Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 14 (15.7.1935)
- Date
- 1935-07-15
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 307 L i t e r a t u r a n 'g a b e n : Eli es er Ben Je hu da: Ad Emataj dibru iwrith? Verlag „Kadimah", New-York, 1919. Die Pilgerfahrt des Ritters Arnold von Harff, herausgegeben von E. V. Groote, Cöln, 1860, SS. 187—189. I. Babinger, Die hebräischen Sprachproben bei Ritter Arnold von Harff (Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 1920, LXIV, 71—75). Vorwort zum „Machbereth Hearuch" des R. Sch. Farchon, Verlag Stern, Preßburg, 6504. „Dikduk Hat'amim" des Ben Ascher, S. 7 (siehe Sch. Assaf: Babel und Palästina im Zeitalter der G'onim, „Haschiloach". Band 34, Seite 449). I. Man: The Jews in Egypt and Palestine under the Fatimid, Caliphs, Oxford 1922, Vol. II, Preface p. 9. Ben Zwi, J.: Hajischuw Hajehudi bichfar Pekiin, Tel Aviv, 5682, Seite 20, 22—24. MartinSommerfeld: Die Reisebeschreibungen der deutschen Jerusalempilger im ausgehenden Mittelalter (Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte Jahrg. II, Heft 4; Halle 1924; S. 816ff.) Die Renaissance des Hebräischen Aus dem Buche „Cette annee ä Jerusalem" von Emile Schreiber, Verlag Plön, Paris 1934; autorisierte Übersetzung von Bernhard Baer. Die genauere Beschreibung des in dem folgenden und vorangehenden Aufsatz angedeuteten Vorganges, der die hebräische Sprache aus einer Volks- und Umgangssprache in eine Sprache der Religion und der Schule verwandelt, ferner der Prozeß der. „Wiederbelebung" sollen später folgenden Aufsätzen vorbehalten sein. Red. Vor dem Zionismus wurde das Hebräische ausschließlich als heilige Sprache betrachtet, bestimmt für das Gebet, wie das Latein in der katholischen Religion. Das geht so weit, daß die orthodoxen Juden die Absicht, es als lebende Sprache zu gebrauchen, als Sakrileg angesehen haben. Die Renaissance der hebräischen Sprache ist einem einzigen Manne zu verdanken, einem russischen Professor namens Elianoff, der später in Palästina den hebräischen Namen Ben Jehuda annahm. In Tel-Aviv hatte ich das Glück, seinem Sohn Ben Avi vorgestellt zu werden, der selbst Schriftsteller ist und ein in Palästina bekannter Journalist. Er hat mir die seltsamen Umstände erzählt, unter denen sein Vater die hebräische Sprache zu neuem Leben erweckte: „Ich bin", erzählte mir Ben Avi, „das erste jüdische Kind, das das Hebräische als moderne Sprache gesprochen hat; und das Datum der Renaissance unserer Sprache ist leicht festzusetzen, da ich heute .achtundvierzig Jahre alt bin. Mein Vater war ein russischer Jude namens Elianoff. Er hatte gegen 1880 in Frankreich an der Sorbonne studiert und wurde später Professor für orientalische Sprachen in Odessa. Um diese Zeit heiratete er meine Mutter, die ebenfalls russische Jüdin war; die Hochzeitsreise machten sie auf einem Donaudampfer. Im Augenblick der Durchfahrt durch das Eiserne Tor sagte er zu seiner jungen Frau: ,Das Eiserne Tor ist ein Syrrfbol des Willens. Diesem Ort hab ich gewählt, um Dir anzukündigen, daß ich von heute an nur noch hebräisch mit Dir sprechen werde.' Meine Mutter, die von dieser Sprache nur ungefähre Kenntnisse hatte, glaubte, er' scherze; aber alles kam, wie er's gesagt hatte; von diesem Tage an war meine Mutter seine erste Schülerin, und er sprach nur noch hebräisch mit ihr. Wenig später bezogen meine Eltern eine bescheidene Wohnung in der Altstadt von Jerusalem. Mein Vater widmete sich der Arbeit an dem großen hebräischen Wörterbuch, seinem Lebenswerk, von dem zwölf Bände erschienen sind und drei noch ausstehen. Nach seiner Ansicht war die Abfassung einer hebräischen Encyclopädie die erste Bedingung für die Entwicklung des Hebäischen zur lebenden Sprache. Er mußte alle für das moderne Leben unentbehrlichen Neubildungen prägen, als da sind: Eisenbahn, Telegraph, Telephon usw. Das ging nicht ohne große Schwierigkeiten, und er fragte oft die Dominikaner- Patres des Französischen Archäologischen Instituts um Rat; •besonders Lagrange, den berühmtesten unter ihnen, der noch heute im Alter von 83 Jahren Vorlesungen hält. 1885 kam ich in Jerusalem zur Welt. Bei meiner Geburt teilte mein Vater meiner Mutter seinen Entschluß mit, mich von dem Augenblick, da ich die ersten Worte stammelte, bis zu meinem siebenten Lebensjahr abgeschlossen zu halten. Er wollte so verhindern, daß ich mit anderen Kindern in Berührung käme, die zu mir in einer anderen Sprache sprächen als der hebräischen. Erst mit fast sieben Jahren ließ mich mein Vater mit einigen jungen orthodoxen Schülern verkehren, die das Hebräische als Heilige Sprache kannten und imstande waren, mich zu verstehen; und auch das geschah nur im Beisein eines meiner Eltern, damit sie mit mir nichts anderes sprächen als hebräisch. Während dieser Zeit bediente sich mein Vater in seinem Umgang mit den jüdischen Kaufleuten des alten Viertels von Jerusalem ausschließlich des Hebräischen; man hielt ihn deshalb für einen Narren. Die Händler begriffen nicht immer, was er von ihnen verlangte. Aber da sie sich kein Geschäft entgehen lassen wollten, unterrichteten sie sich über den Sinn der Worte, mit denen er sie ansprach, und waren schließlich imstande, seine wesentlichen Wünsche zu befriedigen. Da ich keine Kameraden hatte, schenkte mir mein Vater einen Hund, damit ich nicht zu einsam sei. Eines Tages ging ich mit diesem Hund aus, und ohne Böses zu denken, sprach ich zu ihm einige Worte hebräisch. Orthodoxe Juden, die gerade vorübergingen, waren empört und steinigten den Hund zu Tode. Mein Vater errichtete ihm ein kleines Denkmal, als dem ersten Opfer der hebräischen Sprache. Dieses Denkmal steht noch. Einige Jahre später gründete mein Vater eine hebräische Zeitung, die vollständig in hebräischen Lettern gesetzt war: bei ihrem Erscheinen konnte sie kaum auf einen Leser rechnen. Da sie jedoch eine Menge interessanter Artikel enthielt, kauften sie einige orthodoxe Juden, und sie breitete sich ganz allmählich aus. Dieses Blatt ist heute eine der bedeutendsten Tageszeitungen Palästinas. Dann kam der Zionismus, eine Bewegung, an der mein Vater natürlich den größten Anteil nahm. Auf seinen Vorschlag setzte sich auf dem zionistischen Kongreß das Hebräische als nationale Sprache durch gegen die Konkurrenz des Jiddischen. Das war die Krönung der Idee, die sein ganzes Leben erfüllt hatte. Als er 1926 starb, sprachen 200 000 Juden in Palästina und mehrere zehntausend im Ausland hebräisch. Die Sprache ist und bleibt das wesentliche Bindemittel beim Wiederaufbau Palästinas." Ich fragte Ben Avi: „Ihr Vater war fromm, versteht sich?" — „Keineswegs. Er war Atheist. Sein Leben war dem jüdischen Volke geweiht, nicht der jüdischen Religion. Ein Vorfall unter vielen soll Ihnen die Sinnesart meines Vaters zeigen. Eines Tages — ich war noch ein Kind — hörten wir in unserer Wohnung in Jerusalem Schreie auf der Straße. Mein Vater öffnete das Fenster und sah eine Frau, die von den Nachbarn gestützt wurde. Sie bat, ihr die Tür zu öffnen, denn sie sei im Begriff niederzukommen und habe keine Zeit mehr, das Entbindungsheim zu erreichen. Mein Vater rief ihr aus dem Fenster zu: „Ich öffne nur, wenn Sie es auf hebräisch verlangen." — Die arme Frau, die sich in Schmerzen wand, brachte schlecht und recht einige Worte auf hebräisch heraus. Mein Vater öffnete ihr sogleich." Daß Ben Jehuda seiner Umgebung das Leben mit einem so wenig umgänglichen Charakter sehr angenehm gemacht hat, ist wenig wahrscheinlich. Aber solche Männer von Eisen treiben die Probleme vorwärts, denen sie sich -widmen. Ben Avi, sein Sohn, ist im Gegensatz dazu freundlich und liebenswürdig. Er ist einer der tätigsten Wortführer der zionistischen Bewegung. Er kämpft dafür, daß das Hebräische mit lateinischen Lettern geschrieben wird. Diese Idee wird vielleicht ihren Weg machen; aber der Zoinismus hat unterdessen so viele andere Probleme zu lösen ..,