Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 13 (1.7.1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- Seite 290 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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296 Bayerische Israelitische Gemeindezeitimg Nr. 13 SCHUHHAUS ML FLEISCHMANN MÖNCHEN, THEATINERSTRASSE 17 Spezialität: BALLY-SCHUHE ihnen allerdings nur Feiertags, mit Hilfe auswärtiger Glaubensgenossen, zum vollgültigen Gottesdienst öffnete, wenn sich nicht der Einzelne mit seiner persönlichen Not in sie hineinflüchtete. Der und jener starb. So blieb nur noch, ein jüdisches Haus. Die Synagoge war jetzt nicht mehr benötigt und wurde zum Verkauf gestellt, nachdem die Ritualgegenstände weggeschafft waren. Das ist der äußere Verlauf der Geschichte dieser Kultusgemeinde. Von ihrem inneren Auf und Ab, von ihren Plänen, Feiern und Beschlüssen, von ihrem geistigen Streben, von ihren Lehrern und Parnossim erzählt kein Buch, berichtet kein einziges Blatt. Ungeschichtlicher Sinn und Interesselosigkeit mögen solche schriftlichen Dokumente verschleudert haben oder verkommen lassen. — - Unser Wagen hielt vor der Synagoge, einem ohne jede Zierde, aus Sandsteinen, errichteten Bau. Wir hatten die Aufgabe, die letzten, zum Wesen eines Gotteshauses gehörenden Einrichtungsgegenstände abzuholen. Zwei Arbeiter brachen mit Hammer umd Stemmeisen die an den Boden geschmiedeten Betbänke heraus und Juden säe mit dem Vorbeterpulte auf das bereitstehende Lastauto. Aus den sich öffnendem Ständen glitten lose, zu großen Folianten gehörende Blätter, alte Luchoth, Fetzen von Gebetmämiteln und Weidensträuße vom Hoschanahrabba-Beste heraus und wehten auf die Dielen. Auch der einfache, aus Holz gefertigte Aron-Hakodesch wurde abgetragen und zuletzt noch das enge Gegitter um die Frauenabteiluiig, das Zeichen frommer-Züchtigkeit und strenger Scheidung der Geschlechter. Die Synagoge war ausgeleert. Nur die Strahlen der untergehenden Sonne füllten sie und der aufgewirbelte, auf- und abwogende Staub. Ich stand versonnen, an die Wand gelehnt. Da — da ballte sich der Staub. Nebelhaftes Dehnen und Gleiten. Bänke zogen sich wieder durch den Raum. Fromme Beter standen darin über das Gebetbuch geneigt. Alte und junge, die Kinder an den Längsseiten. Vor dem Pulte aber mit der Samtdecke, deren Goldbuchstaben Reflexe schössen, die mich ins Herz trafen----vor dem Pulte starad tallisumhüllt der Vorbeter. Und durch die Synagoge klang seine schwache Stimme: „Lecho dodi likras kailoh----" Eine starke Holzlatte knallte von der Frauenempore herab. Das von Staub und Sonne erstellte Bild war verweht. Ich sah jetzt nur den Mörtel auf dem Boden, die Steinbrokken, die zerbrochenen Fenster und ein armselidegs Weidensträußchen. -- Das schwer bepackte Lastauto fuhr schwankend aus dem Hofe. Die Haustüre ließ ich offen stehen.-- Eine jüdische Gemeinde ist ausgestorben. Von Synagogen im Frankenland Wer heute das Glück hat, reisen zu dürfen und wirklich als bewußter Jude wandert, wird mehr als je von den Stätten angezogen wenden, an denen unsere Vorfahren gelebt und gelitten haben. Manchmal ist es. als ob von diesen Steinen eine ungeheure Kraft auf uns Übergänge, und alle diese "vergessenen Gesohlechter uns beiständen in dem Ringen yum umser Dasein Füllhalter u. Reparaturen Spielkarten Maiersche Papierhandlung Inh. Rud. Stern Fachgeschäft für Papieruvd Kontorbedarf München, Karlstr. 8, Ecke Barerstrasse. Telefon57624 und um unser Judentum. Vergangenheit, Gegenwart und Zu-. kunft scheinen in eins zusammenzuschmelzen;. Würzburg am Main, voll von Köstlichkeiten der Kunst vieler Zeitalter, ist reich an jüdischen Erinnerungen, In dieser alten Bischofsstadt haben Juden Freud und Leid in reichstem Maße erfahren. Schon im-11. Jahrhundert mögen Juden hier gewohnt haben, und irf der Mitte des 12. Jahrhunderts zur Zeit des zweiten Kreuzzuges traf sie zum ersten Male bittere Not und Verfolgung. Zwanzig von ihnen wurden getötet. Wir stehen im Hof des Juliusspitales, heute Pflegestätte für kranke Menschen. Hier in diesem Garten — nichts erinnert mehr daran — hat man sie gebettet, unter ihnen waren, drei Rabbiner — Jahrhunderte hindurch diente dieser Ort als Friedhof der ersten Gemeinde. Der einzige jüdische Minnesänger Deutschlands, der wohl etwas später als Walther von der Vogelweide lebte, war der Würzburger Süsskrad von Triraberg. Wir wissen wenig von ihm, aber schon er erfuhr das Schicksal, daß es für die Juden am besten ist, Jude zu bleiben. Am Ende seines Lebens sang er, ein Mann der T-sohiuwa, der Rückkehr: „So fuhr ich denn der Narren Fahrt Dahin mit meiner Kunst. Die Herren weigern mir den Lohn, Des will ich ihre Höfe fliehn. Es soll mir auch-ein langer Bart Von grauen Haareini wachsen. Naoh alter Juden Brauch und Art Will meine Strass' ich ziehen Mein Mantel auch umwall mich lang Tief unter meinem Hut. Gar demutsvoll soll sein mein Gang Und inlknmer sing ich höfschen Gesang, Weil mich die Herren wiesen von dem Gut." „Theatrum judaeorum", so kündet noch heute eine Tafel von einer der Gassen, in denen im Mittelalter die Juden wohnten. Ende des 13. Jahrhunderts raste aufs neue Tod und Verfolgung durch sie. In der Nähe dort steht heute ein Geschäftshaus, ein wenig schöner Zweckbau vergangener Jahrzehnte. Aus dem Boden aber klingen starke Stimmen der Vergangenheit. Mitte des 14. Jahrhunderts ist es. Der „Schwarze Tod" wütete durch Deutschland und mit ihm Judenverfolgungen, wohl die schlimmste, die Deutschland je gesehen hat. Alle Würzburger sollten getötet werden. Sie_ entzogen sich diesem Schicksal dadurch, daß sie sich in ihren Wohnungen und in ihrer Synagoge selbst verbrannten. . Schweigend, voller Ehrfurcht von der Größe ihres Gottesglaubens, stehen wir an dieser Stelle. Um uns versinkt unsere Zeit, kein Hupen eines Autos erreicht mehr unser Ohr. Nur ein brausendes, immer wiederkehrendes Sch'ma Jisroel hören wir aus den Steinen. Sie rufen uns zu, den Juden Deutschlands von 1935: Chasak w'emaz,-sei stark und wahrhaftig. — Nicht jeder erlebt diese Stunde, nicht zu jedem sprechen die Steine. — Kein Gedenkstein kündet von dieser heroischen Tat, und doch ist sie unvergessen. Und wieder und immer wieder haben die Juden in Würzburg Fuß zu fassen versucht im Wechsel der Zeiten. Ende des 16. Jahrhunderts vertrieben,, ihr „Haus der Ewigkeit" verkauft, bildete sich im 19. Jahrhundert eine neue Gemeinde. Ein Metzger von Heidingsfeld schuf sie. Voll des Erlebten in ^dieser Stunde wandern wir nach diesem benachbarten Städtchen hinaus, das heute in das große Würzburg eingemeindet ist. Den Main geht es aufwärts. Hoch grüßt die Mariemfeste als Wahrzeichen über das Land. Als sie in der Schwedenzeit im 30jährigen Krieg mancherlei Schicksal erfuhr, war kein Jude mehr in Würzburg. Durch winklige Gassen an der alten Stadtmauer entlang geht es zur Synagoge in Heidingsfeld. Wenig Juden wohnen noch dort. Die Lehrersfrau führt. — Vor einigen Jahren ist die Synagoge durch die Opferwilligkedt von Juden, die von echtem Gemeinsinn erfüllt waren, wieder hergestellt worden. Das altehrwürdige Gotteshaus, das heute von Gläubigen nicht mehr voll werden kann, steht ails historisches Kleinod unter Denkmalsschutz. Wir^ blättern in einem handgeschriebenen Gebetbuch. Heidingsfeld hat noch heut? seine teilweisen besonderem Gebets-