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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-07-15 · 14 (15.7.1935) · p. Seite 308

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
14 (15.7.1935)
Date
1935-07-15
Page
Seite 308 (sequence 4)
Language
German
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308 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Schutz der hebräischen Sprache Von Pinchas Wol Im a n n (Frankfurt a. M.) Als dritten Aufsatz zur Erhellung des hebräischen Sprachproblems, dem seit Jahren auch diese Blätter mit 'dienten (vgl. unser Sonderheft über die hebräische Sprache vom 1.6.1931, Jg. VII, Nr. 11) veröffentlichen wir einen Auszug aus der soben erschienenen Schrift von Pinchas Wollmann, Die hebräische Sprache und das gesetzestreue Judentum (Frankfurt a. M., Verlag des Israelit u. Hermon, 1935). Die Arbeit von Wollmann hat das große Verdienst, sachverständig und großzügig die Gefährdung der heiligen Sprache zu zeigen, die durch die heutige Art des Sprachbetriebs zu einem oberflächlichen Volapük- und Allerwelts-Hebräisch, zu einer Kellnersprache degradiert zu werden droht. Wenn nicht unser methodisches Erlernen von Wortschatz und Sprachregeln durch ein organisches Kerir nenlernen des Hebräischen, wie es für den religiösjüdischen Kreis von jeher selbstverständlich war, ergänzt wird, so droht die heutige Sprachsituation in Palästina einzuwurzeln, wie sie Wollmann in erschreckender Weise in Übereinstimmung mit den besten Kennern geißelt: Diese Sprachsituation besteht kurz gesagt darin, „daß eine zeitlose Fremdheit heute sich in dem Iwrith in unserem Lande breit macht, die nicht der heiligen Sprache entspricht". Die Besserungsmöglichkeiten werden von Wollmann klar und überzeugend gezeigt. Den Assimilanten und den Freien ist die hebräische Sprache eine Art neuen Sports geworden: „Schalom! toda! bewakascha!" Man kann diese schönen Worte in unserem Lande von Leuten hören, die außer diesen drei Worten zwischen rechts und links nicht zu unterscheiden wissen und auch viele, die ..Hebräisch sprechen", schwätzen geschwind eine Art von Hebräisch, ohne zu wissen, welche Sprache sie reden. Wenn man sie schwätzen hört, merkt man sofort die Oberflächlichkeit, die Armut der Sprache und die Dürftigkeit des hebräischen Gedankens bei ihnen. Daraus kann man auch auf die Wesensart dieser hebräisch Sprechenden schließen. Dadurch, daß diese Hebräischsprecher in ihrer Jugend nicht in die Quellen der hebräischen Sprache, in Tnach, Mischna, Gemara, Midrasch usw. eingeführt wurden, haben sie auch keine sprachliche Grundlage und ihre Sprache ist arm und inhaltleer. Die besten hebräischen Schriftsteller und Dichter selber, die noch der alten Generation entstammten und die Großes auf dem Gebiete der hebräischen Wissenschaft geschaffen haben, haben die Gefahr dieser Oberflächlichkeit klar erkannt. Sie bedauerten sie und haben bei jeder Gelegenheit die zionistischen Führer auf die furchtbare Lage hingewiesen, die aus der Entleerung, Aushöhlung der Sprache und aus ihrer Gedankenarmut entstehen muß. Mit großer Erbitterung schreibt einer der ältesten hebräischen Historiker, Dr. S. Hemfeld, in einem seiner Artikel aus dem Jahre 5686: „Aber das hebräische Wort fordert den hebräischen Gedanken, daß jeder jüdische Mensch sich gewöhnt, hebräisch zu denken. Das hebräische Wort darf uns nicht eine Art Spielerei wenden, sondern etwas Großes und Wertvolles, der Hauptinhalt unserer nationalen Renaissance. Wie aber kommen wir dazu, daß der hebräische Gedanke die Grundlage des hebräischen Wortes werde? Nur durch das hebräische Lernen! Ich will die Wahrheit heraussagen wie sie ist, die bittere und betrübliche Wahrheit. Der größte Teil der Hebräischsprechenden hat sich einen überaus begrenzten Wortschatz angeeignet. Sie sind spracharm, sie kennen ein paar hebräische Worte oder Worte, die dem Hebräischen ähnlich sind, und das genügt ihnen für ihr Gespräch. Sie beachten nicht den Schatz unserer Sprache, den Schatz, der in unserer alten Literatur und auch in unserer späteren Literatur, in der Bibel, im Talmud, im Midrasch, in der philosophischen und rabbinischen Literatur niedergelegt ist. In dem Augenblick, da man aufhörte, diese unsere Literatur zu studieren, sind auch die sprachlichen Grundlagen vergessen worden, die darin niedergelegt sind. Unsere Sprache ist in einer erschreckender Weise verarmt und mit ihr der hebräische Gedanke." Auch Bialik hat diese Gefahr erkannt. Als er etwa vor drei Jahren in Warschau war, geißelte er mit Bitterkeit und Energie die Führer der hebräischen Gymnasien, indem er ihnen sagte: „Ich habe mit den Absolventen der hebräischen Gymnasien gesprochen und habe gesehen, daß bei ihnen eine erschreckende Oberflächlichkeit herrscht. Es ist ein Geschlecht von Ignoranten und Amhaarazim, das wir hier heranwachsen sehen. Sie verstehen Hebräisch zu schwätzen. Hedad zu schreiben, hebräische Lieder zu singen und von Erez Israel zu träumen, jedoch die hebräische Sprache 'kennen sie nicht richtig, denn dieses junge Geschlecht ist nicht auf den Knien der Thora herangebildet worden. Es hat die Grundlage der Sprache aus den Quellen aus Bibel, Midrasch, Gemara nicht erlernt. Unsere ganze Hoffnung ruht also bei den Orthodoxen, die die Quellen erlernen in den Jeschiwot, in den Bothe und den Ohadorim. Von ihnen wird die Th'ora ausgehen und aus ihrem Kreise werden diie hebräischen Dichter und Schriftsteller hervorgehe n." Chaim Nachmann Bialik als Wegbereiter des jüdischen Buches Zur Wiederkehr des Todestages Bialiks am 21. Tamuz. Von Dr. Mordechaj Ehrenkranz. Bei aller Bedeutung Bialiks als des „größten hebräischen Dichters seit Jehuda Hallevy", wie ihn Achad Haam genannt hat. macht die reine Dichtkunst doch nur einen Teil seiner vielseitigen Persönlichkeit aus, und zwar vorwiegend in der Zeit zwischen seinem 18. und 40. Lebensjahre. Sein Schaffen war in den späteren Jahren der Dichtung abgewandt: In der Erwiderung der Glückwünsche zu seinem 50. Geburtstage „Ich bin kein Dichter, kein Prophet, ein Holzhauer bin ich", ist mehr als eine bescheidene Abwehr der sich überstürzenden Wellen von Liebe und Dank, die von allen Seiten auf ihn eindrangen, zu sehen. In diesen Worten liegt ein Selbsturteil über das, was Bialik über sich selbst und seine Aufgabe dachte. Er betrachtet sich als „Taglöhner eines kurzen Tages", womit, er ausdrücken will, daß jeder die kurz bemessene Zeit des Lebens auf die ihm gestellte Aufgabe verwenden muß. Der jüdische Volksmund nennt den unverdrossenen, allen Schwierigkeiten trotzenden Lehrer einen Holzhauer. Bialik sah seine währe Aufgabe in der Wirksamkeit als Lehrer und Erzieher. Von dieser Auffassung war seine gesamte Lebenstätigkeit als Dichter, hebräischer Lehrer, Volksredner, Bearbeiter und Verleger des jüdischen Schrifttums getragen. Dieser zuletzt erwähnte Beruf erforderte von ihm ungeheure Opfer, ja seine ganze Kraft. Wenn Bialik alles andere zurückstellte, um das hebräische Buch zu fördern, so tat er dies aus der Uberzeugung, daß das Buch über alles gestellt zu werden verdient. In einem Gespräche sagt er: „In meinem Innern leben und lodern, verlangen und fordern zweihundert böse Triebe unaufhörlich. Ich aber feßle sie mit eisernen Ketten . . . und lege sie gefesselt zu Füßen des Buches; denn das Buch ist das Wichtigste im Leben. Wer es versteht auf sich die Herrschaft des Buches zu nehmen, der sichert sich die Ewigkeit... Das Buch ist das Höchste von allem, es ist unser Leben, es ist unser Dasein." (Haolam 1934, Seite 507.) Die Hochschätzung des Buches ist für Bialik die mit religiöser Ehrfurcht gepaarte Vorstellung vom Buche. Es ist nicht das Buch schlechthin, in dessen Banne er stets gestanden hat,

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