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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-08-15 · 16 (15.8.1935) · p. Seite 349

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
16 (15.8.1935)
Date
1935-08-15
Page
Seite 349 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 349 riette Herz, Rahel Lewin, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts geboren wurden. Die erste Etappe der Emanzipation, die mit dem preußischen Edikt über die Gleichberechtigung der Juden vom Jahre 1812 abschließt, fällt erst in Heines Kindheit, so daß Heine mit seinen Altersgenossen Eduard Gans. Leopold Zunz, Moses Moser die dritte Nachghetto-Generation bildet. Börne hat in diesem Zusammenhang kaum einen Platz, da er niemals das Judentum zu seiner eigenen Saohe gemacht hat. Er sah, ähnlich wie später Marx, in 'der Geschichte des Judentums nur einen Auschnitt aus der Leidensgeschichte der Menschheit überhaupt. Überblickt man den Weg dieser drei Generationen, so kann man die Herausbildung eines neuen jüdischen Menschen unzweifelhaft 'feststellen, so sehr diese Entwicklung von außen durch Rückschläge bis tief ins 19. Jahrhundert hinein immer wieder gehemmt wurde. Aber mit der Erweiterung des. Horizontes, mit dem Hineinwachsen in die Umgebung, mit dem Erwerb europäischer Bildung wuchsen die geistigen und seelischen Kräfte, erwachte das Selbstbewußtsein, formte sich der Wille, an den Aufgaben der Gesellschaft mitzuarbeiten. Dafür wurde allerdings der Zusammenhang mit der Tradition, mit dem bis da/hin unver-wandelten Inhalt des jüdischen Lebens aufgelöst. So entstand der Typus des modernen deutschen Juden mit allen Licht- und Schattenseiten, die wir an ihm kennen. In dieser Entwicklungsreihe nimmt nun Heine insofern einen besonderen Platz ein, als ihm eigentlich alles das zufiel, was seine Zeitgenossen sich mühsam erwerben mußten. Während noch Börne unter den Demütigungen des Frankfurter Ghettos aufwuchs und im Sinne strenger Orthodoxie erzogen wurde, gab es in Düsseldorf, wo Heine zur Welt kam, überhaupt kein Ghetto. Die wenigen dort ansässigen Judenfamilien konnten wohnen, wo es ihnen behagte. Hinzu kam seine Abstammung mütterlicherseits aus der ebenso wohlhabenden wie vornehmen Familie dejGeldern. Schon sein Ururgroßvater Josef Jacob de-Geld_ern war Kammeragent 'des Herzogs Johann Wilhelm und „Obervorgänger" der Jülich-Cleveschen Judenschaft. Er begründete die erste Synagoge in Düsseldorf. Der Großvater Gottschalk de-Geldern war ein berühmter Arzt, sein Sohn, Bruder von Heines Mutter, dasselbe. Er wurde zum Hofrat ernannt. Von Gustav Karpeles wissen wir auch, daß Heines Familie väterlicherseits bis zum Urgroßvater in Hannover bekannt war und zu den ältesten der Gemeinde gehörte. Diese Zugehörigkeit zu einer alteingesessenen Familie, die nicht nur bei Juden, sondern auch bei Christen wohlangesehen war, dazu die Freiheit, die die rheinischen Juden unter dem Einfluß der französischen Revolution mit ihrer. Verkündigung der Menschenrechte genossen, gaben Heine von früh auf jene Freiheit und Sicherheit des Auftretens, jenes Gefühl des Verwurzeltseins im deutschen, niederrheinischen Boden, das ihn vor allen den Minderwertigkeitsgefühlen schützte, die den eben erst befreiten Zeitgenossen eine noch schwankende Position gaben. Sie gab aber auch Heine das Recht, von sich zu sagen: Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt; im deutschen Land, Nennt man die besten Namen, Wird auch der meine genannt. Man darf vielleicht hinzufügen, daß ein gut Teil von Heines jüdischem Bewußtsein aus der Opposition gegen die Unterdrückung sich nährte, daß von hier seine Liebe und Anhänglichkeit zu dem Märtyrervolk, herrührt. Denn in den Jugenderinnerungen (schon Heinrich Laube ist das aufgefallen), im „Buch Le Grand", das Heine als junger Mensch schrieb, und in den „Memoiren", an denen er bis zum Tode arbeitete, und die allerdings von seinem unwürdigen Bruder verstümmelt wurden, spielte das Jüdische Tceine Rolle. Die Rintelsohnsche Talmudschule, die das Kind besuchte, wird als solche nirgends gekennzeichnet, kein Wort über das-jüdische Rituale, von dem wir wissen, daß es in seinem Elternhaus beobachtet wurde! Die jüdische Problematik in der Beziehung zur Umwelt taucht an keiner Stelle auf. So stark reicht die deutsche, die katholische Welt in dieses Kindheitsleben hinein, so stark ist es von ihr gefärbt und geformt, daß das spezifisch Jüdische daneben keinen Raum hat. Die Mutter spielte ernsthaft mit dem Gedanken einer katholischen Priesterlaufbahn für ihren Ältesten. So gab sie ihn in die Dominikanerschule und später in das Lyceum, wo der Unterricht von katholischen Geistlichen erteilt wurde. Früh also tat sich für Heine die humanistische Bildungswelt auf, deutsche, französische Literatur, Sprache und Philosophie. Man kann diese Jugendeindrücke nicht hoch genug einschätzen. Das deutsche katholische Mittelalter, Reformation, Humanismus, Volksdichtung, waren die HauptQuellen, aus denen seine dichterische Phantasie sich nährte. Der deutschen Romantik ist er lebenslang'verbunden geblieben, deren letzter Sänger er nach seiner eigenen Aussage geworden ist. Mustert man weiter die Bildungsstorfe, aus denensich die dichterische Persönlichkeit Heines aufbaute, so steht das Erlebnis der französischen Revolution voran, als deren Exponent ihm Napoleon erschien, den er als den Befreier des Volkes und des Individuums, als den weltlichen Heiland vergottet hat. Seine ganze politische Wirksamkeit nimmt von hier ihren Ausgang. Aber wenn auch Heines Kindheit und frühe Jugend sich diesseits der jüdischen Welt abspielte, es dauerte nicht lange, daß sie auch ihn bedrängte und ihn zwang, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Mit fünfzehn Jahren nahm ihn der Vater nach Frankfurt mit. um ihn dort als Lehrling in. einem Bankgeschäft unterzubringen. Der Besuch des Ghettos schließt ihm eine neue Welt auf .und macht auf ihn einen so starken Eindruck, daß er ihn sein Leben lang nicht losgeworden ist. Das zweite Kapitel des „Rabbi von Bacherach" ist davon Zeuge, aber noch in der viel späteren Schrift über Börne, den er damals zum erstenmal sah, geistert dieses Erlebnis nach. Der Anblick des Frankfurter Ghettos muß damals auch nach Goethes Zeugnis „erschreckend" gewesen sein. Und die Sensibilität des jungen Dichters erzitterte angesichts des schmachvollen, bejammernswerten Zustandes, in dem er seine Glaubensgenossen antraf. „Wie schlecht behütet" fand er Israel, wie es im Rabbi von Bacherach heißt, „dessen Tore falsche Freunde schützen von außen und dessen Hüter drinnen Narrheit und. Furcht sind". Nur kurze Zeit blieb Heine in Frankfurt. Aber es genügte, um das jüdische Element in ihm zu entfachen. Seine Lebensäußerungen, seine Produktivität als Dichter und Schriftsteller, seine Arbeit als politischer Kämpfer, als philosophischer und historischer Denker sind von diesem Urerlebnis bald stärker, bald schwächer getönt. Dabei wurde er von Zustimmung und Widerspruch, von Zuneigung und Ablehnung hin und her geworfen. Wie überhaupt keine einheitliche Linie in seiner Beziehung zum Judentum auffindbar ist. Er fand die Idee des Judentums, seine erhabene Religion, seine heiligen Schriften, seine glorreiche Geschichte in allzu großem Widerspruch mit seiner sozialen Erscheinungsweise in der Gegenwart, ohne sich rational den Gründen dieses Zustandes zu verschließen. So finden wir ihn in dieser Frühzeit seines Lebens noch völlig ratlos und hilflos, einen brauchbaren Standpunkt einzunehmen. Wie sehr verletzte ihn das Gebahren jener Krämersippschaft, die er im Hause seines Onkels kennen lernte, aber wie brannte sein Herz, als er Zeuge der Judenverfolgung in Hamburg im Jahre 1819 werden mußte. Im selben Jahre wurde von Eduard Gans, Leopold Zunz und Moses Moser der „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" begründet. Die Aufgabe dieses Vereins war vor E. & O. MERZBACHER Ritter von Epp-Platz 6 Hotel Bayerischer Hof Saisonschluf^Verkauf Blusen / Kleider / Mäntel / Komplets a u ch für s t ä r k e r e Damen . .! - ■

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