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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-08-15 · 16 (15.8.1935) · p. Seite 347

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
16 (15.8.1935)
Date
1935-08-15
Page
Seite 347 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 347 Seelische Halfung Von Studienrat ä. D. Dr. Willy Cohn Die seelische Lage des Juden in dieser Zeit ist für ihn selbst zu einem schweren Problem geworden. Gewiß, materielle Dinge, Kampf um die äußere Erhaltung der Existenz beschäftigten ihn auch, aber der feiner Empfindende ringt vor allem mit sich .um seine seelische "Einstellung. Von allen Seiten dringt der Ruf nach Abwanderung auf ihn ein. Immer wieder wird ihm gesagt, daß er ein unerwünschter Gast in dem Lande ist, in dem er geboren wurde. ■ Er übt selbstverständlich keinerlei Kritik an diesem ihm gegenüber geäußerten Wunsch. Wohl die Mehrzahl der Juden in Deutschland haben erkannt, daß die grundlegende Umwälzung, die eingetreten ist, eine der großen Bewegungen der Weltgeschichte ist,, die Schicksal bedeutet. Mit einem Schicksal aber hat man sich abzufinden. Die seelische Vereinsamung, die um den deutschen Juden eingetreten ist und die er zuerst vielleicht bitter empfand, weil sie ihn aus einer Umwelt herauslöste, mit der er durch unzählige Beziehungen verbunden war, hat aber auch dazu geführt, daß er sich auf sich selbst besann und Wege zu seinem Judentum fand, von dem er früher doch zumeist wenig gewußt hat. Es ist begreiflich, daß die Jugend, die am wenigsten mit der Erinnerung an das Vergangene belastet ist, am schnellsten die Folgerung für ihr Dasein daraus gezogen hat. Wenn heute viele Tausende sich für ein A rb e i t e.r d as e i n in Palästina vorbereiten, wenn ihre Seelen der Ruf des Zionismus endlich erreicht hat, so ist dies eine Folge der eingetretenen Ereignisse. Diese jungen Menschen wollen in voller Erkenntnis der Schwere ihrer zukünftigen Arbeit doch in ein Land hinaus, in dem sie nicht unerbetene, unerwünschte Gäste sind, sondern in dem sie ihren Kop»f hoch tragen dürfen, in dem sie mit dem Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit nicht nur für sich kämpfen, sondern auch für den Neuaufbau des Ansehens des Judentums überhaupt. Gewiß, noch nicht zu allen ist der Ruf gedrungen, und auch im Kreise der jüdischen Jugend gibt es ewig Gestrige, aber wir sind überzeugt, daß die unabwendbare Logik der Tatsachen auch diejenigen zwingen wird, die es sich auch heute noch nicht vorstellen können: „Der Weg der Verheißung ist der Weg zuim Neuaufbau eines jüdischen Menschen aus den Trümmern der Vergangenhei t." Viel schwieriger ist die seelische Lage der älteren Menschen. Audi unter ihnen haben viele die Folgerungen gezogen. Sie haben ihre Positionen gelöst, sie sind nicht als Emigranten mit dem Koffer in der . Hand in panikartiger Stimmung — gerade davor haben die verantwortlichen Instanzen immer wieder gewarnt — abgereist. Sie halben in einem Alter, in dem sie immerhin dachten, in den gewohnten Bahnen weiterwirken zu können, versucht, nach Palästina zu gehen. Und es ist so manchem gelungen, der hier Anwalt, Arzt, Kaufmann war, zum Boden zurückzukehren und den Segen der Erde zu empfinden. Aber es ist klar, daß diesen Weg, unter den Älteren nicht alle gehen werden. Die meisten aus der Generation, die den Weg zur körperlichen Arbeit wegen höherer Jahre nicht mehr rinden können, werden in Deutschland zu bleiben haben. Sie werden sich, wenn wir die Dinge richtig beurteilen, immer mehr auf eine gänzlich veränderte Lebensform umstellen müssen. Das Bewußtsein, nur Gast zusein, wird ihr Dasein zu beherrschen haben. Dies ist selbstverständlich ein bitteres Gefühl, wenn man — ob mit Recht, ist hier nicht zu untersuchen — durch Jahre oder Jahrzehnte das Bewußtsein hatte, Bürger zu sein. Diese neue Einstellung legt uns ungeheure Verpflichtungen und ein ungeheures' Verantwortungsbewußtsein auf. Wir müssen mit der Tatsache rechnen, daß das Urteil über unsere Gemeinschaft immer nach den Einzelnen, gefällt wird, die zufällig Menschen der anderen Rasse begegnen. Darum muß unser Verhalten von diesem Bewußtsein getragen werden. Hier entstehen für die seelische Haltung des Einzelnen große Gefahren. Wie leicht kann er aus dem Gefühl eben dieser Verantwortung in seinem Verhalten unfrei werden. Je mehr allerdings der in Deutschland bleibende Jude sich in die jüdische Geschichte und in die Lehren des Judentums versenkt, um so mehr wird sich in ihm das Gefühl verstärken, daß seine innere Freiheit in keinerlei Beziehung zu der Stellung, die er äußerlich einnimmt, steht. Dieser Jude wird es lernen, neue Werte dort zu finden, wo er die alten verloren hat. ' I In aller Offenheit aber wollen wir es aussprechen, so sehr sich auch die Führer im Judentum bemühen, die Einzelnen zu erfassen und sie zu diesem Verantwortungsbewußtsein zu erziehen, so ist es doch eben nicht möglich, an alle heranzukommen. Unsere, jüdischen Veranstaltungen, Unterrichtskurse, Kulturtmndvorträge, werden ja schließlich nur von denen besucht, die am Judentum interessiert sind. Daneben gibt es noch eine Schar von Menschen, die glauben, daß sie das alles nichts angeht. Es mögen oft diejenigen sein, deren materielle Existenz von den- Ereignissen am wenigsten betroffen ist. Gewiß, auch sie sind ausgegliedert. Auch sie spielen heute in einem jüdischen Turnverein oder füllen einen jüdischen (ehemals „paritätischen") Tennisklub, anstatt einen allgemeinen, aber das Wort „Jüdisch" hat ihnen nichts zu sagen. Es ist nur ein Notbehelf, zu dem sie keine innere Beziehung gewonnen haben. Wenn es unter ihnen Menschen gibt, die es noch nicht gelernt haben, mit der nötigen Bescheidenheit aufzutreten, die da glauben, daß es der Zeit entspricht, auch heute noch mit ihrer Person, mit ihrem Besitz, mit ihrer Kleidung oder sonstwie hervorzutreten, so möchten wir nur um eins bitten: Wir, die wir diese Zeit mit voller Schwere empfinden und um sie ringen, wir wollen nicht nach jenen Menschen beurteilt werden und wir rücken von ihnen a b. Wir haben leider keine Möglichkeiten, wie sie das alte Judentum hatte, um auf sie einzuwirken. Wenn etwa im Mittelalter in einer Zeit der Judennot der eine oder aridere innerhalb der Judensiedlung, des vielgeschmähten Ghettos, das aber doch eine Stätte wahrer Jüdischkeit war, wagte, sich den Anordnungen der jüdischen Behörden in bezug auf seine Le- Heute wie jederzeit ist äußerste Zurückhaltunodie selbstverständliche Pflicht eines jeden verantwortungsbewußten Juden. Er meidet die großen Gast- und Vergnügungsstätten, er unterläßt überflüssige Promenaden, er zieht den Aufenthalt im eigenen Hanse vor. Wer sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennt, wer nicht als verantwortungsloser Außenseiter gelten will, muß sein Verhalten in der öffentlichkeit ebenso wie im eigenen Kreise so einzurichten wissen, wie es die Würde unserer Gemeinschaft und das Bewußtsein der Verantwortung ihr gegenüber erfordert. I>er Vorstand derIsraelitischen Kultusgemeinde Jlünchen

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