Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 14 (15.7.1935)
- Date
- 1935-07-15
- Page
- Seite 306 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 mit einer langen Liste von Vokabeln und Ausdrücken, die sämtlich der einfachen hebräischen Volkssprache entnommen sind. Sie sind für ihn „Die Jutsche spraich" — kurz und bündig: Die Judensprache. Und da er die Wörter und Ausdrücke allein nach dem Gehör aufzeichnete, erhalten wir einen deutlichen Begriff von der Aussprache; was gemeint ist, kann unschwer wiedererkannt werden. Es sind Worte, die man für den täglichen Gebrauch nötig hat: Lehern— Brot, M o j i m — Wasser, B o i s s a r — Fleisch, B e i i n a — Käse, B e t z i m — Eier, J o i e n — Wein, H o m e t z — Essig, Semen — öl, t s u s — Pferd, t a n g o 1 — Hahn, e u f a s a — Gans, D a e - g i m — Fische, M e e 1 a — Salz, o f f e n a — Schiff, Nero — Licht, T e f e n — Stroh, M i s p a — Futter, d e e s s e — Grünplatz, assawim — Kräuter, karo —=■ Schüssel, kaff — Löffel, kizzones — Hemd, e y s — Mann, e y s c h a — Frau, b a 1 b a e s — Hausbesitzer, o n o g e — ich, a g i 1 a — Essen, baeskisse — Abort usw. Also — vollkommene Gesprächsvokabeln! Nicht Religionssprache, nicht Gelehrtensprache, sondern Marktsprache, die Sprache des Hauses und des Lebens! Dies gilt nicht nur von einzelnen Worten, sondern auch von Redewendungen wie „t o e f f boke r" — Guten Morgen, „t o e f f 1 a i 1 a" — Gute Nacht: Übersetzungen aus einer Fremdsprache, von der die Jerusalemer Juden jener Zeit in ihrem Hebräisch beeinflußt waren (an Stelle von boker tow und lajla tow). Hebräisch sind die Wendungen: schim e magern (Gott sei mit Euch) und ma schemo? (Wie heißen Sie?) oder folgende kurzen Gespräche: jehuede atta? (Bist Du Jude?), ken dibarta (Jawohl), kämme tetim ly? (Wieviel gibst Du mir?), „anoge etten lagae zahaff" (Ich gebe Dir einen Gulden). Natürliche Redewendungen einer volkstümlich einfachen und lebendigen Sprache! Ken oder lo dienen als Worte der Bejahung und Verneinung wie in unseren Tagen. Aber am meisten verwundert uns folgende hebräische Phrase: plonosa anoge tzogeff citzlega see halegla; in unseserem Hebräisch: pelonith, anochi schochew ezlech seh halajla? In der deutschen Übersetzung von Harff: „vrauwe laist mich dese nacht bij ueh slaeffen?" Diese Frage lehrt uns viel über den kulturellen Stand und die Moral innerhalb des Jerusalemer Judentums zu jener Zeit, aber für unsere Sache ist es wichtig, daß der Ritter von Harff für richtig hält, den hebräischen Ausdruck für diese Frage zu bringen. Wie können wir uns diesen Gebrauch von hebräischen Gesprächsworten in Palästina zu Ende des 15. Jahrhunderts erklären? Es sind zwei Erklärungen möglich. Die eine Erklärung ist: Die hebräische Sprache dient den Juden verschiedener Länder, die in einigen Fremdsprachen redeten, als Mittlerin. Und tatsächlich befinden sich bei Harff unter den Worten der „Jutsche Spraich" auch zwei spanisch-italienische Worte in deutscher Gestalt, bever — beber — beyeren (trinken) und dormir — dormen (schlafen). Mangels einer anderen gemeinsamen Sprache wären nach dieser Erklärung die Juden gezwungen gewesen, hebräisch miteinander zu reden, nicht nur in Dingen der Thora, sondern auch über Alltagsdinge, die lebenswichtigsten Angelegenheiten, so daß die hebräische Sprache in einem gewissen Maße auch in jenen Jahren nicht aufhörte eine lebendige Sprache zu sein. Die zweite Erklärung ist die: Zu Ende des 15. Jahrhunderts, bevor sich die Einwanderung spanischer Juden nach dem Gerusch Ssefarad von 1492 hin nach Palästina verstärkte, waren die im Ausland geborenen Juden (Italiener, Deutsche und Spanier) relativ noch wenig zahlreich. Und noch immer waren in Eretz-Israel Juden, Alteingesessene, die fortfuhren, mehr oder weniger hebräisch zu sprechen. Aber nachdem die spanische Einwanderung nach Palästina stärker wurde, wenige Jahre nach der Vertreibung aus Spanien und später, als auch die Aschkenasim in Menge nach Jerusalem gezogen kamen und sich auch Juden arabischer Zunge hier mehr und mehr ansiedelten, — erst da brachten die drei Jüdischen Mischsprachen (das Spaniolische, das Jiddische und das Judeo-Arabische) die lebendige hebräische Sprache zum fast völligen Versiegen. Ich sage „fast", weil die Angehörigen verschiedener jüdischer Gemeinscharten noch miteinander, hebräisch sprechen mußten, denn nur das Hebräische war die ihnen allen gemeinsame Sprache. Zur ersten Erklärung kann man Beweise von einer ganzen Reihe von Stellen anführen, ich begnüge mich mit einer Angabe: Rabbi Schlomo Farchon, der Schüler von Rabbi Jehuda Halevi und Rabbi Abraham Ibn Esra, der seinen „Aruch" im Jahre 1160 verfaßte, ersucht im Vorwort den Leser um Entschuldigung: „Falls man im Buch einen Fehler finde usw. oder einen Ausdruck, der ungenügend erklärt worden sei, solle man ihn nicht verurteilen, denn unsere Volksgenossen sind nicht sosehr gewöhnt, in der Heiligen Sprache zu sprechen, denn überall unter der arabischen Herrschaft herrsche nur eine Sprache, und alle Gäste, die zu ihnen kämen, verstünden diese. Darum seien sie nicht genötigt, sich der Heiligen Sprache zu bedienen und in ihr geübt zu sein ,,in den verschiedenen christlichen Ländern jedoch wären die Sprachen verschieden, und wenn Gäste zu ihnen kämen und sie deren Worte nicht verstünden, seien sie gezwungen, in der Heiligen Sprache zu reden, darum seien sie in ihr geübte r." — Hieraus geht allerdings hervor, daß die unter arabischer Herrschaft lebenden Juden, wie die Juden Eretz-Israels, nicht gewöhnt waren, hebräisch zu sprechen, wenn sie auch, etwas hebräisch sprachen, allerdings nicht in den Tagen Farchons soviel, wie die unter christlicher Herrschaft lebenden Juden; zweitens ist der Hinweis Rabbi Farchons auf die Gäste, die die Veranlassung zum Hebräischsprechen gegeben hätten, bezeichnend. Auch zu Zeiten des Herrn von Harff waren es anscheinend die jüdischen Besucher aus dem Auslande, die zwangen, hebräisch zu reden. Ein Beweis für den zweiten Erklärungsversuch läßt sich aus einer Anzahl von Äußerungen erbringen. Noch Ben- Ascher, der Verfasser der „Hamessora", bezeugt, daß die Palästinenser, und zumindest „die Leute von M'asja- Tiberias" unter sich hebräische Plaudereien führten, und sowohl Männer, wie Frauen, wie auch Kinder hebräisch sprächen. Und die vielen hebräischen Schriften, die in der „Genisa" von Fostat in Ägypten gefunden wurden, ließen den Gelehrten Dr. Jakob Man, der sie zutag gefördert hatte, vermuten, daß die hebräische Sprache möglicherweise noch im 10.. 11. und 12. Jahrhundert in Eretz-Israel gesprochen worden sei. Allein noch viele Jahre später blieben in Eretz-Israel Reste von Juden, die hebräisch sprachen. Auch dies wird von einem Christen bestätigt, der in bezug auf hebräisch als unverdächtiger Zeuge gelten kann. Der deutsche Missionar R e i c h a r d t, ■ der Palästina im Jahre 1853 besuchte, behauptet von den Juden des Dorfes Pekiin in Obergaliläa — heute AI Bukja —, die er wie viele andere Forscher, .die sich damit beschäftigten, für Reste, die aus der Zeit des 2. Tempels übrigblieben, hielt, daß diese Juden von Pekiin zu seiner Zeit (1853) noch hebräisch sprachen. Jedoch bezeugt neuerdings Jizchak Ben Zw i, der sie wiederholt besuchte, von den Juden Pekiins, sie sprächen generationenlang arabisch. In so kurzer Zeit geriet die Gewohnheit des lebendigen Hebräischsprechens bei den Pekiinjden selbst durch Einfluß von Zeit und Umwelt in Vergessenheit; es handelt sich hier um die Reste der „Arne Haaretz", also um den verbliebenen Rest von Israel im Lande Israel, der bis zu der genannten Zeit noch nicht unter den Arabern aufgegangen war. Auf jeden Fall ist es klar, daß in Eretz-Israel sich ein großer Teil der Einwohner fast zu allen Zeiten des Hebräischen für die Bedürfnisse des Lebens bedient hat. Das Hebräischsprechen von Elieser Ben -jehuda war eine Neuerung zu seiner Zeit, aber wie alle großen -Erneuerer fand auch Ben-Jehuda den Boden vorbereitet. Während im Auslande keine lebensfähige Grundlage (außer der lebendigen Literatur) zur Wiederbelebung der hebräischen Sprache im lebendigen Gespräche vorhanden war, war hier in Eretz-Israel eine solche Grundlage gegeben, da die hebräische Sprache niemals als lebendige Sprache in Vergessenheit geriet und als Vermittlungssprache dient.e, als „zwischensprachliche" Sprache, wenn man so sagen darf, für die Gruppen von Juden, die in verschiedenen Sprachen redeten, und besonders für Gäste und Kaufleute und wandernde Gelehrte und andere Reisende aller Art. für die hebräisch zum Verkehrsmittel gemacht werden konnte. Das lernen wir. wie aus anderen vereinzelten Mitteilungen, auch aus dem Buche des Fahrenden Ritters und deutschen Christen, des voraussetzungslosen Arnold von Harff.