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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-08-15 · 16 (15.8.1935) · p. Seite 350

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
16 (15.8.1935)
Date
1935-08-15
Page
Seite 350 (sequence 6)
Language
German
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350 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 6 Unser Saison-Schluß-Verkauf vom lO. mit 24. August bietet auch Ihnen enorme Vorteile! KOSEHFELDER Das Fachgeschäft für gute Herrenkleidung seit 18?8 Bayerstr. 5 allem eine erzieherische. Es galt der Generation, die das Ghetto verlassen hatte, den Weg zur europäischen Bildung und Zivilisation zu erschließen. Man glaubte, das nicht besser tun zu können, als daß man „eine gänzliche Umarbeitung der bis jetzt, unter den. Juden bestandenen eigentümlichen Bildung und Lebensbestimmung" forderte, wie es in dem Programm heißt. Diese Wissenschaftlichkeit indes, darüber wurde man sich nicht klar, die noch dazu unter dem Zeichen des abstrakten Hegel stand, konnte den praktischen Bedürfnissen der ^Zeit kein Genüge tun. Immerhin Heine war glücklich, hier eine Möglichkeit zu finden, für sein Volk zu wirken, und trat dem Verein bei, wurde sein Schriftführer und hielt, zahlreiche Unterrichtskurse ab, von denen bezeichnenderweise seine Vorträge Über deutsches Altertum den größter Eindruck auf seine Zuhörer gemacht haben. Aber das hieß, das Haus vom Dach her aufbauen, es fehlten die organischen Mittelglieder, man verlor das Alte, man entfremdete sich der durch Jahrhunderte gewohnten Lebens- und Anschauungsweise, und die neuen Begriffe und Vorstellungen standen im leeren Raum. Dieser Verlorenheit bot sich nur noch ein blasser Deismus dar, der folgerichtig den Übertritt zum Christentum nicht mehr schwer machte, ja, ihn als ultima ratio geradezu empfahl. All die Entwurzelten — und es sind damals nicht wenige gewesen — ließen sich taufen. Unter ihnen waren alle Kinder Moses Mendelssohns, Henriette Herz, Rahel Lewin, Gans und schließlich auch Heine. Heines Übertritt hat noch sein neuester Biograph Max Brod rein aus Utilitaritätsgründen erklärt. Man darf sich aber mit einer so einfachen Erklärung nicht zufrieden geben. Zwar winkte Heine damals die Professur in München, die ihm als Jude verschlossen war. Mag sein, daß dieser Umstand, eine nicht unbeträchtliche Rolle spielte. Eine reine Formalität war es darum doch nicht. Vielmehr glauben wir, daß die Einsicht in die Hoffnungslosigkeit, die jüdische Situation fruchtbar und positiv zu gestalten, die Unmöglichkeit, sich mit seinen jüdischen Zeitgenossen zu identifizieren, von denen ihn nicht zuletzt sein Künstlertum trennte, sein tiefes Einbezogensein in die deutsche Wesenheit und schließlich seine Indifferenz jedej: positiven Religion, jeder Dogmatik gegenüber, ihn zu diesem Schritt bewogen haben. Das sich reformierende Judentum empfand er als Halbheit, und darum stieß es ihn ato. Zu dem strengen traditionsgtreuen Judentum, das keinen Kompromiß duldete, fand er nicht die Kraft, so sehr er innerlich zu ihm ja sagte. Es gelang ihm damals nicht, die Bewegung des Glaubens auszuführen. So fiel er ab, so distanzierte er sich und begann sich seinem eigentlichen Wesen, dessen Schwerpunkt im Dichterischen lag, zuzuwenden. Das Jüdische in ihm harrte der Auferstehung und sollte sich noch einmal großartig entfalten. In der mittleren Periode seines Lebens bis zum Romanzero blieb es in der vergleichsweise beschei- M. SIJ^BEBTllAU & CO. KAUFINGERSTBASSE 10 Das Haus für hü^ich^Geschenhe in Uhren Schmuck Silberwaren denen Rolle des Mitfühlens, des Mitleidens, aber auch der Kritik, die in den Gestalten des Marquese Gumpelino und des Hirsch Hyazinth als den Typus des Assimilationsjuden in der ergötzlichsten Weise verspottete. Beide haben ihre alte Welt verloren und von der neuen nur das Äußerlichste erfaßt. So taumeln sie in tragikomischer Weise hin und 'her und machen sich zum Spott und zum Gelächter. Daneben aber stellt Heine den Vertreter des alten Judentums, wie er es sieht, den kleinen Juden Moses Lump, auch Lümpchen geheißen, dem seine ganze Liebe gehört Gumpelino ist Katholik und liegt vor dei „Prima Donna" auf den Knien, Hirsch Hyazinth gehört dem ..neuen Religionstempel mit orthographischen deutschen Gesängen und gerührten Predigten" an, Lümpchen aber feiert noch nach altem Brauch den Sabbath, „ißt mit Frau und Kind Fische, die gekocht sind in angenehmer weißer Knoblochsauce und singt dabei die prächtigsten Lieder vom König David". „Und ich sage Ihnen, Herr Doktor", so geht es weiter, „die Fische sind delikat -und der Mann ist glücklich, er braucht sich mit keiner Bildung abzuquälen", und „Rothschild der Große" in all seinem Glanz würde ihn noch beneiden". In dem Bilde dieser drei Menschen zeigt Heine sich selbst, seine persönliche, schillernde Stellung zu der jüdischen Situation der Zeit. Nachdem er auf seine Weise sich mit der jüdischen Frage auseinandergesetzt hatte, hat er an diesen Kämpfen nicht mehr teilgenommen. Ja, man kann beobachten, daß er sich absichtlich von ihnen ferngehalten hat. Das hinderte ihn keineswegs, für die Juden von Damaskus, die im Jahre 1840 auf Grund einer falschen Anschuldigung gemartert und eingekerkert wurden, leidenschaftlich Partei gegen die französische Regierung zu ergreifen, die diesen Verfolgungen mit allzu großer Duldsamkeit zugesehen hatte, ohne die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Aber auch in diesem Fall spürt man eine leise Distanz, eine gewisse Neutralität, die in seinen gleichzeitigen Briefen und Gesprächen noch deutlicher wird, als wolle er den Zusammenhang mit dem Judentume eher verwischen als unterstreichen. Man bedenke immerhin, daß seine Frau von seiner jüdischen Herkunft nichts erfahren hat. Dahin gehört auch seine Bemerkung in einem Brief an Moser von dem „nie abzuwaschenden Juden". Dahin gehören aber auch, von der anderen Seite gesehen, nicht seltene Beteuerungen wie: „Ich liebe sogar im Grunde das Deutsche mehr, als alles auf der Welt", ein Gefühl, das in der Vorrede zum „Salon"-dichterischen Ausdruck gefunden hat. Aber wohlgemerkt: Das Judentum als Idee, als Religion wird von dieser Ablehnung nicht berührt. In die Geschichte seines Volkes hat er sich mit bewundernder Liebe immer aufs neue versenkt. Nicht in den Jahren der Gesundheit und in der höchsten.Blüte seines Geistes, in der ersten Pariser Zeit, in der er sich als einen sinnfreudigen Hellenen im Gegensatz zu dem trüben asketischen weltverneinenden Nazarepertum etwa eines Börne hinstellte, in der Zeit, in der er voll Mut und Elan, sprühend von Geist und Witz mit allen Mitteln seiner scharfen Dialektik in der politischen Diskussion seine sonore, weithin vernehmliche, den Zeitgenossen gewichtige Stimme erhob. Alber als sich die Schatten der Dämmerung, über sein Leben zu breiten anfingen, begann jüdischer Gesang aus ihm zu tönen. Da erwachte in ihm wieder das Leben seiner Vorfahren mit allem Stolz und allen Leiden aus uralter Vergangenheit; da fühlte er als jüdischer Sänger sich wieder als ein Glied in der Kette der Geschlechter, da — entstanden die hebräischen Melodien, die Lamentationen, da sah er sich' im Bilde des Lazarus, all dies zusammengefaßt in dem Buche, das er ..Romanzero" genannt hat. Schon im „Atta Troll" atmet die östliche Luft dieser Sammlung in der großen Vision der Herodias, von der der Dichter erzählt, daß sie bei der Stadt Jeruscholayim begraben liege. Ja, am Tage sitz ich weinend Auf dem Schutt der Königsgrüfte, Auf dem Grabe, der Geliebten Bei der Stadt Jeruscholayim. Alte Juden," die vorbeigehn, Glauben dann gewiß, ich traure Ob des Untergangs des Tempels Und der' Stadt Jeruscholayim.

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