Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 14 (15.7.1935)
- Date
- 1935-07-15
- Page
- Seite 309 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 309 das Buch, das man einmal gelesen und weggeworfen hat, sondern es ist das Buch im Sinne des alten Bet-hammidrasch: die Lehre. Hier steht die Bibel an erster Stelle. Die Abhängigkeit Bialiks von der Bibel bleibt nicht auf die sprachliche Form seiner Dichtungen beschränkt; vielmehr ist diese das natürliche Ausdrucksmittel ihres Gehaltes. Das ganze dichterische Erlebnis Bialiks kann man als biblisch bezeichnen. Denn wie dort, so tritt auch hier das Persönliche hinter das Gemeinschaftserlebnis zurück, der Sprecher wird zum Sprachrohr. Sein Aufschrei in der Not der jüdischen Gemeinschaft und seine Klage vor Gott, sein Mahn- und Weckruf, sowie die Worte der Freude und des Trostes erinnern an die biblischen Vorbilder, an das Pathos unserer großen Lehrer — der Propheten. Der Einfluß dieses Buches wird bei ihm geradezu zu einem Glauben an dessen reale Kraft selbst in einer Welt, in welcher der ausschließliche und einmalige Charakter der Bibel nicht betont wird. „Das Land (Israel) hat uns ein kleines Buch geschenkt: Wer weiß, ob nicht letzten Endes dieses Buch uns das Land wieder schenkt." (Am Schluß der Abhandlung „Das hebräische Buch.) Als treuer Schüler des Bet'h-hammidrasch bleibt Bialik in der Bewertung des jüdischen Buches nicht bei der Bibel stehen, sondern seine hohe Anerkennung gilt auch der talmudischen Literatur. In ihr sieht er die verlängerte Linie der Schöpfung des jüdischen Geistes, wenn auch in anderer als der biblischen Form. Seelisch steht ihm zunächst der aggadische Teil dieser Literatur näher als 'der halachische. Nach seiner Ansicht stellt die Aggada die eigentliche literarische Form des jüdischen Volkes dar, welche Jahrhunderte hindurch geherrscht hat. An Stelle der festen biblischen Form, die das Geisteseigentum einzelner Persönlichkeiten war, tritt hier die lose, volkstümliche Form, der Alltag des Juden mit seiner Buntheit. „Wer also die jüdische Nation in all' ... ihren Wesensseiten kennen lernen will, wird . . . zur Aggada gehen ... Es ist eine dem jüdischen Volke eigene Kostbarkeit, in die sich mehrere Jahrhunderte nach dem Abschluß des Kanons der Geist des jüdischen Volkes und seine Schöpferkraft ... gehüllt hat." Bei dem volkstümlichen Charakter der Aggada war es unvermeidlich, daß auch viel Nebensächliches mit aufgenommen wurde. Dies schmälert jedoch ihren ethischen und literarischen Wert nicht. Bialik zog nur die Konsequenz daraus, daß hier die Notwendigkeit besteht, den Kern von den Schlacken zu reinigen. Dies gelang ihm auch nach sorgfältiger, jahrelanger Arbeit in seinem mehrbändigen Hauptwerk „Seier haaggada". Die H a 1 a c h a stellt für Bialik die zum Gesetz gewordenen Anschauungen in festen präzisen Lebensformen dar. sie ist kristallisierte Aggada. Die Halacha ist ein groß angelegtes Kunstwerk, dessen Stoff sich über Zeit und Raum erstreckt. Sie ist diejenige, die sich die Erziehung eines Volkes zum Ebenbilde Gottes zum Ziel gesetzt hat. „Während die Künstler anderer Völker in ihren Werkstätten saßen und mit feinem und zartem Gefühl harmonische Masse und Gestalten in Marmor suchten, um so die Sinne des Menschen zu verschönen, saßen zu derselben Zeit die Weisen Israels in ihren Lehrhäusern, und auch sie suchten Inspiration und mit reinstem Gefühl harmonische Masse und innere Gestalt . . ., um in ihnen den Menschen selbst zu verschönen ... Ich entscheide nicht darüber, wem der Vorrang gebührt, aber ich bin überzeugt, daß beides schöpferische Werke sind, Ideen, die sich konkretisieren, . . . beide bedürfen der Inspiration und himmlischer Gnade. Ihre Differenz liegt nur im Material und den Mitteln." (Halacha und Aggada.) Soll das neue jüdische Buch zu wahrer Geltung gelangen, so muß es nach der Uberzeugung Bialiks in der jüdischen Geschichte wurzeln. Es muß eine Fortsetzung jener literarischen Linie bilden, die das Leben und die Wirklichkeit des Einzelnen wie der Gesamtheit gestalten will: des aggadisch-halachisohen Geistes. Aber wie soll ein moderner Jude den langen Weg vorr Jahrtausenden durchwandern, um hie und da etwas für ihn Verständliches zu finden? Dieser mühsame Weg kann nicht nur den Laien allein abschrecken, sondern sogar den jungen Literaten. Die letzten Jahrzehnte haben dies deutlich bewiesen, wodurch sich gerade die neue jüdische Literatur von ihrem Ursprung unheimlich entfernte. Hier erinnert Bialik daran, daß die Geschichte der jüdischen Literatur zweimal solche kritische Punkte überwunden hat. und zwar durch das „Einsammeln", Kinnus, wie er es nennt. Der Abschluß de's biblischen Kanons und die Kodifizierung der Mischna einige Jahrhunderte nachher waren eine Sichtung des angehäuften Stoffes und Ausgangspunkt neuer Epochen. Eine solche Sichtung ist auch heute notwendig. Ein neuer „Kinnus" muß durchgeführt, eine Auswahl aus dem großen literarischen Schatz der Jahrtausende, nach neuen Gesichtspunkten geordnet, muß getroffen werden, wodurch es jedem bildungsbeflissenem Juden ermöglicht wird, sich seiner selbst und seines Volksgeistes bewußt zu werden. In der Verwirklichung dieser Idee sah Bialik seine höchste erzieherische Aufgabe und ihr hat er auch seine besten Jahre geopfert. Der gottbegnadete Dichter wurde Interpret. Herausgeber und Verleger halb- und ganzverschollener hebräischer Werke und Schriften. Es galt eben dem Volke des Buches wieder das Buch zu schaffen oder wenigstens den Weg zum Buch zu ebnen. Aus der Gemeinde München Gemeindesitzung in München. Die letzte gemeinsame Sitzung von Vorstand, und Gemeindevertretung der Israelitischen Kultusgemeinde München brachte nach der Ergänzung einiger Ausschüsse vor allem (die Beratung des Etats der Gemeinde für das Rechnungsjahr 1935 und die Beratung der Schutfrage. Den Bericht erstattete Justizrat Dr. Oestreich. Nachdem sich im Rechnungsjahr 1934 die Einnahmen nicht ungünstiger gestaltet hatten als im Voranschlag 1934 angenommen war und die Ausgaben nur wenig über die vorgesehenen hinausgingen, konnte der Voranschlag für das kommende Etatsiahr in ähnlichen Grenzen festgelegt werden wie der des albgelaufenen. Es bleibt dabei freilich zu bedeniken, daß der Gemein'deetat mit seinen ordentlichen Mitteln nicht die beträchtlichen Ausgaben des Sonderetats des Wohlfahrtsamtes und der gemeindlichen Anstalten zu decken vermag. Von den auf Grund der Beschlüsse von Gemeindevorstand und Finanzausschuß und der Anregungen der Gemeindevertretung beschlossenen Etatsänderungen interessieren die Öffentlichkeit besonders die Erhöhungen der Mittel für die Bibliothek, für Lehrkurse und religiöse Vorträge, für die Hebräischen Sprachkurse und insbesondere der Mittel für Jugend- und Erziehutfgszwecke. — Der Gomeindevorstand »berichtete über die Raumnot der Israelitischen Volksschule und die Maßnahmen, die zu ihrer Behebung eingeleitet wurden. Es ist geplant, alsbald auf dem gemeindlichen Grundstück Herzog-Rudolf-^Straße 1 einen Neubau aufzurichten, der den Anforderunigen von Zweckmäßigkeit und Hygiene entspricht. Zur Deckung der Baukosten soll ein Darlehen bis zum Höchstbetrag von 250 000 RM. aufgenommen wenden, das durch Anteilscheine ztu 1000, 500 und 200 RM. zu decken ist. Aus der Gemeindevertretung wurde die dringende Bitte vorgetragen, im Schul'hausneubau auch dafür zu sorgen, daß wiederum Räume sfürs Jugendheim vorhanden seien und soweit möglich auch solche für Vortrags- und künstlerische Veranstaltungen. — Der Etat der Gemeinde-, sowie die Vorschläge des Vorstandes für Aufnahme eines Darlehens zur Ermöglichung des Schulhausbaues fanden die 'einstimmige Annahme der Versammlung. Der Gemeindevorsitzertde Dr. Neumeyer schloß die Sitzung mit Worten des Dankes für die fruchtbare -Mitarbeit der Kollegien. H. L. Zionistische Ortsgruppe München Palästina 1935 im Lichtbild. Dr. N a c h u m G i d a 1 e w i t s c h, den wir aus seinen eindrucksvollen Bitdberichtem der Illustrierten als „GIDAL phot." kennen und schätzen, ist im Frühfahr mit der „Roma" zur Makkabiah maoh Palästina gefahren und kam mit Kamera unld Filmgerät kreuz und quer 'durch (die Städte und Siedtangen des Landes. MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII