Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 16 (15.8.1935)
- Date
- 1935-08-15
- Page
- Seite 348 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 benshaltung zu widersetzen, dann wurde der Bann über ihn verhängt. Es ist die Tragik des modernen Judentums, daß es, um einen rechtlichen Ausdruck zu gebrauchen, mit einer Solidarhaftung belastet ist, aber keine Möglichkeit hat. den einzelnen in jedem Augenblick zur Haftung heranzuziehen. Die inner jüdische Erziehungsarbeit und der Kampf um die seelische Haltung jedes einjeinen wird mit aller Energie durchgeführt werden. Es ist vor kurzer Zeit ein Buch erschienen, aus dem für die seelische Haltung des Juden sehr viel zu lernen ist. Es sind die Briefe.voa Franz Rosenzweig (Schockenverlag, Berlin), die in diesen Blättern schon ausführlich . behandelt wurden. Dieser Jude, der nach jahrelanger Krankheit, die ihn fast bewegungsunfähig machte, vor einigen Jahren starb, hat mit sich selbst einen Kampf um sein Judentum geführt, der »für jeden einzelnen vorbildlich sein kann. Er, der aus einer Umwelt stammte, die fast völlig dem Judentum entfremdet war, hat den Weg zu den verschütteten Quellen zurückgefunden. Er, der Schöpfer des Jüdischen Lehrhauses in Frankfurt a. M., der Verfasser des „Stern der Erlösung", der Übersetzer der Hymnen eines Jehuda Halevi. war ein Briefschreiber von tiefster Innerlichkeit. Wie Franz Rosenzweig, als er einstmals im Weltkriege als Beobachter auf dem Berge Dub in Mazedonien lag, sich mit dem Problem herumschlug, wie man als Jude sein Leben gestalten kann, so muß es auch jetzt ein jeder von uns aus der. Schwere seiner eigenen Lage heraus tun. Eigentlich war uns der Weg vorgezeichnet, und wenn wir jetzt öfter als früher zur Bit) el greifen und den Abschnitt lesen, der jeweils für die Woche bestimmt ist, dann erschüttert es, daß wir ifast immer in ihm etwas finden, ohne eine krampfige Beziehung herstellen zu wollen, was uns viel zu sagen hat. In den Abschnitten der letzten Woche aus dem 5. Buch Mose wird an all das erinnert, was uns drohen kann, wenn wir uns von den eignen Wegen und der Wegen der Selbstzucht und Bescheidung abwenden. Wie oft bewegt uns in den letzten Jahren der Gedanke, ob wir selbst Schuld tragen an unserem Schicksal. Es sind nicht die Schlechtesten, die noch einmal den Weg des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert in der Erinnerung nachgehen. Er war in seiner ■Gesamtheit die Abwendung von dem, was die Thora und was die Propheten wollten. Der Weg zurück ist uns vorgezeichnet. Er kann nur errungen werden, wenn die seelische Haltung des einzelnen sich der veränderten Lage anpaßt. Man hat scherzhafter Weise früher geglaubt, daß es für eine Gemeinde ausreichend ist, wenn der Rabbiner als wirklicher Jude lebt. Dieses "als Jude leben" aber ist eine Verpflichtung für jeden einzelnen geworden. Aus ihm heraus wird sich die Haltung entwickeln, die heute nur angedeutet werden konnte. Die Fehler von ganzen ■Generationen lassen sich nicht mit einem Schlage ändern. Wir sind darauf angewiesen, daß man auch uns eine gewisse Frist zugesteht. Wir wollen unsere Jugend als körperlich arbeitende Menschen für unsere alte Heimat, von der wir ausgingen, erziehen. Wir andern wollen versuchen, ohne uns wieder in die Angelegenheiten des Landes, in dem wir leben, einzumischen, in Einfachheit und Bescheidenheit den knappen Lebensraum zu erhalten, der uns gewährt ist und innerhalb seiner den Weg zu dem besten zu finden, was uns begleitet hat, zu einem wirklichen Judentum. Aus der Geisfesgeschichte des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert Heinrich Heine als Jude Von Dr. Erich Lichtenstein Es ist heute sehr schwer, sich eine lebenswahre Vorstellung von der Situation der deutschen Juden um die Wende des 18. Jahrhunderts zu machen, zumal da sie in den verschiedenen deutschen Ländern durchaus nicht dieselbe war. Im Großen gesehen, ist sie einem Menschen vergleichbar, der aus tiefem Dunkel plötzlich ins Helle tritt. Plötzlich: denn der Umschwung des äußeren und inneren Lebens vollzieht sich in wenigen Jahren in unvorstellbarer Schnelligkeit. Moses Mendelssohn klopft zaghaft an die Tore Berlins, ob er überhaupt eingelassen wird. Bald darauf ist er, mit Lessing verbunden, der geistige Mittelpunkt dieser Stadt. Börne verbringt noch seine Jugend im Frankfurter Ghetto, um wenig später Polizeiaktuar seiner Vaterstadt zu werden. Man ermißt die Größe des Sprungs, wenn man bedenkt, daß das Mittelalter für die Juden erst 1789 endete, daß zwischen ihm und der Neuzeit kein Zwischenraum liegt. Ja. die Nacht des Mittelalters hat für die Juden lang, fast allzu lang gedauert. Ohne Anteil an der geistigen Entwicklung ihrer Umwelt waren sie in unablässigem Abtasten, ihrer nie ruhenden Interpretation des Talmuds, in dem Zwange, allein auf sich angewiesen zu sein, geistig ermüdet und erstarrt. Das Gebot, über die Grenzen ihres Bereichs zu schauen, ward so streng beobachtet, daß einige Rabbinen noch über Mendelssohns Bibelübersetzung den Bannfluch aussprachen. Denn das Ghetto entsprach einer Willensrichtung der Juden, unangetastet ihrer Religion zu dienen und sich von jedem fremden Einfluß abzu-, schließen. Das Gesetz, sollte bis auf den letzten Buchstaben MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII beobachtet werden; keinen I-Punkt wollte man preisgeben. Nur so — davon war man tief durchdrungen — konnte das Judentum unter dem Druck und Andrang andersgläubiger Mächte erhalten und rein erhalten werden. Aber wie auch immer: So konnte man auf die Dauer nicht leben. Die Luftzufuhr stockte, und so war der geistige Tod nicht mehr fern. Die Forschung ist sich heute darüber einig, daß der geistige Zustand der deutschen Juden unter dieser hermetischen Abschließung höchst gefährdet war, daß geistige Sterilisation und Unfruchtbarkeit die unausbleibliche Folge dieses Verhaltens sein mußten. Mendelssohn schrieb: „Meine Nation ist in einer solchen Entfernung von Kultur gehalten, daß man an der Möglichkeit einer Verbesserung verzweifeln möchte." Trotz alledem: Die geistige Kraft des Volkes war noch nicht versiegt. Das zeigte sich in dem Augenblick, als die junge Generation aus dem Ghetto heraustrat. Mit einem wahren Feuereifer eignete man sich die deutsche Sprache an, studierte deutsche Wissenschaft; gleich einem Verschmachtenden sog man die geistige Luft eines neuen Tages, einer unibekannten Welt ein, bemächtigte man sich der unermeßlichen Vielfalt der europäischen Kultur. Grätz hat das rührend schön ausgedrückt:. „Die Synagoge hätte ausrufen können: „Wer hat mir all diese geboren? Ich bin doch entvölkert und einsam, gebannt und gemieden, wer hat mir diese großgezogen?"" Will man nach der Vaterschaft suchen, so fällt sie Mendelssohn zu, der durch sein Leben und durch seine Leistung sein Volk aus seinem Tiefschlaf erweckt und so trotz aller Rückschläge, trotz aller Enttäuschungen der Schöpfer des modernen deutschen Judentums geworden ist. Heinrich Heine aber war zwei Generationen jünger' als Mendelssohn. Zwischen ihnen standen David Friedländer, Mendelssohns Kinder, Maimon, Ben David, Marcus und Hen-