein Hauptbestandteil der mittelalterlichen christlichen Wissenschaft. Beispielsweise ist die Bilderreihe in dem Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle noch keineswegs durch Aufzeigen des Themas: Weltschöpfung —■ Sünde — Erlösungshoffnung und mit der stofflichen Erklärung der Hauptbilder (Propheten und Sibyllen als der Vorfahren Christi) genügend interpretiert. Die jüdischen Szenen der vier Eckbilder etwa sind inhaltlich ohne weiteres verständlich: Moses richtet die eherne Schlange auf, Esther klagt Haman an, David besiegt Goliath, Judith schlägt Holofernes den Kopf ab. Die Fresken stellen dar, wie Gott Israel auch in den gefahrvollsten Zeiten beisteht. Aber es geht um mehr als diese erbauliche Nutzanwendung oder um biblische Geschichte. Michelangelo hat , nicht wie ein Künstler des 19. Jahrhunderts sein Thema nach freien persönlichen ästhetischen Stimmungen oder Schönheitsidealen gewählt und durchgeführt. Vielmehr waltet eine streng vorgeschriebene, christlich-theologisch festgelegte Idee in den kirchlichen Gemälden: Die ragende Bronzeschlange deutet auf Christus am Kreuz, David erlegt den Feind des Geistes mit einem Stein und dieser Stein ist wieder Christus. In Judith und Esther wird die Gestalt der Maria schon durch den alten Bund vorgestellt. In der Personifikation des alten und neuen Bundes, der Synagoge und Kirche, stellte man das große heilsgeschichtliche Ereignis der Ablösung des Judentums durch das Christentum dar. Ein Blick auf die Ausschmückung der mittelalterlichen Kirchen und Geräte zeigt viele Jahrhunderte hindurch Ekklesia und Synagoge als zwei Frauengestalten, häufig zu beiden Seiten des Gekreuzigten, die Kirche als jugendliche Königin, reich und festlich gekleidet als Braut des Erlösers, in der einen Hand die Siegesfahne, mit-der Christus Tod und Teufel überwunden hat, in der anderen Hand den Kelch, das Blut Christi auffangend, — ihr gegenüber die Synagoge, die entthronte Königin, der die Abzeichen ihrer Würde entfallen und die sich wankenden. Schrittes aus dem Bereich des Kreuzes entfernt. In der Form des geistlichen Schauspiels hat man vom frühen Mittelalter an, Jahrhunderte hindurch, das Bild von der Verstoßung des einst erwählten, jetzt verblendeten und verstockten Volkes und die Inthronisierung der Kirche an seiner Stelle lebendig erhalten. Die berühmten mittelalterlichen Skulpturen, besonders an und in den 'französischen und deutschen Domen, übernahmen einfach und unbefangen eine jedermann geläufige Vorstellungswelt aus der Liturgie, aus dem Gottesdienst, der Predigt und aus den damit eng zusammenhängenden Mysterien- Spielen. Es ist erstaunlich, welche räumliche Ausbreitung über alle Länder der mittelalterlichen abendländischen Kirche das religiöse Streitgespräch zwischen Jud und Christ in Schrift und Stein erfahren hat. Im frühen Mittelalter bis zur Renaissance war es das Motiv der streitenden Königinnen „Synagoga" und „Ecclesia", daß auf eine hohe, getragene, feierlioh-ernste Art die Auseinandersetzung des Christentums mit dem Judentum als Melodie begleitete; im Spätmittelalter nahm dann diese Auseinandersetzung rohere, häßlichere Formen an. Vom 5. bis zum 15. Jahrhundert blieb auch dem Bild der Synagoge die hoheitsvolle Würde des mit Achtung behandelten Gegners gewahrt; nicht selten ist die Synagoge im Schrifttum und in der bildenden Kunst des Mittelalters mit Zügen einer eigentümlichen schmerzlichen Schönheit ausgestattet, die in einem merkwürdigen Kontrast steht zu der Fratze und Judasgestalt, in der man den lebenden Juden der Umwelt sieht und abbildet Die neueste Studie von Pflaum über den allegorischen Streit von Kirche und Synagoge in der europäischen Dichtung des Mittelalters macht besonders auf diesen schneidenden Gegensatz aufmerksam: „Ein Jude, den Mund gierig ans Sau-Euter gepreßt, auf einem Kapital im Dom zu Magdeburg (13. Jahrhundert) und dagegen (aus dem gleichen Jahrhundert) Synagoga, sanft geneigt, von. schlankem, ebenmäßigem Wuchs, höfisch und anmutsvoll vom schönen Scheitel bis zu den untersten feinen Gewandfalten, am Südportal des Straßburger Münsters." Den gleichen Kontrast weisen die literarischen Denkmäler auf. Pflaum führt diesen Widerspruch auf das mittelalterliche Denken und Fühlen der Christen zurück: Die christliche Erlösungsidee, von der dieses Weltbild überschattet war, ließ Haß gegen die Christus-Mörder und eine schwärmerische Auffassung der „Lex vetus" nebeneinander bestehen und in Wechselwirkung treten. Das Wichtige und Aktuelle in dem heute wieder erwachenden Streit um den „Antisemitismus im Mittelalter", den weder Graetz noch Dubnow richtig gesehen haben, ist, daß jener eben beschriebene Schwebezustand zwischen Abscheu und Romantik um das „Volk Israel", wie Pflaum exakt nachweist, das Mittelalter überlebt hat und bis heute — vor allem auch außerhalb Deutschlands — deutlich erhalten bleibt. Die Ehrfurcht, die Schwärmerei vor dem „Alten Bund", seinen großen Gestalten, der Heiligen Schrift, dem alten Volk der Juden bis Christus und auf der anderen Seite die unsagbare, über Jahrhunderte dauernde und alle Länder des Abendlandes überziehende Schmähung und Mißhandlung ihrer Erben, die dem Judentum die Treue 'hielten! Die Unlogik alles historischen Geschehens scheint hier auf die Spitze getrieben. Das literar- und kunstgeschichtliche Problem des Streites zwischen Synagoge und Kirche, von Paul Weber schon 1894 in einer klassischen Arbeit behandelt, führt in die Tiefen des so widerspruchsvollen Freund-Feind-Verhältnisses zwischen Christen und Juden im Mittelalter bis zu unserer Zeit. Die abschließende vergleichende literarhistorische Untersuchung über die allegorischen Personifikationen von Judentum und Christentum, also des „Synagoga—Ecclesia"-Motivs bietet Pflaum. Er geht seinem Ursprung nach und findet ihn in einer verlorenen griechischen Schrift des 5. Jahrhunderts, deren lateinische, ursprünglich Augustin zugeschriebene Übersetzung das Motiv dem Abendland vermittelt. Der bekannte pseudo-augustinische Dialog zwischen Kirche und Synagoge, der noch in Mignes Patrologie unter dem Titel „De alteroatione Ecclesiae et Synagogae" unter den Werken Augustins steht, ist schon 1914 in dem Werk von Jean Juster ,.Les Juifs dans l'Empire Romain" auf.Grund der zeitgeschichtlichen Anspielungen darin einleuchtend in die Zeit zwischen der dritten Novelle des Theodosdus und dem Auftreten Odoakers. also zwischen 438 und 476 eingeordnet und näher beleuchtet worden. Es lohnt sich, die Grundlinien des Gesprächs, des Textbuchs, das die Volksauffassung, aber vor allem die.

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